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Alle Rechte vorbehalten © All rights reserved by Klaus-Dieter Regenbrecht 1998 - 20
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Die Vorwarnungen, Der Sender (SWR4)Am See, Redaktionskonferenz,
Koblenz, Löhr-Center, Vallendar am Rhein und Koblenz,Wohngebiet linksrheinisch

 

(EK) Die Vorwarnungen

Über Monate erschreckte ein leichtes Zittern der Erde die Menschen in unregelmäßigen Abständen. Häufiger in der Nacht, aus dem Schlaf gerissen, mochte man glauben, geträumt zu haben und war sich der Wahrnehmung nicht sicher. Was nicht sein kann, das nicht sein darf, dachte man und ging weiter, allerdings etwas verunsichert, seinen Geschäften nach.

Ein oder zweimal in der letzten Zeit jedoch war das Beben heftiger und spürbarer gewesen: Gläser klirrten und zersprangen, leichte Risse wurden in älteren Hauswänden sichtbar, hie und da fiel ein Bild von der Wand, Fernsehantennen und Satellitenschüsseln waren neu auszurichten, schmale Aufbrüche an einigen Straßen der Vordereifel ärgerten die Autofahrer. Eine defekte Weiche auf der Bahnstrecke zwischen Koblenz und Köln führte zu nachhaltigen Verspätungen der Züge, führte aber zu keinem Unglück. Die Schäden wurden überall schnell behoben. Das Leben verlief weiter in seinen geordneten Bahnen.

Einige Sensible, Nachdenkliche, auch Ängstliche jedoch blieben wachsam. Fetzen alter Erinnerungen tauchten im Gedächtnis auf, in der Schulzeit Gehörtes, Gelesenes, Gelerntes.

Und so klingelten nun die Telefone bei Verwaltungen und Behörden, suchten die Bewohner des Großraums Koblenz bei Polizei und Feuerwehr Auskunft und Beruhigung zugleich zu bekommen.

Gewiss hatte es auch in der Vergangenheit starke Beben mit Schäden im Mittelrheingebiet gegeben. Zuletzt April 1992 mit 5,8 oder beispielsweise das Beben im März 1951 mit dem Epizentrum Euskirchen und der Stärke von 5,8. Über die Jahrhunderte hatte sich immer wieder die Erde bewegt und Mauerrisse, Giebeleinstürze, Kamin- und Dachschäden verursacht. Menschen kamen selten zu Schaden. Von dem bislang schwersten Beben im Oberrheingraben bei Basel im Jahre 1356 ist bekannt, dass über 300 Todesopfer zu beklagen waren.

Von verheerenden Beben und Verwüstungen weiter Landstriche wie im Mittelmeerraum ist Deutschland auch in seinen kritischen Regionen, Schwäbische Alb, Oberrheingraben, Mittelrhein, bis jetzt verschont geblieben.

 
 

(EK) Der Sender
Studio SWR4
("da sind wir daheim!"), Friedrich-Ebert-Ring, 56068 Koblenz

SWR4 auf UKW Astra 1c, Kanal 48, 7,56 MHz

Studioleiterin: Hanni B. Zwölf Mitarbeiter (mit Freien und Praktikanten) in engem Austausch mit den Regional-Büros Bad Neuenahr und Betzdorf (Westerwald).

Nachrichten: zu jeder vollen Stunde, regionale Nachrichten aus den Studios achtmal, bzw. viermal samstags.

Am Morgen des 13. Juli gab es die ersten Anfragen im PC. Auch der Ticker im Nebenraum ratterte.

Die Leiterin des Regionalsenders, Hanni B., war wie elektrisiert; als Workaholic, intelligent und ehrgeizig im Sender bekannt, war ihr journalistischer Spürsinn geweckt. Ferienzeit bedeutete Saure-Gurken-Zeit. Die Reportagen erschöpften sich in Feuerwehr-Übungen, Kirmes, Waldfesten und Ähnlichem. Endlich passiert mal was, dachte sie. Ihre Notizen wurden umfangreicher. Helen, die Mitarbeiterin für Aktuelles, begann bereits mit der Sichtung. Eine Serie von leichten Erdbeben, die an sich nicht beunruhigen sollte. Aber da waren noch der Anruf und das Fax des Studenten aus Bonn gewesen. Von irgendeinem Geo-Institut, niemand nehme ihn ernst, aber die Anzeichen seien eindeutig. Ein schwerstes Erdbeben, möglicherweise mit Eruption in der Vordereifel stünde bevor, und zwar in den nächsten zwei, drei Tagen. Auf dem Fax jede Menge Kurven und Diagramme, die den beiden Frauen nichts sagten.

