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Klaus-Dieter Regenbrecht


Übersicht: Buch/Empfehlung des Monats
von Juli 2003 bis Juli 2004

(Die Titel-Links führen zu Amazon.de)

Juni 2004 * Brian Wilson: Gettin' in Over My Head

Immerhin sechs Jahre hat er sich Zeit gelassen, Brian Wilson, um ein neues Soloalbum herauszubringen. Er hat Paul McCartney, Elton John und Eric Clapton für die Mitarbeit gewinnen können, außerdem gibt es ein Duett mit dem vor einigen Jahren verstorbenen Bruder Carl.  2004 könnte Brians Jahr werden, denn nicht nur seine Tourneen sind äußerst erfolgreich, nein, auch die Wiederveröffentlichung von Pet Sounds (als Live-Version) deutete an, dass er wieder da ist. Seine Konzerte in London 2002 und 2004 wurden zu Gigs des Jahres gekürt, Musik-Magazine wie "Rolling Stone" oder "Mojo" brachten seitenlange Artikel. Und im Herbst soll gar eine neue Studioversion des 1967 angekündigten, aber nicht erschienenen SMiLE-Albums auf den Markt kommen.

Wer mehr wissen möchte, das Netz ist voll mit Beiträgen zu SMiLE, und es gibt jede Menge Bücher über Brian Wilson und die Beach Boys.
Mittlerweile gibt es ein paar wohlwollende wie auch verächtliche Kritiken, aber die CD gefällt mir. Gut, sie ist nicht Pet Sounds und nicht SMiLE, aber dennoch Brian Wilson durch und durch, also gar nicht so schlecht für junge Leute, die mal was anderes als die alten Sampler hören möchten.

Meine Empfehlung außerdem: Paul Williams, Brian Wilson & The Beach Boys: How Deep Is the Ocean?


Mai 2004, Siri Hustvedt: Was ich liebte

Kurzbeschreibung
"Was ich liebte" erzählt von sexuellen und künstlerischen Lebensentwürfen, von Familien, Eltern und Kindern. Alles beginnt 1975 im New Yorker Stadtteil SoHo, wo der Kunsthistoriker Leo Hertzberg in einer Galerie ein Bild des jungen Malers Bill Wechsler kauft. Es ist ein Frauenakt, der jedoch den rätselhaften Titel "Selbstporträt" trägt. Bald ziehen Leo und Bill mit ihren Frauen und neugeborenen Söhnen in ein Haus. Ihre Freundschaft ist bestimmt von der Suche nach ihrer Identität. Doch keine Erkenntnis der Welt kann sie auf die Schicksalsschläge vorbereiten, die ihr Leben für immer verändern.

Siri Hustvedt ist im Übrigen die (zweite) Frau von Paul Auster, und beide schreiben Romane, deren Personal und Plot leicht dazu verführen könnten, nicht nur starke Parallelen sondern gar Übereinstimmungen zwischen Fiktion und Wirklichkeit aufzuspüren. So weist eine der Figuren in "Was ich liebte" durchaus Ähnlichkeiten mit Austers Sohn aus erster Ehe auf, der in einen Mordfall im Drogenmilieu verwickelt war und auch zu fünf Jahren Bewährung verurteilt wurde.
Aber es ist ein so alter Streit und ein immer noch brisantes Thema, wie der aktuelle Fall Max Billers zeigt. In meiner Titelgeschichte von "Das Camp - Acht neue Erzählungen", die im Herbst 2004 erscheint, ist genau das Thema, wenn auch unter dem zusätzlichen Aspekt der Reality-Realität mancher Medien.

Hier der Link zur Original-Ausgabe "What I loved"


April 2004, Frank Schirrmacher: Das Methusalem-Komplott

Aus der Amazon.de-Redaktion
Die demografische Katastrophe, auf die wir unweigerlich zusteuern, ist nicht nur das versicherungsmathematische Problem, dessen man gegenwärtig verzweifelt Herr zu werden versucht. Alter ist von jeher mit vielen weiteren, nicht minder existenziellen Nöten und Sorgen behaftet als nur mit denen um die so genannte "Alterssicherung". Das Nachlassen der körperlichen und geistigen Kräfte, Krankheit, Angst und Tod werden mit zunehmendem Alter immer bestimmendere Lebensthemen. Als sei dies für das Individuum nicht schon schlimm genug, kommt eben diese Lebensproblematik mit vielfacher Wucht nun zusätzlich noch auf die Gesellschaft als ganze zu. Die nämlich hat längst begonnen, in einem in jeder Hinsicht beängstigenden Maße zu "überaltern".

