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Juni 2004 *
Brian Wilson: Gettin'
in Over My Head
Immerhin sechs Jahre hat er
sich Zeit gelassen, Brian Wilson, um ein neues Soloalbum herauszubringen. Er hat
Paul McCartney, Elton John und Eric Clapton für die Mitarbeit gewinnen können,
außerdem gibt es ein Duett mit dem vor einigen Jahren verstorbenen Bruder Carl.
2004 könnte Brians Jahr werden, denn nicht nur seine Tourneen sind äußerst
erfolgreich, nein, auch die Wiederveröffentlichung von Pet Sounds (als
Live-Version) deutete an, dass er wieder da ist. Seine Konzerte in London 2002
und 2004 wurden zu Gigs des Jahres gekürt, Musik-Magazine wie "Rolling Stone"
oder "Mojo" brachten seitenlange Artikel. Und im Herbst soll gar eine neue
Studioversion des 1967 angekündigten, aber nicht erschienenen SMiLE-Albums auf
den Markt kommen.
Wer mehr wissen möchte, das
Netz ist voll mit Beiträgen zu SMiLE, und es gibt jede Menge Bücher über Brian
Wilson und die Beach Boys. Mittlerweile gibt es ein paar wohlwollende wie
auch verächtliche Kritiken, aber die CD gefällt mir. Gut, sie ist nicht Pet
Sounds und nicht SMiLE, aber dennoch Brian Wilson durch und durch, also gar
nicht so schlecht für junge Leute, die mal was anderes als die alten Sampler
hören möchten.
Meine Empfehlung
außerdem: Paul Williams, Brian
Wilson & The Beach Boys: How Deep Is the Ocean?
Mai 2004, Siri Hustvedt:
Was
ich liebte
Kurzbeschreibung "Was ich liebte" erzählt von sexuellen
und künstlerischen Lebensentwürfen, von Familien, Eltern und Kindern. Alles
beginnt 1975 im New Yorker Stadtteil SoHo, wo der Kunsthistoriker Leo Hertzberg
in einer Galerie ein Bild des jungen Malers Bill Wechsler kauft. Es ist ein
Frauenakt, der jedoch den rätselhaften Titel "Selbstporträt" trägt. Bald ziehen
Leo und Bill mit ihren Frauen und neugeborenen Söhnen in ein Haus. Ihre
Freundschaft ist bestimmt von der Suche nach ihrer Identität. Doch keine
Erkenntnis der Welt kann sie auf die Schicksalsschläge vorbereiten, die ihr
Leben für immer verändern.
Siri Hustvedt ist im Übrigen
die (zweite) Frau von Paul Auster, und beide schreiben Romane, deren Personal
und Plot leicht dazu verführen könnten, nicht nur starke Parallelen sondern gar
Übereinstimmungen zwischen Fiktion und Wirklichkeit aufzuspüren. So weist eine
der Figuren in "Was ich liebte" durchaus Ähnlichkeiten mit Austers Sohn aus
erster Ehe auf, der in einen Mordfall im Drogenmilieu verwickelt war und auch zu
fünf Jahren Bewährung verurteilt wurde. Aber es ist ein so alter Streit und
ein immer noch brisantes Thema, wie der aktuelle Fall Max Billers zeigt. In
meiner Titelgeschichte von "Das Camp -
Acht neue Erzählungen", die im Herbst 2004 erscheint, ist genau das Thema,
wenn auch unter dem zusätzlichen Aspekt der Reality-Realität mancher
Medien.