Hanni B. nahm ihren Block, stellte eine Liste zusammen, an deren Ende, dreimal unterstrichen, das Datum 14. Juli gesetzt war. Sie rief ihre Leute zusammen und unterrichtete sie kurz von der außerordentlichen Redaktionskonferenz für morgen, den 14. Juli, acht Uhr, überhörte den Protest ob der frühen Stunde, verteilte noch ein paar Aufgaben und entließ Mitarbeiter und Praktikanten einigermaßen verdutzt.

"Helen, komm doch bitte mit." Es geschah selten und nur bei besonderem Anlass, dass die beiden so unterschiedlichen Frauen sich zurückzogen. Hanni stand mit dem Rücken an das Treppengeländer gelehnt und rauchte in tiefen Zügen: "Was meinst du?" Nur Helen wusste von dem Anruf des Studenten.

Eine Weile sah sie abwesend auf den Fußboden. "Wenn der Kerl ein Spinner ist, sind wir blamiert."

"Und wenn er Recht hat?", entgegnete Helen, "wenn die offiziellen Verlautbarungen nur Hinhaltemanöver sind?" Sie sahen sich fragend an, zuckten ratlos die Schulter. Hanni griff mit einer energischen Bewegung in ihren kurzen, blonden Schopf: "Ich muss weg, du bleibst hier und hältst die Stellung. Schau im Internet nach, was du über Vulkanismus und so finden kannst. Versuch mal, andere Beobachtungsstationen anzuzapfen."

Als sie gegen Mittag zurückkam, war sie mit Büchern beladen. Sie war blass, wehrte alle Fragen ab und verschwand in großer Eile in ihrem Büro, schloss sich ein, nahm keine Telefonate entgegen und kam auch bei Feierabend nicht zum Vorschein.

Sie las. Keine Bildschirmauskunft, keine Webseite konnte ihr im Augenblick weiterhelfen, die wissenschaftlichen Beiträge im Computer verwirrten sie. Als geübte Leserin flog sie über die Seiten, blieb an Formeln und Berechnungen hängen und hetzte dann weiter im Text. Den schönen Bildern widmete sie sich nur beim Weiterblättern der Seiten.

Weit nach Mitternacht war sie soweit, dass sie sich einen Überblick verschafft hatte. Zusammen mit Helens Ergebnissen aus dem Computer, erschienen die Aussagen des anonymen Studenten in einem ganz anderen Licht. Und neue Fragen tauchten auf. Warum wurde die Öffentlichkeit nicht ausreichend vorgewarnt? Ein Vulkanausbruch. Oder irrten sie sich?

"Ich spüre es", flüsterte Hanni, "wir werden einen Vulkanausbruch haben, einen gewaltigen."

 

 

 

(EK) Am See

Den Mönchen und einigen Besuchern war aufgefallen, dass der Seespiegel in bleigrauer Färbung erschien, obwohl der Himmel in zartestem Blau erstrahlte. Keine Wolke spiegelte sich im Wasser, kein Baum; es war, als verschlucke der See alle Umrisse. Die Wasserfläche lag unbeweglich, kein Lüftchen bewegte die Uferböschung.

Am Abend des 13. Juli verschwanden plötzlich die Enten vom See. Niemand hatte beobachtet, wohin sie geflogen waren. Viele hatten ihr Verschwinden gar nicht bemerkt. Die Wildschweine, das Damwild, auch die Hasen und Wildkaninchen stoben in Richtung Brohl und weiter in die Eifel davon. Es gab einige Zusammenstöße mit Fahrzeugen, doch das war um diese Jahreszeit und in hellen Sommernächten nichts Außergewöhnliches. Es gab keine Verletzten und die Blechschäden wurden durch die Versicherung abgewickelt. Dem Revierförster hatte man Mitteilung gemacht, doch bevor der die Nachrichten auf den Dienstweg gab, wollte er sich selbst von dem Phänomen überzeugen.

Den Campern am Nordufer des Sees kam das Wasser beim abendlichen Bad besonders warm vor; doch sie genossen das herrlich angenehme Gefühl als mild-liebliche Dreingabe für ihren Urlaub.

Auf dem schmalen Uferstreifen, im Rücken schützend die Felsen bei der Alten Burg, lagerte in den Sommermonaten "der Bayer". Seit Jahren kam er in den Tagen nach dem ersten Mai, Schlafsack, Kochtopf und die Rotweinflasche im speckigen, abgetragenen Rucksack. Mit weit ausholenden Schritten, Raum greifend, ging er durch den Wald, nahm Besitz von seinem Fleckchen Erde und ließ sich nieder. Im Herbst verschwand er ungesehen, ein angenehmer Gast.