"Am Horizont der Zukunft", schreibt Schirrmacher zu Beginn, "baut sich eine der erbittertsten Streitmächte gegen die Alten auf, die es je gegeben hat. Sie marschiert auf uns zu, die wir heute 20, 30 oder 60 Jahre sind, denn wenn der Krieg beginnt, werden wir die Älteren sein. Und die Gesellschaft, die wir geschaffen haben, nimmt den Alternden alles: das Selbstbewusstsein, den Arbeitsplatz, die Biographie. Unsere Lebensentscheidungen basieren auf Grundrissen und Daten eines vergangenen Jahrhunderts. Gingen wir mit dem Raum so um wie mit unserer Lebenszeit, würden wir in Postkutschen reisen."


März 2004 Joni Mitchell: Hejira

Nach ihrer ausgedehnten instrumentalen und klanglichen Experimentierphase auf Court And Spark und The Hissing of Summer Lawns [EJM2], machte Joni Mitchell mit Hejira eine Kehrtwendung hin zum Inneren und zu einer intimeren Musik. Die Arrangements beschränken sich auf Mitchells unverwechselbare Akustikgitarre und ihr Piano, und auf die absolut brillianten und lyrischen Baßphantasien von Jaco Pastorius, dem Wunderkind des Fretless-Basses. Pastorius war schon bei Weather Report für seine wilden, dann wieder fast rokokohaften Baßfiguren bekannt. Auf Mitchells kühlen und besonnenen Balladen wirkte er gezähmter. Das Meditative ihrer Musik forderte von Pastorius ein sehr viel sanfteres, lyrischeres Spiel. Sein komplizierter, kontrapunktischer Baß bildet das Gegenstück zu Mitchells kühlem und elegantem Gesang. Speziell zu hören ist dies in dem erhabenen Lied "Amelia", in welchem das Rätsel um Amelia Earheart in eine Parabel aus Feminismus und romantischer Selbsterfahrung umgedeutet wird. Hier erleben wir keine offensichtlich vor Ehrgeiz brennende Joni Mitchell; und doch machen ihr tiefes Empfinden, ihre Poesie und ihre musikalische Sicherheit diese Platte zu einem ihrer schönsten Werke in einem ohnehin schon herrlichen Gesamtwerk. --Sam Sutherland

In meinem Roman "Die Rheinland-Papiere" gibt es eine längere Passage, in der über dieses Album reflektiert wird. Lesen Sie hier einen kleinen Ausschnitt!


Februar 2004: Frank Schulz: Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien
Aus der Amazon.de-Redaktion
Nach einer Verkettung unglücklicher editorischer Umstände und vielen Jahren der Arbeit liegt nun -- nach Kolks blonde Bräute -- endlich der zweite Teil der Hagener Trilogie vor: Morbus fonticuli oder die Sehnsucht des Laien. Man trifft all die munteren Kneipengesellen und Skatfreunde wieder: Heiner, Satschesatsche und Kolk, aber im Rampenlicht steht diesmal Bodo, Bodo Morten. Und Bodo Morten leidet nicht nur an Morbus Fonticuli, er ist darüber hinaus ein wahrhaft durchtriebener Kerl!

Das wird spätestens im Hauptteil des Romans allzu deutlich: Hier nämlich befinden sich die Tagebucheinträge von Bodo Morten, die er vom Herbst 1994 bis zum Frühjahr 1995 geführt hat, bevor er verschwindet und seine Freunde ihn wieder finden -- fast nackt in die Erde vergraben und längst zum psychiatrischen Fall geworden. Aber Morbus fonticuli oder die Sehnsucht des Laien ist mehr als ein Tagebuch: Es ist ein brillant komponierter Kneipenroman, ein Schelmenroman, ein Heimatroman -- und vor allem ist Morbus fonticuli eine sprachlich furiose Meisterleistung: Frank Schulz besitzt eine ungeahnte Sensibilität für die Alltagssprache bei gleichzeitigen poetischen Höhenflügen.

Die Tagebucheinträge indes sind unterteilt in drei "Bärbel-Phasen" und zeugen vom Fall des Bodo Morten. Ein Straucheln zu Anfang, ein Stolpern schließlich und ein unaufhaltsames Hinausgeschleudertwerden aus dem eigenen "Paralleluniversum": Das Doppelleben als Ehemann der immer geliebten Anita einerseits und die Amour fou zu Bärbel mit dem "gottgegebenen Boulevardarsch" andererseits, treibt ihn zusehends in Wahnsinn und Nervenzusammenbruch. Das alles freilich könnte tragisch anmuten, aber: Frank Schulz ist überdies ein Zeremonienmeister der Komik! Er verhilft uns in einer höchst erquicklichen Melange aus Scherz und Satire, Ironie und Parodie, Kalauer und Nonsens zu vielem Schmunzeln und manchem lauthalsen Gelächter -- und nicht zuletzt zu großem Staunen darüber, wie einfach er Alltagsbanalitäten in Witz zu verwandeln vermag.

