Die Schokoriegel waren in ihren Pappkartons zu
kleinen Heerscharen gruppiert, die einmütig den Hügel des nach vorn
abfallenden Tresens erstürmt hatten. Gudrun sah von oben auf die
knallbunten Plastikverpackungen herab, es war schon komisch, wie achtlos
die Reisenden nach etwas griffen, was ihnen so provozierend offeriert
wurde. Wie oft schon mussten sie erst nach einer Flut vorbei rauschender
blauer Schilder gemerkt haben, wofür sie da bereit gewesen waren, Geld
auszugeben.
Die Glastür und mit ihr das grüne Wappen der
Mineralölgesellschaft teilten sich lautlos. Die Klimaanlage schaltete
gleich eine Stufe höher. Gudrun hörte aus dem angrenzenden Büro
hinter sich, wie das halb nach draußen hängende Gerät geräuschvoll
die Außenluft ansog. Sie wurde auf exakt 20° abgekühlt und durch
langgezogene Schlitze über der Zigarettenauslage und den
Spirituosenregalen an den Verkaufsraum abgegeben.
"Mojen!"
Nicht nur, dass es der erste nicht tankende
Kunde an diesem Morgen war, vergällte Gudruns Stimmung. Sein
taxierender Blick, unter dem sie den Schlüssel zu den Sanitäranlagen
herausrückte, machte sie wahnsinnig.
Er hatte sich am Latz der Tankstellentracht
genau dort fest gehaftet, wo der grüne Stoff Mühe hatte, die
Wölbungen des weißen T-Shirts zu verdecken. Gudrun stierte ihn an und
wollte um alles in der Welt einen kurzen Augenkontakt herstellen, um ihn
mit einem Stechen aus ihren Augen strafen zu können. Der Brummi-Fahrer
aber nahm den angebotenen Schlüssel wortlos aus der geöffneten Hand
Gudruns entgegen, drehte sich um und machte sich schnellstens durch die
sich öffnende Glastür wieder davon.
Einer Chance wähnte sich Gudrun noch, wenn der
Kerl über den schmalen Bordstein hinweg, an der Nachtschalterausgabe
vorbei musste. Sie ließ daher den Mittvierziger, der von außen die
mannshohe Glasscheibe entlang schritt, nicht aus den Augen. Doch der
dickliche Mensch schien sich nun nur noch für das Unkraut zwischen den
Fugen der Steinplatten zu interessieren.
Das Telefon kündigte mit einer kurz
aufsteigenden und wieder abfallenden Tonfolge einen Anruf an. Verärgert
meldete sich Gudrun mit einem kurzen "Ja?"
"Guten Tag, es geht um die nächste
Lieferung!"
"Wer ist denn eigentlich da?"
"Ach ja, ...hier spricht Teflaf, ...vom
Frischeservice, wann brauchen Sie wieder Gummiwecken?"
"Moment, ich seh mal nach!" Gudrun
legte den Hörer auf die übereinander gestapelten Print-Medien vom
Vortag, die eigentlich schön längst in den Karton unter der Kasse
gehört hätten und hastete um den Tresen herum in den Verkaufsraum. In
der Mitte nahm ein rundes Ungetüm einen nicht unbeträchtlichen Anteil
des vorhandenen Platzes ein. Es ähnelte einem Springbrunnen, auf dessen
Terrassen in Klarsichtfolie eingewickelte Baguettebrötchen
durcheinander schwammen. Gudrun drehte nur die Brötchen der, im
Durchmesser nach oben hin kleiner werdenden, obersten Auslageflächen
um. Auf der Unterseite der Backwaren klebte ein weißes Etikett, das
außer einem Strichcode auch ein vierstelliges Verfallsdatum angab.
Gudrun beeilte sich und umrundete blitzschnell den runden Giganten.
Am Telefonhörer zurück antwortete sie atemlos
"Wenn ich die frischen nach oben räume, brauchen wir morgen wieder
ungefähr fünfzig neue!"
"Wird gemacht, also bis morgen!"