Hier der Link zur
Original-Ausgabe "What
I loved"
April
2004, Frank Schirrmacher: Das
Methusalem-Komplott
Aus
der Amazon.de-Redaktion Die demografische Katastrophe, auf die wir unweigerlich zusteuern,
ist nicht nur das versicherungsmathematische Problem, dessen man gegenwärtig
verzweifelt Herr zu werden versucht. Alter ist von jeher mit vielen weiteren,
nicht minder existenziellen Nöten und Sorgen behaftet als nur mit denen um die
so genannte "Alterssicherung". Das Nachlassen der körperlichen und geistigen
Kräfte, Krankheit, Angst und Tod werden mit zunehmendem Alter immer
bestimmendere Lebensthemen. Als sei dies für das Individuum nicht schon schlimm
genug, kommt eben diese Lebensproblematik mit vielfacher Wucht nun zusätzlich
noch auf die Gesellschaft als ganze zu. Die nämlich hat längst begonnen, in
einem in jeder Hinsicht beängstigenden Maße zu "überaltern".
"Am Horizont der Zukunft",
schreibt Schirrmacher zu Beginn, "baut sich eine der erbittertsten Streitmächte
gegen die Alten auf, die es je gegeben hat. Sie marschiert auf uns zu, die wir
heute 20, 30 oder 60 Jahre sind, denn wenn der Krieg beginnt, werden wir die
Älteren sein. Und die Gesellschaft, die wir geschaffen haben, nimmt den
Alternden alles: das Selbstbewusstsein, den Arbeitsplatz, die Biographie. Unsere
Lebensentscheidungen basieren auf Grundrissen und Daten eines vergangenen
Jahrhunderts. Gingen wir mit dem Raum so um wie mit unserer Lebenszeit, würden
wir in Postkutschen reisen."
März
2004 Joni
Mitchell: Hejira
Nach ihrer ausgedehnten instrumentalen und
klanglichen Experimentierphase auf Court And Spark und The Hissing of
Summer Lawns [EJM2], machte Joni Mitchell mit Hejira eine
Kehrtwendung hin zum Inneren und zu einer intimeren Musik. Die Arrangements
beschränken sich auf Mitchells unverwechselbare Akustikgitarre und ihr Piano,
und auf die absolut brillianten und lyrischen Baßphantasien von Jaco Pastorius,
dem Wunderkind des Fretless-Basses. Pastorius war schon bei Weather Report für
seine wilden, dann wieder fast rokokohaften Baßfiguren bekannt. Auf Mitchells
kühlen und besonnenen Balladen wirkte er gezähmter. Das Meditative ihrer Musik
forderte von Pastorius ein sehr viel sanfteres, lyrischeres Spiel. Sein
komplizierter, kontrapunktischer Baß bildet das Gegenstück zu Mitchells kühlem
und elegantem Gesang. Speziell zu hören ist dies in dem erhabenen Lied "Amelia",
in welchem das Rätsel um Amelia Earheart in eine Parabel aus Feminismus und
romantischer Selbsterfahrung umgedeutet wird. Hier erleben wir keine
offensichtlich vor Ehrgeiz brennende Joni Mitchell; und doch machen ihr tiefes
Empfinden, ihre Poesie und ihre musikalische Sicherheit diese Platte zu einem
ihrer schönsten Werke in einem ohnehin schon herrlichen Gesamtwerk. --Sam
Sutherland
In meinem Roman "Die Rheinland-Papiere" gibt es eine
längere Passage, in der
über dieses Album reflektiert wird. Lesen Sie
hier einen kleinen Ausschnitt!
Februar 2004:
Frank Schulz: Morbus fonticuli oder Die
Sehnsucht des Laien Aus der
Amazon.de-Redaktion Nach einer Verkettung unglücklicher editorischer Umstände
und vielen Jahren der Arbeit liegt nun -- nach Kolks blonde Bräute -- endlich
der zweite Teil der Hagener Trilogie vor: Morbus fonticuli oder die Sehnsucht
des Laien. Man trifft all die munteren Kneipengesellen und Skatfreunde wieder:
Heiner, Satschesatsche und Kolk, aber im Rampenlicht steht diesmal Bodo, Bodo
Morten. Und Bodo Morten leidet nicht nur an Morbus Fonticuli, er ist darüber
hinaus ein wahrhaft durchtriebener Kerl!