Ach ja, Morbus Fonticuli, das ist eine Krankheit, die zwar auf Nerven (vermutlich auch auf Lunge und Leber gleichermaßen) schlägt, die aber dafür das Schreib- und Sprachzentrum der befallenen Person zu Höchstleistungen stimuliert. Wer möchte also nicht an ihr leiden? --Christian Stahl


Januar 2004::Philip Roth: Der menschliche Makel

Aus der Amazon.de-Redaktion
Im Sommer 1998, als der emeritierte Griechischprofessor Coleman Silk dem Ich-Erzähler seine Affäre mit der weitaus jüngeren Putzfrau Faunia Farley beichtet, denkt ganz Amerika "an den Penis des Präsidenten". Es ist der Sommer, in dem der Zigarrenakt Bill Clintons mit Monica Lewinsky ruchbar wird: Der Sommer der moralinsauren Vorwürfe und der scheinheiligen Reue also, in der "das Leben in all seiner schamlosen Schlüpfrigkeit Amerika wieder einmal in Verwirrung stürzte".

Der Kenner des griechischen Dramas Coleman Silk ist selbst eine tragische Figur, die, wie ihr Präsident, öfters auch an fremde Frauen dachte. Und der Ich-Erähler ist der "anerkannte Schriftsteller" Mr. Zuckerman, der bald sein Buch Der menschliche Makel veröffentlichen will -- so geht es zu im neuen, doppelbödigen Roman von Philip Roth, in dem neben Sex natürlich auch das Judentum wieder eine zentrale Rolle spielt. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere ist Silk, der verdienstvolle Dekan einer amerikanischen Universität, über eine Bemerkung gegenüber zwei abwesenden Afroamerikanerinnen gestolpert, die ihn völlig zu Unrecht in den Verdacht des Rassismus brachte: eigentlich eher ein Aufzug des absurden Theaters, der allerdings eine "Chronologie der Schrecken" und irgendwie sogar den Tod von Silks Ehefrau nach sich zieht. Und dann kommt auch wieder Faunia ins Spiel, die mit Silk ein großes Geheimnis teilt.

Gern berichtete der Griechischprofessor den Studenten früher von Homers Achill, der aufgrund sexueller Zurückweisung zur "empfindlichsten Tötungsmaschine in der Geschichte der Kriegführung" mutierte. "In der Verletzung des phallischen Anspruchs beginnt die Dichtkunst", sagte er, "und genau aus diesem Grunde werden wir heute, beinahe dreitausend Jahre später, ebenfalls dort beginnen". Diese Verpflichtung hat Philip Roth mit seinem neuen großen Sittenporträt nach The Great American Novel eingelöst -- und das in der besten Manier, derer die US-Gegenwartsliteratur nach Clinton fähig ist. --Thomas Köster


Dezember 2003:
Schwarze Sekunden
von Karin Fossum

Aus der Amazon.de-Redaktion
Einmal läuft Karin Fossums weltberühmter Ermittler Kommissar Konrad Sejer im Roman Schwarze Sekunden durch die Straßen und freut sich über die rote Feder, die er gefunden hat. "Kinder sammeln alles", denkt Sejer: "sie sind bodennäher, und sie sehen mehr als wir." Durchblick und Weitsicht braucht auch der Kommissar in seinem jüngsten Fall, bei dem ein Mädchen spurlos verschwunden ist. Als Sejer durch die Straßen zieht, hat dessen Mutter Helga Joner bereits einen Albtraum von zehn Tagen Warten und Bangen hinter sich. Kurz darauf hat das Warten ein Ende, und das Bangen schlägt in schiere Verzweiflung um. Denn die verschwundene Ida wird in einen Teppich eingewickelt tot aufgefunden.