Gegen Zehn fuhren die ersten Urlaubsreisenden
an den Zapfsäulen vor. Sie waren mit ihren Tankfüllungen der vor den
Autobahnauffahrten etablierten Anbieter nicht weit gekommen. Gudrun
konnte sich gut vorstellen, wie der Familienvater seinen ganzen Anhang
kurz nach Verlassen des Hotelparkplatzes instruiert hatte, ihm jede
Möglichkeit der Benzinaufnahme anzuzeigen. Wie schlimm es für ihn
gewesen sein musste, der drohenden Autobahnauffahrt immer näher zu
kommen, ohne eine Möglichkeit der Treibstoffversorgung erspähen zu
können. Aber trotz der dann doch gefundenen Billigtankstellen war die
zurückzulegende Strecke länger gewesen, als die Reisschüsseln
Ausdauer besaßen.
Strikt darauf bedacht, die Stätte des Nepps
schnellstmöglich wieder zu verlassen, stürmten die Förderer der
japanischen Automobilindustrie in den Verkaufsraum und schmetterten
Gudrun eine einstellige Nummer entgegen. Die elektronische Kasse druckte
gemächlich den Kassenbon aus, der mit schnippenden Daumen und
Zeigefinger ungeduldig erwartet wurde. Das ging etwa zwei Stunden so
weiter, bis plötzlich der Fliesenboden unter Gudrun vibrierte.
Drei Kunden kamen in den Verkaufsraum gelaufen,
die sich darüber beschwerten, dass arretierte Zapfpistolen aus den
Einfüllstutzen ihrer PKW einfach herausgesprungen waren. Gudrun sah
durch die Glasscheibe, wie sich die besagten Schläuche auf dem Boden
neben den Zapfsäulen schlängelten. Zum Glück war die Arretierung beim
Aufprall auf den Boden gleich wieder gelöst worden, nur ein kleiner
Rest Benzins rann noch aus den metallenen Zapfpistolen heraus. Gudrun
versuchte noch eine beruhigende Erklärung für die Kunden zu finden,
als sich der Eifelhimmel verdunkelte.
Bruder Joseph war gerade damit beschäftigt,
seine wenigen privaten Dinge danach zu ordnen, welche er unbedingt
mitnehmen wollte und welche er notfalls auch zurücklassen könnte. Die
Wahl fiel ihm nicht leicht, weshalb er seine Arbeit für kurze Zeit
unterbrach und sich auf die Fensterbank seiner Klause setzte und auf den
See schaute. Er liebte dieses kleine, tiefdunkle Stück Wasser, 20 Jahre
hatte er es geliebt, aber jetzt war ihm der See fremd geworden – seit
sein Wasser zunehmend heißer wurde, so dass nach und nach alle Fische
starben. Es kam ihm vor, als hätte der See seine Fische regelrecht
verschluckt und ausgespuckt, als wollte sie loswerden, weil er sich
verwandeln wollte von etwas Leben Spendendem in etwas Monströses,
Vernichtendes, von dem keiner wusste, wann und in welcher Art sich der
letzte, große Schritt dieser Verwandlung vollziehen würde.
Der See war auch der Grund, warum er sich jetzt
Gedanken machen musste, welche von den wenigen Dingen ihm wirklich
wichtig waren und welche nicht.
Bruder Joseph sah auch die leeren Weiden: die
Kühe waren der meisten Bauern waren schon vergangene Woche
abtransportiert worden. Kein Leben mehr ringsum, so sah es aus. Einzig
der Stützpunkt der Geologen war hinter den ersten Bäumen am Ufer des
Sees auszumachen.
Dann hörte er Schritte auf dem Vorplatz der
Abteikirche. Er beugte sich aus dem Fenster und sah, wie der Abt von der
Kirche kommend auf die Stufen zuging, die das Ende des Platzes bildeten,
sich dort niederließ, die Arme auf den Knien aufstützte und
schließlich sein Gesicht in den Händen verbarg. Erst wollte er ihm
etwas zurufen, ihn ermahnen, sich zu beeilen oder so etwas, aber dann
machte er es doch nicht. Er wusste ja, wie schwer ihnen allen der
Abschied fiel.
Bruder Joseph ging zurück in sein Zimmer und
starrte noch immer ratlos auf den kleinen Haufen auf seinem Bett, als
Bruder Georg ohne anzuklopfen zur Tür hereinstürzte.
"Wir müssen weg, jetzt sofort", rief
er atemlos.
"Aber der Wagen kommt doch erst in einer
Stunde...." entgegnete ihm Bruder Joseph.