Das wird spätestens im
Hauptteil des Romans allzu deutlich: Hier nämlich befinden sich die
Tagebucheinträge von Bodo Morten, die er vom Herbst 1994 bis zum Frühjahr 1995
geführt hat, bevor er verschwindet und seine Freunde ihn wieder finden -- fast
nackt in die Erde vergraben und längst zum psychiatrischen Fall geworden. Aber
Morbus fonticuli oder die Sehnsucht des Laien ist mehr als ein Tagebuch: Es ist
ein brillant komponierter Kneipenroman, ein Schelmenroman, ein Heimatroman --
und vor allem ist Morbus fonticuli eine sprachlich furiose Meisterleistung:
Frank Schulz besitzt eine ungeahnte Sensibilität für die Alltagssprache bei
gleichzeitigen poetischen Höhenflügen.
Die Tagebucheinträge indes
sind unterteilt in drei "Bärbel-Phasen" und zeugen vom Fall des Bodo Morten. Ein
Straucheln zu Anfang, ein Stolpern schließlich und ein unaufhaltsames
Hinausgeschleudertwerden aus dem eigenen "Paralleluniversum": Das Doppelleben
als Ehemann der immer geliebten Anita einerseits und die Amour fou zu Bärbel mit
dem "gottgegebenen Boulevardarsch" andererseits, treibt ihn zusehends in
Wahnsinn und Nervenzusammenbruch. Das alles freilich könnte tragisch anmuten,
aber: Frank Schulz ist überdies ein Zeremonienmeister der Komik! Er verhilft uns
in einer höchst erquicklichen Melange aus Scherz und Satire, Ironie und Parodie,
Kalauer und Nonsens zu vielem Schmunzeln und manchem lauthalsen Gelächter -- und
nicht zuletzt zu großem Staunen darüber, wie einfach er Alltagsbanalitäten in
Witz zu verwandeln vermag.
Ach ja, Morbus Fonticuli,
das ist eine Krankheit, die zwar auf Nerven (vermutlich auch auf Lunge und Leber
gleichermaßen) schlägt, die aber dafür das Schreib- und Sprachzentrum der
befallenen Person zu Höchstleistungen stimuliert. Wer möchte also nicht an ihr
leiden? --Christian Stahl
Januar
2004::Philip Roth: Der menschliche
Makel
Aus der
Amazon.de-Redaktion Im Sommer 1998, als der emeritierte Griechischprofessor
Coleman Silk dem Ich-Erzähler seine Affäre mit der weitaus jüngeren Putzfrau
Faunia Farley beichtet, denkt ganz Amerika "an den Penis des Präsidenten". Es
ist der Sommer, in dem der Zigarrenakt Bill Clintons mit Monica Lewinsky ruchbar
wird: Der Sommer der moralinsauren Vorwürfe und der scheinheiligen Reue also, in
der "das Leben in all seiner schamlosen Schlüpfrigkeit Amerika wieder einmal in
Verwirrung stürzte".
Der Kenner des griechischen
Dramas Coleman Silk ist selbst eine tragische Figur, die, wie ihr Präsident,
öfters auch an fremde Frauen dachte. Und der Ich-Erähler ist der "anerkannte
Schriftsteller" Mr. Zuckerman, der bald sein Buch Der menschliche Makel
veröffentlichen will -- so geht es zu im neuen, doppelbödigen Roman von Philip
Roth, in dem neben Sex natürlich auch das Judentum wieder eine zentrale Rolle
spielt. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere ist Silk, der verdienstvolle Dekan
einer amerikanischen Universität, über eine Bemerkung gegenüber zwei abwesenden
Afroamerikanerinnen gestolpert, die ihn völlig zu Unrecht in den Verdacht des
Rassismus brachte: eigentlich eher ein Aufzug des absurden Theaters, der
allerdings eine "Chronologie der Schrecken" und irgendwie sogar den Tod von
Silks Ehefrau nach sich zieht. Und dann kommt auch wieder Faunia ins Spiel, die
mit Silk ein großes Geheimnis teilt.