Sofort wirft die Leiche für Sejer Fragen auf. Warum zum Beispiel ist die kleine Ida nicht mit ihrem Trainingsanzug und ihren Schuhen bekleidet, mit denen sie das Haus verließ, sondern trägt ein weißes Nachthemd? Ist wirklich der in sich gekehrte Sonderling Emil Johannes für das Verbrechen verantwortlich, wie alle glauben? Aus diesem spannenden Plot hat die norwegische Bestseller-Autorin Karin Fossum wieder einen Krimi gebastelt, der an Spannung kaum noch zu überbieten ist. Es ist schon erstaunlich, wie es der Autorin gelingt, ihr Spannungsniveau nach Dunkler Schlaf oder Stumme Schreie noch einmal zu steigern. Schwarze Sekunden jedenfalls wird seine Leser über mehrere Stunden fesseln und auch danach noch eine Weile beschäftigen. Beste Krimi-Unterhaltung, die ein sensibles Thema angemessen fasst. --Stefan Kellerer


November 2003: Paul Auster: Die New York-Trilogie

Kurzbeschreibung
STADT AUS GLAS. Daniel Quinn, ein Kriminalautor, erhält mitten in der Nacht den Anruf eines Fremden und wird auf Grund eines Missverständnisses in eine Affäre hineingezogen, die komplizierter und undurchsichtiger ist als alles, was er bisher in seinen eigenen Büchern geschrieben hat: Quinn wird, ohne dass ihm Zeit zum Nachdenken bleibt, als Detektiv unter dem Namen Paul Auster eingesetzt.

Wer ist dieser Peter Stillman, den er zu bewachen hat? Und warum versucht sein Vater ihn zu töten? Oder ist der Vater in Wirklichkeit jemand anderer? Und wenn, wer ist der Mann, der ermordet werden soll? Quinn verfolgt alle erdenklichen Spuren, um eine Antwort zu finden. Die Stadt New York wird für ihn zu einem unerschöpflich weiten Raum, zu einem Labyrinth nicht enden wollender Gänge. Naheliegende Schlussfolgerungen scheinen immer mehr ihre Eindeutigkeit zu verlieren. Aus der vordergründig einfachen Aufgabe, einen Mann aufzuspüren, wird schließlich eine aufreibende Suche nach sich selbst.

SCHLAGSCHATTEN. Blue bekommt von White den Auftrag, Black zu beobachten. Ohne über die Hintergründe aufgeklärt worden zu sein, lässt der junge Privatdetektiv sich auf den Fall ein und beschattet Black tagein und tagaus. Bald muss er feststellen, dass seine bewährten Methoden nicht greifen und dass sich Realität und Täuschung nicht mehr ohne weiteres voneinander unterscheiden lassen. Er verliert die Gelassenheit des routinierten Profis und ist besessen von dem Wunsch, Blacks Geheimnis zu ergründen. Sein Leben gerät aus den Fugen, die Konturen seiner Identität lösen sich auf.

HINTER VERSCHLOSSENEN TÜREN. Der Schriftsteller Fanshawe verschwindet eines Tages spurlos und lässt seine junge Frau Sophie mit dem gemeinsamen Kind zurück. Sein Freund aus frühester Kindheit, der Erzähler der Geschichte, übernimmt die Rolle des Nachlaßverwalters und setzt sich erfolgreich dafür ein, dass die vielen Romane und Gedichte veröffentlicht werden. Und er heiratet schließlich Sophie und dringt immer tiefer in das Leben Fanshawes ein. Die Welt bricht für ihn zusammen, als er eines Tages den Hinweis bekommt, dass Fanshawe noch lebt. Fieberhaft versucht er den Freund zu finden und durchlebt eine schwere Krise, in der er seine eigene Existenz in Frage stellt.

Autorenporträt
Copyright: Aus "Das Buch der 1000 Bücher" (Harenberg Verlag)
Auster, Paul US-amerikan. Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmregisseur *3.2.1947 Newark (New Jersey) New York-Trilogie, 1987 Paul Auster ist einer der produktivsten und weltweit erfolgreichsten Vertreter der jüngeren Autorengeneration aus den USA, dessen Werke in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden.

Anm. KDR: Dieses Buch habe ich erst kürzlich gelesen. Obwohl ich schon viel über ihn gelesen und von ihm gehört habe, war ich doch überrascht, wie simpel und zugleich verwirrend kompliziert seine Geschichten sind. Das ist so ein Buch, das man nicht weglegen kann, bevor man es bis zur letzten Seite gelesen hat. Und wenn man selber schreibt, kann man hier ungeheuer viel lernen!

Und hier der Link zur englischsprachigen Original-Ausgabe.