"Die Geologen haben angerufen, wir müssen
sofort weg von hier, es kann jeden Moment losgehen."
"Und das Auto?"
"Es wird keines mehr kommen, alles wird
geräumt, hier darf keiner mehr rein."
Bruder Joseph wollte fluchen, verkniff es sich
aber. Er packte Bruder Georg kräftig am Arm.
"Dann los."
Bruder Joseph war schon in der Tür, als er
noch einmal umkehrte, um das Photo, das seine Eltern in jungen Jahren
zeigte, einzustecken. Dann rannten sie auf dem verlassenen Flur bis zum
Speiseraum, schlugen die Tür auf, durchquerten diesen zügig, und
liefen dann die Treppen hinab. Mitten auf der Treppe blieb Bruder Georg
plötzlich stehen, so dass Joseph mit ihm zusammenstieß.
"Der Abt! Wir haben vergessen, ihm
Bescheid zu sagen", schrie Bruder Georg.
"Er ist auf dem Platz."
Sie waren kaum im Freien, als ihnen ein
mächtiger Erdstoß den Boden unter den Füßen wegzog. Bruder Georg
warf sich sofort auf den Boden, seinem Instinkt folgend, während Bruder
Joseph sich verzweifelt aufrecht zu halten versuchte, schließlich aber
doch hinfiel. Der Erdstoß war kaum vorbei, die beiden hatten sich schon
wieder aufgerichtet, als ein weiterer Erdstoß folgte. Diesmal ließ
sich auch Bruder Joseph sofort hinfallen.
Georgs und Josephs Blicke trafen
sich. Sie sahen die Angst in ihren Augen.
Sie hörten die Glasdächer der Gärtnerei
einstürzen, und hinter ihnen zerschmetterten Dachziegel auf dem Boden.
Es war unheimliches Geräusch unter ihnen zu hören, wie das Brüllen
eines mächtigen Riesen, der alles verschlingen wollte. Dann war es
still. Nichts war mehr zu hören, nur der eigene Atem. Bruder Georg
stand auf, dann auch Bruder Joseph. Sie rannten weiter, sie mussten nach
Bernhard, ihrem Abt, sehen. Als sie den Vorplatz einsehen konnten und
feststellten, dass er nicht da war, riefen beide wie verabredet nach
ihm, dabei immer lauter werdend. Bruder Joseph sah die offene Tür der
Kirche als erster, zog Bruder Georg am Ärmel und sie beide liefen zur
Kirche.
Drinnen war es kühl und dunkel. Aber auch hier
war er nicht. Sie wollten den Ort schon wieder verlassen, als sie ein
leises Murmeln vernahmen. Die beiden blieben stehen, lauschten und
folgten dann der Stimme. Sie fanden ihn hinter einer Säule, auf dem
Boden kniend und betend. Bruder Georg blieb stehen und bedeutete Bruder
Joseph, mit dem Abt zu sprechen.
Bruder Joseph ging leise auf ihn zu und tippte
ihn leicht auf die Schulter. Der Abt, ein mit seinen 65 Jahren immer
noch stattlicher Mann, unterbrach sein Gebet und wandte sich zu Bruder
Joseph um. Bruder Joseph sah, dass sein Abt weinte. Er konnte nicht
sprechen. Sein Hals war zugeschnürt.
Abt Bernhard erhob sich, fasste Bruder Joseph am
Arm und winkte mit der anderen Bruder Georg herbei.
"Ich weiß, warum ihr gekommen seid –
und ich will, dass ihr diesen Ort sofort verlasst."
"Was soll das heißen?", rief Bruder
Georg entsetzt.
Der Abt sah erst Bruder Georg und dann Bruder
Joseph klar in die Augen, in einer Art, dass beide Mühe hatten, seinem
Blick standzuhalten.
Nach einer Weile hob er wieder an: "Geht
am besten an der Kapelle vorbei, das scheint der beste Weg zu sein, die
Geologen haben es mir gesagt."
"Aber....", jetzt hatte auch Bruder
Joseph seine Stimme wiedergefunden.
"Macht euch um mich keine Sorgen. Ich habe
lange mit mir gehadert – und auch mit Ihm," fügte er beinahe
gutgelaunt hinzu, "ich werde hier bleiben, dieser Ort ist mein
Leben und wenn dieser Ort gehen muss, werde ich mit ihm gehen."