Er war genügsam, briet sich gelegentlich einen Fisch aus dem See oder ging auf den Feldern und in den Obstkulturen der Mönche "einkaufen". Sehr früh morgens zog er los und war zum Morgenläuten bereits wieder an seinem Platz am See. Man kannte ihn, ließ ihn in Ruhe. Er liebte diese Monate, saß oft tagelang an die warmen Felsen gelehnt, unbeweglich, mit dem Blick über den See und den Horizont. In seinen Gedanken war er dann unterwegs in Hitze, Sturm, Kälte fremder Kontinente; er durchmaß die Wüsten, die Wälder, die Gebirge dieser Erde. Tauchte in die Meere, lotete ihre tiefen Geheimnisse aus, verirrte sich in den unwirtlichen Städten. Er durchlebte die menschlichen Leidenschaften und litt als arme Kreatur. Im Reich seiner Fantasie zu Hause, hatte er alles Denkbare gedacht und erforscht. An diesem Maar der Eifel fühlte er sich gesegnet und angekommen.

Ab und zu holte er sich frischen Rotwein, auch da hatte er seine Quellen, und da er ein Heimlicher und ein Schweiger war, blieb dies ungenannt und unbekannt.

Als er am Abend des 13. Juli zu seinem Lager kam, bemerkte er die Veränderung. Die Stille fiel ihm auf, kein Hauch, kein Blatt regte sich, kein Laut vom Campingplatz. Und es stank ekelhaft um seinen Schlafsack; er suchte unter dem Felsen, im Laub, die Erde war ungewöhnlich warm, fast heiß. Auch das Wasser erschien ihm erdig und schmierig, das Bad hatte nicht erfrischt. Unruhe erfasste ihn. Der See lag in fahler Dämmerung, seltsam fremd und fast lauernd. Ein Unbehagen ergriff ihn, eine Ahnung kroch in ihm hoch, spannte das Unheimliche seine Sinne. Er erinnerte sich schlagartig: Vor Jahren hatte er Ähnliches bei seinen Wanderungen am Spirit Lake in den USA gespürt. Von der Wucht der Erkenntnis taumelte er fast.

Fahrig rollte er seinen Schlafsack zusammen, packte Kochtopf, Schuhe, Flasche und den Rest, stopfte alles in den Rucksack und ging, immer schneller werdend, durch die Dunkelheit des Waldes davon, der Straße entgegen. Kein Blick zurück, die Zeit am See war vorbei.

In der Nacht sprangen die letzten Fische. Wild und heftig schlagend, versuchten sie dem See zu entkommen und als sie starben, sanken sie auf den Grund und zerfielen schnell.

 

 

 

 

(EK) Redaktionskonferenz, 14. Juli, morgens 8 Uhr

Hanni B. hatte sich entschlossen, taktisch vorzugehen, das Thema sollte als unverfänglicher Rechercheauftrag auf den Tisch kommen:

  • Wie weit sind die Arbeiten am Vulkanpark? Was sieht der Besucher inzwischen und ist das didaktische Material für Jedermann verständlich?
  • Hat sich der finanzielle Einsatz, auch durch das Land, niedergeschlagen?
  • Wie waren die diversen Museen ausgestattet? Lebendig und verstehbar auch für Laien und Kinder?
  • Was konnte man berühren, erfassen, vielleicht riechen? Welche Objekte kamen zum Einsatz?
  • Welche Ansprechpartner standen Interessierten zur Verfügung? Wie war das Personal geschult?
  • Wo und wie waren gastromonomische Angebote?
  • Und was erhofften und versprachen sich die Ortsvorsteher und die Bürgermeister der Verbandsgemeinden?
  • Umfrage auf den Straßen: Was denken die Bürger in der betroffenen Region?

Sie hatte einige der ausgeliehenen Bücher mitgebracht: "Und macht Euch bitte kundig, wie vulkanische Landschaften entstehen."

Dann Lachen, Umarmungen, Verabredungen. Die Sonne schien und die Crew war begierig, am nächsten Tag hinauszufahren in einen strahlend schönen Sommertag, eifrig und voller Tatendrang. Hanni mochte ihre Mitarbeiter, schätzte ihre Qualifikation und Begeisterungsfähigkeit.

Und dann war sie allein. Stille in fast allen Räumen. Der Ehrgeiz, eine erstklassige Reportage zu machen, hatte sie gepackt. Die ihr teilweise immer noch unbekannten Begriffe schwirrten durch ihren Kopf: Magnitude, Seismotektonik, Riffstrukturen, Kontinentaldrift, Hypozentrum, Molassebecken, harmonischer Tremor, Laki-Spalte, Lapilli, Quellkuppen; sie war gefesselt von den vielen Möglichkeiten, die dieses Thema barg. Das schmale Bändchen von Schmincke faszinierte sie und so wanderte sie mit diesem Führer zurück in die Urzeit der Erde. Angst und Schrecken einer möglicherweise bevorstehenden Katastrophe relativierten sich in diesem kosmischen Zusammenhang.