Oktober 2003: Die Lügen der Frauen von Ljudmila Ulitzkaja. Aus der Amazon.de-Redaktion:

Um die russische Literatur hatte sich Ljudmila Ulitzkaja bereits verdient gemacht, als sie selbst noch gar nichts veröffentlichen konnte. Während ihrer Tätigkeit als Genetikerin am Moskauer Akademieinstitut 1967-1969 nahm sie aktiv an der Vervielfältigung und Verteilung in der Sowjetunion verbotener Romane (der so genannten Samisdat-Literatur) teil, weswegen man sie auch entließ. Später schlug sie sich als Assistentin des künstlerischen Leiters am Jüdischen Kammermusiktheater durchs Leben, war aber bald schon zu enttäuscht von den Repressalien, um weiterzumachen. Erst 1983 konnte sie erste Erzählungen publizieren, danach wurden ihre Arbeiten immer wieder von Literaturzeitschriften abgelehnt -- angeblich aus "künstlerischen Gründen".

Das kann niemand verstehen, der Die Lügen der Frauen gelesen hat -- wohl aber, dass den sowjetischen Machthabern auch in den literarischen Entscheidungsgremien die warme, herzliche und scharfe Prosa früherer Texte aus ideologischen Gründen nicht gefallen hat. Erzählt wird die Geschichte von Shenja, der die Frauen gleich reihenweise von ihren traurigen Schicksalen berichten: besonders traurig nur, dass keine der Geschichten stimmt. Als Shenja in einen Verkehrsunfall verwickelt und an den Rollstuhl gefesselt wird, muss sie sich die wahren Freuden des Lebens neu erkämpfen, um nicht in eigenen Lebenslügen zu versinken.

Die Lügen der Frauen ist ein starkes, ein poetisches Buch, dass hinter den Schwindeleien die wirklichen Abgründe im Leben der Figuren offen legt. Von Ljudmila Ulitzkaja jedenfalls, um die sich die Literaturzeitschriften in ihrer Heimat inzwischen reißen, möchte man schnell mehr zu lesen bekommen. --Stefan Kellerer


September 2003: Michael Kleeberg: Proteus der Pilger

Kurzbeschreibung

Mit einem kleinen Exkurs über die eigene Göttlichkeit beginnt die zärtlich-zynische Lebensbeichte des dreißigjährigen Hagen Seelhorst. Der Mittelpunkt des Seelhorst-Clan ist Onkel Wilhelm, Prototyp des sozialen Aufstiegs und Sexprotz, den sein Silikonpenis an den Fortschritt der Technik glauben läßt. Hagens Vater Friedrich fällt einem Genealogen zum Opfer, der ihm eine verwandtschaftliche Beziehung zu Lohengrin einredet. Hagen hingegen- Proteus der Pilger - pfeift auf Ahnenstolz und Prestige. Mit schonungsloser Offenheit berichtet er von seinen Jugend- und Wanderjahren, die von dem Ziel, ein Held und ein Heiliger zu werden, geprägt sind


Juli/August 2003: Dai Sijie: Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Luo ist ein begnadeter Erzähler. Wenn er ins Kino in die Kreisstadt fährt, warten im Dorf schon alle begierig, bis er ihnen die Filmhandlung in allen Einzelheiten nacherzählt. Selbst der herrische Laoban, der Dorfvorsteher, lässt sich von seiner magischen Kunst erweichen. Und als Luo krank wird und die kleine Schneiderin vier Hexen holt, die ihn heilen sollen, heulen die Frauen bei der Geschichte vom koreanischen Blumenmädchen "Rotz und Wasser". In Luo haben sie ihren Meister gefunden: "Was für ein Zauberer, dieser Luo!"

In Dai Sijies autobiografisch angehauchtem Roman Balzac und die kleine chinesische Schneiderin wird Luo gemeinsam mit dem Ich-Erzähler Anfang 1971 zur "kulturellen Umerziehung durch die revolutionären Bauern" in ein Bergdorf geschickt. Zuvor war sein Vater im kommunistischen China Mao Zedongs in einem Schauprozess verurteilt worden. Auf dem Land entdecken die zwei Studenten einen Koffer, der sie in die fremde Welt der westlichen Literatur entführt -- und die Schönheit der kleinen Schneiderin, deren glänzenden Augen Luo schließlich erliegt. So muss sich der Geschichtenerzähler zwischen seinen beiden neuen Lieben ein ums andere Mal entscheiden. Aber dann nimmt die Handlung plötzlich eine ganz andere Wende.

"Wir flüsterten Namen in die Dunkelheit", heißt es einmal im Roman, als Luo und der Ich-Erzähler über die verbotenen Bücher sprechen, "und der Klang der Worte, die Reihenfolge der Silben beschworen fremde, geheimnisvolle Welten". Genau das ist auch Dai Sijie mit seinem wunderschönen Roman gelungen, dessen Handlung mit all ihrer poetischen Magie man eigentlich gar nicht nacherzählen kann. Was für ein Zauberer, dieser Dai Sijie! --Thomas Köster

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