Gern berichtete der
Griechischprofessor den Studenten früher von Homers Achill, der aufgrund
sexueller Zurückweisung zur "empfindlichsten Tötungsmaschine in der Geschichte
der Kriegführung" mutierte. "In der Verletzung des phallischen Anspruchs beginnt
die Dichtkunst", sagte er, "und genau aus diesem Grunde werden wir heute,
beinahe dreitausend Jahre später, ebenfalls dort beginnen". Diese Verpflichtung
hat Philip Roth mit seinem neuen großen Sittenporträt nach
The
Great American Novel eingelöst -- und das in der besten Manier, derer die
US-Gegenwartsliteratur nach Clinton fähig ist. --Thomas Köster
Dezember
2003: Schwarze
Sekunden von Karin
Fossum
Aus
der Amazon.de-Redaktion Einmal läuft Karin Fossums weltberühmter
Ermittler Kommissar Konrad Sejer im Roman Schwarze Sekunden durch die
Straßen und freut sich über die rote Feder, die er gefunden hat. "Kinder sammeln
alles", denkt Sejer: "sie sind bodennäher, und sie sehen mehr als wir."
Durchblick und Weitsicht braucht auch der Kommissar in seinem jüngsten Fall, bei
dem ein Mädchen spurlos verschwunden ist. Als Sejer durch die Straßen zieht, hat
dessen Mutter Helga Joner bereits einen Albtraum von zehn Tagen Warten und
Bangen hinter sich. Kurz darauf hat das Warten ein Ende, und das Bangen schlägt
in schiere Verzweiflung um. Denn die verschwundene Ida wird in einen Teppich
eingewickelt tot aufgefunden.
Sofort wirft die Leiche für
Sejer Fragen auf. Warum zum Beispiel ist die kleine Ida nicht mit ihrem
Trainingsanzug und ihren Schuhen bekleidet, mit denen sie das Haus verließ,
sondern trägt ein weißes Nachthemd? Ist wirklich der in sich gekehrte Sonderling
Emil Johannes für das Verbrechen verantwortlich, wie alle glauben? Aus diesem
spannenden Plot hat die norwegische Bestseller-Autorin Karin Fossum wieder einen
Krimi gebastelt, der an Spannung kaum noch zu überbieten ist. Es ist schon
erstaunlich, wie es der Autorin gelingt, ihr Spannungsniveau nach Dunkler
Schlaf oder Stumme Schreie noch einmal zu steigern. Schwarze
Sekunden jedenfalls wird seine Leser über mehrere Stunden fesseln und auch
danach noch eine Weile beschäftigen. Beste Krimi-Unterhaltung, die ein sensibles
Thema angemessen fasst. --Stefan Kellerer
November 2003:
Paul Auster: Die
New York-Trilogie
Kurzbeschreibung STADT AUS GLAS. Daniel Quinn, ein Kriminalautor,
erhält mitten in der Nacht den Anruf eines Fremden und wird auf Grund eines
Missverständnisses in eine Affäre hineingezogen, die komplizierter und
undurchsichtiger ist als alles, was er bisher in seinen eigenen Büchern
geschrieben hat: Quinn wird, ohne dass ihm Zeit zum Nachdenken bleibt, als
Detektiv unter dem Namen Paul Auster eingesetzt.
Wer ist dieser Peter Stillman, den er zu bewachen
hat? Und warum versucht sein Vater ihn zu töten? Oder ist der Vater in
Wirklichkeit jemand anderer? Und wenn, wer ist der Mann, der ermordet werden
soll? Quinn verfolgt alle erdenklichen Spuren, um eine Antwort zu finden. Die
Stadt New York wird für ihn zu einem unerschöpflich weiten Raum, zu einem
Labyrinth nicht enden wollender Gänge. Naheliegende Schlussfolgerungen scheinen
immer mehr ihre Eindeutigkeit zu verlieren. Aus der vordergründig einfachen
Aufgabe, einen Mann aufzuspüren, wird schließlich eine aufreibende Suche nach
sich selbst.