 

 

Samstag, 15. Juli, Vormittag
(DM) Löhr-Center, Koblenz

"Ich freue mich, dass es endlich mit unserem Treffen geklappt hat."

Meine Freundin Ulli drückt mir zur Begrüßung zwei Küsschen auf die Wange und auf gehts zu unserem verabredeten Shopping im Löhr-Center. Es herrscht schon reger Betrieb an diesem Samstag morgen.

"Eigentlich wunderts mich, dass so viele Leute sich ins Einkaufscenter verziehen, wobei draußen doch herrlichster Sonnenschein ist," meint Ulli. "Hast du nicht Lust, ein wenig in der Sonne zu sitzen und einen Cappuccino zu trinken?"

"Gute Idee, erstmal alles in Ruhe angehen lassen. Wir haben uns schließlich beide den ganzen Tag frei genommen."

Gesagt, getan! Wir schlendern aus dem Center zum gegenüberliegenden Eis-Café und machen es uns in der Sonne gemütlich. Kaum haben wir Platz genommen und unseren Cappuccino bestellt, fängt alles an zu vibrieren. Ganz kurz nur, wie so oft schon in den Vortagen.

"Mein Gott, da ists schon wieder. Langsam kann man richtig Angst bekommen vor diesen Beben. Hoffentlich passiert nichts Schlimmeres."

"Ach Quatsch, dann hätte man längst die Bevölkerung gewarnt und mit Evakuierungen begonnen. Das ist eben so hier bei uns im Rheinland. Immer etwas in Bewegung," meint meine Freundin bevor sie sich genussvoll eine Zigarette ansteckt.

Auch die Menschen um uns herum nehmen es gelassen. Einige lächeln zwar unsicher, hier und da auch mal ein etwas verängstigter Blick in die Runde, aber schnell ist es wieder so, wie an einem ganz normalen Sommermorgen.

Wir lassen uns viel Zeit, beobachten die vorbeikommenden Menschen und lassen einige Bemerkungen über den ein oder anderen fallen, eine Lieblingsbeschäftigung von uns.

Nach einer Weile schlendern wir zurück ins Löhr-Center und starten mit unserem Einkaufsbummel in einer kleinen Boutique. Gerade probiere ich in einer Kabine ein luftig-leichtes Sommerkleid an, da ist es schon wieder, ein Beben, ein Vibrieren des Bodens, jetzt schon mehr einem leichten Schütteln gleich. Der Spiegel an der Wand und der Stuhl in der Ecke wackeln. Es ist, als wenn man für den Bruchteil einer Sekunde den Boden unter den Füßen verliert. Ich versuche mich gerade an der Wand festzuhalten, als es schon wieder vorbei ist.

"Hat es uns mal wieder geschüttelt?" Ulli schiebt etwas unsicher lächelnd den Kabinenvorhang zurück.

"Na ja, man gewöhnt sich an alles," erwidere ich. "Leichtes Schütteln erhöht vielleicht das Denkvermögen," füge ich hinzu und versuche so die Situation mit Humor zu nehmen. Im Geschäft ist es wie vorher im Café. Der Betrieb läuft weiter. Ich entscheide mich, das Kleid doch nicht zu kaufen. Irgend etwas drängt mich dazu, die Boutique so schnell wie möglich zu verlassen. Ist es etwa doch Angst? Unsinn! Alles hat sich wieder beruhigt, warum sollen wir uns den schönen Tag verderben lassen?

Inzwischen ist es fast Mittag geworden. Wir entschließen uns unseren Hunger im Basement beim Chinesen zu stillen.

"Wirklich toll, die Sommerdeko des Centers in diesem Jahr, findest du nicht auch", meint meine Freundin. Wir genießen unsere Frühlingsrollen und schwärmen vom nächsten Urlaub. Die meterhohen Palmen, die vom Basement bis ins Obergeschoss reichen, der mit viel Sand angedeutete Strand, die Luftmatratzen und die anderen Badeutensilien. All das ist wie geschaffen, um Urlaubsstimmung aufkommen zu lassen.

 

 

(AS) Vallendar am Rhein

Marie schaut wieder einmal zu der großen Uhr mit den schwarzen Zahlen und dem gleichfarbigen breiten Rand, die gegenüber dem großen Eiche Esstisch hängt. Den letzten Kontrollblick tat sie vor fünf Minuten. Wann werden sie endlich kommen, Rike und der kleine Paul?, fragt sich Marie seit Stunden. Das Flugzeug sollte vor sechs Stunden, um 4 Uhr 30 in Frankfurt landen. Sie hatte immer und immer wieder versucht die Handy-Nummer zu erreichen, die sie vor zwei Tagen mitgeteilt bekommen hatte. Vom Flughafen in Melbourne hatte ihre Tochter telefonisch gerade noch mitgeteilt, dass sie schon dort eine dreistündige Verspätung habe, so dass sich also die Ankunft in Frankfurt wesentlich verzögere.