Obwohl Bruder Joseph und auch Bruder Georg
wussten, dass sie seine Entscheidung niemals hätten ändern können,
versuchten sie dennoch, ihn zur Flucht zu überreden. Vor allem Bruder
Georg wollte den Entschluss seines Abtes nicht akzeptieren, bot sich
sogar an, bei ihm zu bleiben.
Als ein weiteres, kleines Beben dem Gebälk der
Kirche ein verdächtiges Knarren entlockte, sah der Abt seine Chance
gekommen, die letzten der Brüder zum Gehen zu überreden. Die anderen
waren bereits evakuiert worden. Bruder Joseph und Bruder Georg waren auf
eigenen Wunsch hin bei ihm geblieben. Sie waren es auch, die ihm am
nächsten standen, obwohl er dies niemals so hätte zugeben können.
Bruder Georg, das war das Kind, auf das er vielfach hatte aufpassen
müssen, damit ihm nichts zustieß, und Bruder Joseph, das war der, der
ihn intellektuell am meisten hatte herausfordern können – und dies
auch bei vielen Gelegenheiten getan hatte.
Es schmerzte ihn, dass er nun zu beiden barsch
werden musste, damit diese endlich seine Entscheidung akzeptierten und
ohne ihr Gewissen belasten zu müssen, gehen konnten. Er hätte Bruder
Georg am liebsten in den Arm genommen, so klein und schwach sah er ihn
vor sich. Er durfte jetzt nicht nachgeben.
"Ich will jetzt alleine sein, geht
bitte." Er sagte dies in einem fast vorwurfsvollen Ton, und es war
der schwerste Satz in seinem Leben.
Bruder Joseph streckte ihm die Hand entgegen,
kurz bevor der Abt aber die seine hineinlegen konnte, umarmte Bruder
Joseph ihn. Dann wandte er sich schnell ab und lief ins Freie. Bruder
Georg stand gelähmt vor ihm, fiel schließlich auf die Knie und flehte
Bernhard an, mit ihnen zu kommen. Bernhard ging zu ihm, richtete ihn
wieder auf, umschloss mit seine Händen Bruder Georgs Hände, und fand
dann die Worte, um auch ihn zu entlassen:
"Du bist frei von Sünde, Bruder
Georg."
Bruder Georg konnte nun nicht mehr an sich
halten, die Tränen bahnten sich ihren Weg, er versuchte, sein Gesicht
zu verbergen, entzog seine Hände und rannte aus der Kirche.
Der Abt Bernhard stand in der kühlen Stille
der Klosterkirche. Er spürte eine unbeschreibliche Kälte in sich
aufsteigen. Er ging vor den Altar, kniete davor nieder und setzte sein
Gebet fort.
Bruder Joseph und Bruder Georg liefen wortlos
nebeneinander her, mussten aber immer wieder keuchend stehen bleiben, um
Atem zu holen. Auch nutzten sie kleinere Beben als Pause im mühsamen
Aufstieg. Als sie die erste Anhöhe erreicht hatten, wollte sich Bruder
Georg umwenden, aber Bruder Joseph zog ihn rechtzeitig weiter.
Chris wurde durch das Brummen eines
Hubschraubers geweckt. Schläfrig blinzelte sie ins Dunkel. Durch die
dicht geschlossenen Rollläden drang nur spärliches Tageslicht. Chris
blickte zur Uhr. Die Digitalziffern des Radioweckers auf dem Nachttisch
leuchteten.
"Schon wieder einen halben Tag
verpennt", seufzte sie ärgerlich. "Einen halben Tag aus
meinem neuen Leben, einfach verschlafen, sinnlos vergeudet."
Sie nahm die Ohropax aus ihren Ohren, rappelte
sich hoch und schaltete das Radio ein.
"Wir wiederholen eine wichtige
Durchsage", tönte es aus dem Lautsprecher, "der Ausbruch des
Vulkans unterhalb des Laacher Sees steht unmittelbar bevor, bitte
beachten Sie die folgenden Anweisungen."
"Verarschen kann ich mich alleine",
brummte Chris. Vulkansausbruch unter dem Laacher See, das konnte nur ein
Joke eines durchgeknallten Radiomoderators sein. Wütend stellte sie das
Radio ab und starrte ins Dunkel.