SCHLAGSCHATTEN. Blue bekommt von White den
Auftrag, Black zu beobachten. Ohne über die Hintergründe aufgeklärt worden zu
sein, lässt der junge Privatdetektiv sich auf den Fall ein und beschattet Black
tagein und tagaus. Bald muss er feststellen, dass seine bewährten Methoden nicht
greifen und dass sich Realität und Täuschung nicht mehr ohne weiteres
voneinander unterscheiden lassen. Er verliert die Gelassenheit des routinierten
Profis und ist besessen von dem Wunsch, Blacks Geheimnis zu ergründen. Sein
Leben gerät aus den Fugen, die Konturen seiner Identität lösen sich
auf.
HINTER VERSCHLOSSENEN TÜREN. Der Schriftsteller
Fanshawe verschwindet eines Tages spurlos und lässt seine junge Frau Sophie mit
dem gemeinsamen Kind zurück. Sein Freund aus frühester Kindheit, der Erzähler
der Geschichte, übernimmt die Rolle des Nachlaßverwalters und setzt sich
erfolgreich dafür ein, dass die vielen Romane und Gedichte veröffentlicht
werden. Und er heiratet schließlich Sophie und dringt immer tiefer in das Leben
Fanshawes ein. Die Welt bricht für ihn zusammen, als er eines Tages den Hinweis
bekommt, dass Fanshawe noch lebt. Fieberhaft versucht er den Freund zu finden
und durchlebt eine schwere Krise, in der er seine eigene Existenz in Frage
stellt.
Autorenporträt Copyright: Aus "Das Buch der 1000 Bücher" (Harenberg
Verlag) Auster, Paul US-amerikan. Schriftsteller, Drehbuchautor und
Filmregisseur *3.2.1947 Newark (New Jersey) New York-Trilogie, 1987 Paul Auster
ist einer der produktivsten und weltweit erfolgreichsten Vertreter der jüngeren
Autorengeneration aus den USA, dessen Werke in mehr als 20 Sprachen übersetzt
wurden.
Anm. KDR: Dieses Buch habe ich erst kürzlich
gelesen. Obwohl ich schon viel über ihn gelesen und von ihm gehört habe, war ich
doch überrascht, wie simpel und zugleich verwirrend kompliziert seine
Geschichten sind. Das ist so ein Buch, das man nicht weglegen kann, bevor man es
bis zur letzten Seite gelesen hat. Und wenn man selber schreibt, kann man hier
ungeheuer viel lernen!
Und hier der Link zur englischsprachigen
Original-Ausgabe.
Oktober 2003: Die
Lügen der Frauen von Ljudmila Ulitzkaja. Aus der Amazon.de-Redaktion:
Um die russische Literatur hatte sich Ljudmila Ulitzkaja bereits
verdient gemacht, als sie selbst noch gar nichts veröffentlichen konnte. Während
ihrer Tätigkeit als Genetikerin am Moskauer Akademieinstitut 1967-1969 nahm sie
aktiv an der Vervielfältigung und Verteilung in der Sowjetunion verbotener
Romane (der so genannten Samisdat-Literatur) teil, weswegen man sie auch
entließ. Später schlug sie sich als Assistentin des künstlerischen Leiters am
Jüdischen Kammermusiktheater durchs Leben, war aber bald schon zu enttäuscht von
den Repressalien, um weiterzumachen. Erst 1983 konnte sie erste Erzählungen
publizieren, danach wurden ihre Arbeiten immer wieder von Literaturzeitschriften
abgelehnt -- angeblich aus "künstlerischen Gründen".