In Frankfurt ist für sie ein Mietwagen gechartert. Jetzt heißt es also warten, warten, warten für Marie.

Ihr Mann Günter, der im Garten schon die Terrasse für die große Grill-Party vorbereitet, steht an der Gartentreppe neben der Garage.

"Sie sind da!", ruft er.

Marie ist bereits an der Treppe vor dem Hauseingang; plötzlich geht ein starkes Zittern durch ihre Knie, sie glaubt, die Beine würden ihr den Dienst versagen. Drei Jahre hat sie Ulrike nicht mehr gesehen, nur auf Video, aber nicht wirklich. Wird Rike noch die gleiche junge Frau sein, die vor drei Jahren bei der Heirat mit Stefan erklärt hatte, sie gehe mit ihm nach Melbourne, wohin seine Firma ihn für zwei Jahre versetzen wollte? Inzwischen sind drei Jahre vergangen und die junge Familie fühlt sich in Australien zu Hause, im Land ihrer Träume.

Der endgültige Abschied von der Heimat, dem Rheintal, war ihnen nicht leichtgefallen. Der Anblick des bedrohlichen Atommeilers von Mülheim-Kärlich jedoch erleichterte die Entscheidung.

Der Anblick des Meilers hatte die ganze Familie schon beim Einzug vor zwölf Jahren erschauern lassen. Als Marie diese Gedanken durch den Kopf gehen, erinnert sie sich kurz der Erdstöße, die in den letzten zehn Tagen das Neuwieder Becken hatten erbeben lassen, ohne dass größere Schäden entstanden waren.

An der Garageneinfahrt sieht Marie ihre Tochter mit dem kleinen, blau gekleideten Menschenkind im Arm. Die beide haben Günter schon begrüßt und stürzen nun auf Marie zu. Sie drückt Tochter und Enkel an sich, sprachlos. Christiane, die noch zu Hause wohnt und in Bonn studiert, eilt aus der Haustür; wegen eines Telefongespräches hätte sie die Ankunft der Ersehnten fast verpasst. Sie umarmt die Schwester und den Kleinen ganz herzlich und sagt:
"In einigen Minuten werden auch Michael und Nina eintreffen, sie haben sich gerade übers Handy gemeldet. Also kann die Wiedersehensparty losgehen. Papa hat schon Feuer unterm Schwenkgrill."

"Das ist ja eine tolle Überraschung, ein solch festlicher Empfang", freut sich Rike, "damit habe ich nicht gerechnet, gut, dass ich Paulchen unterwegs auf dem Parkplatz gestillt habe, so können wir jetzt erst einmal zusammensitzen und auf den guten alten Rhein schauen, den ich in Australien schon vermisst habe. Ein Fest für Paulchen und seine Mama, toll!"

Günter trägt die beiden schweren Reisetaschen in Rikes altes Zimmer und setzt auf der Terrasse den Kinderwagen zusammen. Er legt eine kleine, bunte Wolldecke und ein Kissen hinein. An der Terrassentür hält Marie das acht Wochen alte Kind im Arm; er nimmt es ihr ab, um es in den Kinderwagen zu legen. Zwei Meter entfernt steht der Schwenkgrill, daneben ein kleiner Tisch, auf dem ein großer Teller mit Grillgut abgestellt ist, sowie Teller und Becher aus Pappe und Plastikbestecke. Günter schaut zur Uhr, Michael und Nina sind noch nicht angekommen; eine plötzliche Windböe treibt die Teller und Becher durch die umliegenden Gärten. Dunkle Wolken, denkt Güter, der Wetterbericht lautete anders. Und Marie denkt, sie hätte doch besser richtiges Geschirr hergenommen, statt mit dem Plastikzeug die Umwelt zu belasten.

In der Zwischenzeit räumt Ulrike Sachen in ihr altes Mädchenzimmer. Alles ist dort noch wie vor drei Jahren, nur ein Möbelstück ist dazugekommen, das Kinderbett, in dem ihr Sohn Paul schlafen wird. Mit dem Zeigefinger streicht Rike sanft über die Decke mit den süßen, kleinen Herzen; hier haben wir drei unsere Kindheit verbracht, hier wird für die nächsten vier Wochen Klein-Paulchen schlafen, denkt Ulrike, während sie hinunter zur Terrasse geht.