Das kann niemand verstehen,
der Die Lügen der Frauen gelesen hat --
wohl aber, dass den sowjetischen Machthabern auch in den literarischen
Entscheidungsgremien die warme, herzliche und scharfe Prosa früherer Texte aus
ideologischen Gründen nicht gefallen hat. Erzählt wird die Geschichte von
Shenja, der die Frauen gleich reihenweise von ihren traurigen Schicksalen
berichten: besonders traurig nur, dass keine der Geschichten stimmt. Als Shenja
in einen Verkehrsunfall verwickelt und an den Rollstuhl gefesselt wird, muss sie
sich die wahren Freuden des Lebens neu erkämpfen, um nicht in eigenen
Lebenslügen zu versinken.
Die Lügen der Frauen ist ein starkes, ein
poetisches Buch, dass hinter den Schwindeleien die wirklichen Abgründe im Leben
der Figuren offen legt. Von Ljudmila Ulitzkaja jedenfalls, um die sich die
Literaturzeitschriften in ihrer Heimat inzwischen reißen, möchte man schnell
mehr zu lesen bekommen. --Stefan
Kellerer
September
2003: Michael Kleeberg: Proteus
der Pilger
Kurzbeschreibung
Mit einem kleinen Exkurs
über die eigene Göttlichkeit beginnt die zärtlich-zynische Lebensbeichte des
dreißigjährigen Hagen Seelhorst. Der Mittelpunkt des Seelhorst-Clan ist Onkel
Wilhelm, Prototyp des sozialen Aufstiegs und Sexprotz, den sein Silikonpenis an
den Fortschritt der Technik glauben läßt. Hagens Vater Friedrich fällt einem
Genealogen zum Opfer, der ihm eine verwandtschaftliche Beziehung zu Lohengrin
einredet. Hagen hingegen- Proteus der Pilger - pfeift auf Ahnenstolz und
Prestige. Mit schonungsloser Offenheit berichtet er von seinen Jugend- und
Wanderjahren, die von dem Ziel, ein Held und ein Heiliger zu werden, geprägt
sind
Juli/August
2003: Dai Sijie: Balzac
und die kleine chinesische Schneiderin
Luo ist ein begnadeter
Erzähler. Wenn er ins Kino in die Kreisstadt fährt, warten im Dorf schon alle
begierig, bis er ihnen die Filmhandlung in allen Einzelheiten nacherzählt.
Selbst der herrische Laoban, der Dorfvorsteher, lässt sich von seiner magischen
Kunst erweichen. Und als Luo krank wird und die kleine Schneiderin vier Hexen
holt, die ihn heilen sollen, heulen die Frauen bei der Geschichte vom
koreanischen Blumenmädchen "Rotz und Wasser". In Luo haben sie ihren Meister
gefunden: "Was für ein Zauberer, dieser Luo!"
In Dai Sijies autobiografisch
angehauchtem Roman Balzac und die kleine chinesische Schneiderin wird Luo
gemeinsam mit dem Ich-Erzähler Anfang 1971 zur "kulturellen Umerziehung durch
die revolutionären Bauern" in ein Bergdorf geschickt. Zuvor war sein Vater im
kommunistischen China Mao Zedongs in einem Schauprozess verurteilt worden. Auf
dem Land entdecken die zwei Studenten einen Koffer, der sie in die fremde Welt
der westlichen Literatur entführt -- und die Schönheit der kleinen Schneiderin,
deren glänzenden Augen Luo schließlich erliegt. So muss sich der
Geschichtenerzähler zwischen seinen beiden neuen Lieben ein ums andere Mal
entscheiden. Aber dann nimmt die Handlung plötzlich eine ganz andere
Wende.
"Wir flüsterten Namen in die
Dunkelheit", heißt es einmal im Roman, als Luo und der Ich-Erzähler über die
verbotenen Bücher sprechen, "und der Klang der Worte, die Reihenfolge der Silben
beschworen fremde, geheimnisvolle Welten". Genau das ist auch Dai Sijie mit
seinem wunderschönen Roman gelungen, dessen Handlung mit all ihrer poetischen
Magie man eigentlich gar nicht nacherzählen kann. Was für ein Zauberer, dieser
Dai Sijie! --Thomas Köster
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