Die Sonne ist verschwunden, Windböen jagen durch den Hof, dennoch hat es nicht abgekühlt, eher scheint die Hitze noch unerträglicher geworden zu sein.

"Ich höre Donnergrollen in der Ferne, es naht wohl ein Unwetter, und Nina und Michael sind noch immer nicht da", sagte Günter.

"Lass uns hier abräumen und ins Wohnzimmer ... Oh, Gott, was war das?!", ruft Marie mit weit aufgerissenen Augen.

Ein Krachen, Zischen, Lärmen zieht durch die Luft, ein Donnergrollen ohne Ende, ferne Blitze erhellen den dunklen Himmel.

 

 

(BF) Koblenz, Wohngebiet linksrheinisch

Corinna Wolf trat auf die Terrasse.

"Herbert," rief sie ins Haus, "komm doch mal raus und sieh dir das Licht an. Ist das nicht ein wunderschöner Sommertag?"

Ihr Blick ging vom Grün der Bäume in den hellblauen Himmel. Dabei legte sie den Kopf soweit in den Nacken, dass der geflochtene Zopf lang am Rücken hinab baumelte.

Herbert trat mit einem leisen Schritt neben sie. Sie spürte ihn mehr, als sie ihn hörte.

"Weißt du, Herbert, bei einem solchen Sonnenschein denke ich an Van Gogh. Die kräftigen Farben sind so überwältigend. Der Sommer ist für mich die schönste Jahreszeit. Nichts ist mehr blass und farblos, alles ist durchdrungen von Leben. Das tiefe Grün der Bäume ist eine Wohltat für die Augen. Und sieh' dir unsere Sonnenblumen an, sie strahlen in einem unglaublichen Gelb. Das Licht heute animiert mich geradezu, meine verschüttete Leidenschaft neu zu entdecken. Ach, warum habe ich nur Journalismus studiert?"

Ihr Mann legte seinen Arm um ihre Schultern.

"Deine Frage ist sehr interessant. Vielleicht hättest du wirklich lieber eine stümperhafte Malerin werden sollen als die glänzende Journalistin, die du bist. Dann hätte ich dich öfter in meiner Nähe als jetzt."

Er sah Corinna mit breitem Lächeln an. Sie befreite sich aus seiner Umarmung und stupste ihn mit leicht geballter Faust an.

"Du Ungeheuer. Wie konnte ich dich nur heiraten?"

"Vielleicht, weil du ein logisch denkendes Wesen bist mit einem riesengroßen Herzen für einen armen Streuner. Bleib mal so, wie du bist. Aber heute ist wirklich ein traumhaft schönes Wetter. Da können wir mal so richtig was im Garten tun. Der hat es nötig. Ist nix mit Liegestuhl und ausruhen. Willst du lieber den Rasen mähen oder Unkraut rupfen?"

"Och, nein. Erst reißt du mich aus meinen schönsten Tagträumen und dann musst du mich auch noch an das Arbeiten erinnern. Wenn ich schon arbeiten muss, dann will ich wenigstens etwas Sinnvolles tun. Für die Rupferei ist die Erde viel zu trocken. Dafür muss es erst mal wieder regnen. Sonst bleiben alle Wurzeln in der Erde, und ich reiße nur die Stängel ab. Ich hole mir lieber das Notebook unter den Sonnenschirm. Mein Artikel für die Montagsausgabe ist noch nicht fertig."

"Es ist bewundernswert, wie perfekt dein Job dich davon abhält, Gartenarbeit zu machen. Aber das bin ich ja gewöhnt. Beschwere dich nur nicht, dass der Rasenmäher dir zu laut wäre und du nicht denken könntest. Bevor es nachher vielleicht ein Gewitter gibt, muss das Gras unbedingt getrimmt werden. Unser Garten besteht bald nur noch aus einer wilden Wiese."

"Ja, ja, und dann kommen die Hasen, fressen unsere Pflanzen ab und hinterlassen ihre Sch.....! Ich weiß schon, Männlein. Mähe du mal schön den Rasen. Ich sag auch nix, wenn es laut wird."

Corinna holte ihren kleinen Computer, stellte ihn auf den Gartentisch und setzte sich in den Schatten. Hinter ihr rumorte ihr Mann im Gerätehaus. Er fuhr den Rasenmäher auf das hohe Gras und stöpselte den Stecker ein. Mit lautem Gebrumme sprang der Motor an und der Mäher malte Streifen in die Wiese. Corinna setzte sich die Sonnenbrille auf. Der Lichteinfall auf dem Bildschirm störte, und sie wechselte den Stuhl. Doch wie sie das Gerät auch drehte, das Sonnenlicht war einfach zu hell. Sie sah nichts. Mist, knirschte sie vor sich hin und machte den Deckel des Gerätes wieder zu. Dann eben nicht. Sie stand auf, klappte den Sonnenschirm zu und setzte sich wieder. Sie zog mit den Händen die Armlehne etwas höher und drückte das Rückenteil ihres Stuhles in Liegestellung. Mit dem rechten Fuß zog sie sich einen zweiten Stuhl heran, legte ihre Beine auf die Sitzfläche, schob den linken Schuh über die Ferse und stupste ihn hinunter. Dann zog sie sich auf die gleiche Weise mit dem linken Fuß den rechten Schuh aus. Geschafft. Sie atmete tief und genussvoll ein. Ihr ganzer Körper streckte und dehnte sich der Sonne entgegen. Einige Minuten lang lag sie so völlig entspannt auf ihrem Liegestuhleigenbau.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, als ob sich irgend etwas in ihrem Umfeld ändere. Es lag eine unbestimmte Spannung in der Luft. Sie öffnete die Augen und sah in den Himmel. Durch die getönte Sonnenbrille sah der Himmel noch blauer aus. Ihre Sinne richteten sich auf jedes Geräusch. Das Brummen des Rasenmähers tönte nun entfernter von der anderen Hausseite. Doch da war auch wieder das andere Geräusch, das in den letzten Wochen schon häufiger zu hören war. Ein dumpfes, knirschendes Getöne, als fahre im Fels unter ihr eine Untergrundbahn. Wieder ein kleines Erdbeben. Der Gedanke sprang sie mit einem Angstgefühl an.

Corinna nahm die Füße vom Stuhl, stellte die Rückenlehne senkrecht und stellte sich. Sie nahm ihr Notebook vom Tisch und ging leicht schwankend in die Mitte des Gartens. Dabei beobachtete sie ängstlich, wie sich Haus und Erde bewegten. Das war die stärkste Erschütterung gewesen, die Corinna bisher erlebt hatte. Das Brummen des Rasenmähers hatte aufgehört. Herbert kam wie leicht betrunken auf Corinna zu. Er war ganz bleich.

"Das hat ja ordentlich gerumpelt," sagte er leise. "Hoffentlich ist die Gasleitung noch dicht!"

In den letzten Wochen hatte es bereits einige kleine Erdbeben gegeben. Obwohl sie keinen großen Schaden angerichtet hatten, stürzten sich die Medien auf jeden heruntergefallenen Dachziegel und auf jeden Mauerriss. Täglich berichteten die Radio- und Fernsehsender vom Rheingraben, der offensichtlich in Bewegung geraten zu sein schien. Eine paar Seismologen seien ins Mittelrheingebiet gekommen, hörte man, und hätten zwischen Neuwied und Koblenz ihre empfindlichen Geräte aufgestellt. Man sah mal was in Fernsehen, hörte was im Radio und las auch in ihrer Zeitung darüber. Die Angst ging um, dass durch die Brennstäbe im Kernkraftwerk Mülheim/Kärlich bei einem größeren Beben eine Katastrophe ausbrechen könnte.

Die Politiker wurden bestürmt, endlich die Wahrheit zu sagen, über die Gefahr aufzuklären und wie sich die Menschen, die im Gefahrengebiet wohnten, verhalten sollten. Eine der Redakteurinnen, die den Kommunalpolitikern bereits seit Jahren, besonders aber seit dem ersten kleinen Beben aufs Füßchen traten, war Corinna. Sie erinnerte sie an Evakuierungspläne und alte Notstandsgesetze aus den Sechziger Jahren. Seit Wochen stellte sie immer wieder die gleichen Fragen: Wann werden die alten Pläne endlich wieder ausgegraben und aktualisiert? Wie wird die Bevölkerung geschützt? Wohin können die Menschen gehen, wenn wirklich etwas passieren sollte? Sollten sie Lebensmittelvorräte anlegen, Keller präparieren, Batterieradios und Kerzen horten?

Täglich gab sie in ihrem Artikel Ratschläge für die Bevölkerung. Doch ihr Wissen reichte ihr nicht. Corinna wollte besser informiert sein, um besser informieren zu können. Deshalb hatte sie für Montag ein Treffen mit dem Oberbürgermeister und dem Stadtrat ausgemacht. Sie hoffte, dass wenigstens einer der Politiker verstand, was sie meinte. Mit ihren Artikeln hatte sie sich von einigen Stellen lediglich Schelte eingehandelt. Sie mache die Pferde scheu, hatte man ihr gesagt, ihr gehe es doch nur um Panikmache und ihre Verkaufsquoten. Manch einer der Verantwortlichen hatte sie gefragt, ob sie wohl Deutschlands Volkspresse Konkurrenz machen wolle. Nur von den Lesern ihres Blattes bekam sie vollste Zustimmung. Sie sprach deren Ängste und Gefühle aus, wurde zum Sprachrohr für die hilflosen Normalbürger. Täglich erreichten körbeweise Leserzuschriften die Redaktion und Corinna brauchte Hilfskräfte zum Sichten der Briefe und Karten.

Herbert ging ins Haus, um nach der Gasleitung zu sehen. Corinna stand immer noch wie angewurzelt. Sie hielt das Notebook auf dem Arm wie ein Baby. Ihr Blick ging zum Himmel und sie wunderte sich, dass die Sonne noch schien. Nur im Nordwesten stand eine dunkle Wolke beinahe senkrecht am Himmel. Herbert kam wieder in den Garten.

"Alles in Ordnung," sagte er und sein Gesicht zeigte wieder eine rosigere Farbe.

"Schau doch mal, da hinten," sagte Corinna und zeigte nach Nordwesten, "komisch, oder? Das sieht aus, als ob es da brennen würde. Ich dachte erst, das wäre eine Wolke. Aber jetzt steigt sie wie dunkler Qualm immer höher. Ob es dort brennt? Was liegt denn da?"

"Keine Ahnung. Das kann alles sein. Sieht wirklich eigenartig aus." Herbert strich sich mit dem rechten Daumen nachdenklich über das unrasierte Kinn und beobachtete angestrengt den weiten Himmel.

"Ich werde mich mal bei der Redaktion erkundigen, ob die was wissen. Das lässt mir jetzt keine Ruhe."

"Typisch meine geliebte Pressefrau. Du hast doch den richtigen Beruf gewählt. Deine Neugier und dein gutes Näschen, wo was Interessantes stattfindet, hat dich in deinem Beruf schon weit gebracht."

Corinna reagierte darauf mit einem Lächeln und trug schnell ihr Arbeitsgerät ins Haus. Sie ging zum Telefon. In dem Moment, als sie den Hörer aufnehmen wollte, klingelte es.

"Frau Wolf, hier ist Alfons. Es wäre schön, wenn sie herkommen könnten. Ich weiß, dass Samstag ist. Aber hier in der Redaktion ist das Chaos ausgebrochen. Wir haben wegen des starken Bebens schon alle Leute los geschickt. Die meisten sind im Urlaub und wir arbeiten nur mit halber Besetzung. Bisher haben wir zwar noch immer gute Beiträge hereinbekommen. Aber gerade vorhin hörten wir, dass um den Laacher See der Teufel los ist. Jetzt haben wir niemanden mehr, den wir hinschicken könnten. Wäre es möglich, dass Sie das ausnahmsweise übernehmen könnten? Ich weiß selbstverständlich, dass das nicht Ihre eigentliche Aufgabe ist."

"Als ob ich es geahnt hätte. Gerade wollte ich anrufen. Dann kommt die riesige Rauchwolke also vom Laacher See? Ich dachte erst, da sei durch das Erdbeben ein Großbrand entstanden."

"Nein, das ist kein Großbrand. Durch das Erdbeben soll sich ein Spalt aufgetan haben. Daraus spuckt es. Es soll auch schwierig sein, hinzukommen. Aber wir sollten es trotzdem probieren. Einige kleinere Brücken in der Umgegend sind wohl durch das Beben beschädigt und unbefahrbar geworden. Wie gut, dass Ferien sind. Sonst wären die Straßen noch voller. Die werden verstopft genug sein, weil irgendwann sicher die Menschen aus den umliegenden Ortschaften evakuiert werden. Na ja, und weil sich niemand so gut mit den Politikern und so weiter auskennt wie Sie, haben wir uns gedacht, Sie würden vielleicht.....Sie könnten es schaffen, durchzukommen."

"Das haben Sie sich ja schön ausgedacht."

"Ich habe auch schon einen Fotografen für Sie. Zum Glück war er zu Hause. Er ist einer unserer besten freiberuflichen Mitarbeiter. Es kann sein, dass Sie ihn noch von früher kennen. Er freut sich, nach längerer Zeit wieder einmal für uns arbeiten zu können. Also, kommen Sie?"

"Da soll ich mich also noch mal in das Gewühle stürzen? Eigentlich bin ich aus dem Alter heraus. So abenteuerlustig bin ich gar nicht mehr. Aber gut, was soll's. Job ist Job. Ich bin schon unterwegs."

Bevor sie jedoch in die Lokalredaktion los brauste, führte sie noch von zu Hause aus ein längeres Telefonat.

WEITER!

© Koblenz 2000 bei den Autoren:
Eva Koloska (EK), Doris Meheust (DM), Brigitta Firmenich (BF), Adelheid Schmidt (AS),
Martin Grasnickel (MG), Joachim Alberti (JA), Elisabeth Büttner (EB), Hilde Engels (HE)