Die zweiundzwanzigjährige Christiane hielt
sich erst seit ein paar Tagen allein in dem Ferienhaus am See auf. Sie
hatte gerade einen Drogenentzug in einer Klinik hinter sich. Jetzt war
sie clean und seit sie hier war, fühlte sie sich von Tag zu Tage
besser. Sie hatte bereits Zukunftspläne geschmiedet und freute sich auf
ihr NEW life after, wie sie es nannte. Nach Hause zurück, das Abi
nachholen und lernen, auf eigenen Füßen zu stehen, das wollte sie, und
Mama wird mir dabei helfen, überlegte Chris, während sie die
phosphorgrünen Zahlen des Radioweckers fixierte. Mama hat mir immer
geholfen. Sie hat meine Drogen bezahlt, als sie wusste, was mit mir los
war, damit ich nicht klauen musste für den Stoff. Dann den
Klinikaufenthalt und jetzt das Ferienhaus. Mama hat Geld, selbst
verdientes Geld.
Leuten als Immobilienmaklerin Häuser verkaufen
und fette Provisionen einstreichen, ja, das konnte Mama, dachte Chris
stolz.
Erneutes Hubschrauberdröhnen ließ den Boden
vibrieren und die Gläser im Schrank klirren. Chris tappte schwankend
zum Fenster, zog die Rollläden hoch und erwartete das grelle Tageslicht
eines Sommertags im Juli. Doch sie sah nur milchiges Grau, eine träge
wabernde Nebelwolke, durch die hin und wieder ein schmutzig gelber
Sonnenstrahl drang. Sie öffnete das Fenster, Schwefelgeruch schlug ihr
entgegen, nahm ihr den Atem. Hustend und nach Luft schnappend taumelte
sie aufs Bett zurück, sprang wieder auf und schloss das Fenster.
Was hat das zu bedeuten, sind das die Vorboten
der Hölle, folgen gleich die apokalyptischen Reiter, fragte sich Chris
beklommen. Der Vulkanausbruch, schoss ihr durch den Kopf, sollte
tatsächlich ... Hastig stellte sie das Radio an, drehte es laut.
Carlo strich mir immer wieder um die Beine,
brachte mich beinahe zum Stolpern. Sein Futternapf war gefüllt, frische
Milch in der Schale, in die er nur testend seine Barthaare tauchte.
Also, ich wollte erst einmal frühstücken. Endlich Wochenende!
Laut Wetterbericht sollte es schönes Wetter
geben. Heute wollte ich, wie so oft samstags, Nelly besuchen. Sie lebte
in Bad Neuenahr in einem Altenstift.
Die Schwester meiner verstorbenen Mutter
bedeutet für mich so etwas wie eine alte Freundin. Kurz nach elf Uhr
fuhr ich los. Ich liebte diese Autobahn, den weiten Blick über die
Vulkaneifel und jetzt das satte Gelb der Rapsfelder.
Die freundliche Schwester am Empfang von Stift
Antonius grüßte müde. Ich klopfte laut an Nellys Türe, denn die alte
Dame hört immer schlechter. Als ich eintrat, erhob sie sich
erwartungsvoll aus ihrem Sessel.
"Wie schön, dass du schon da bist,"
sagte sie lächelnd und zog etwas verlegen die Gardine wieder zurecht.
Sie hatte nach mir Ausschau gehalten.
Wir gingen in den großen Park, der das ganze
Haus umschloss. Die Frühlingsblumen blühten in geordneten Rabatten.
Ein alter Baumbestand bildete eine schattige Allee. Wir nahmen wie immer
auf unserer Bank Platz. Nelly hatte sie ausgesucht, es war der Weg, den
sie noch schaffte. Ich bemerkte, dass sie ihre Augen geschlossen und ihr
Gesicht in die Sonne hielt.
Es war windstill, keine Vogelstimme zu hören.
Ein dumpfes Grollen und Beben ließen mich zusammenzucken.
Nelly sagte: "Heute ist mir wieder so
schwindelig, manchmal denke ich, der Boden bewegt sich unter mir."
"Ja, ja," antwortete ich fahrig.
Natürlich hatte ich den Ruck bemerkt. Ich stand wohl etwas zu schnell
auf.
Nach mehreren, verschieden starken, eruptiven
Vorgängen wird der Seespiegel angehoben und ergießt sich, einem
riesigen, überkochenden Topf gleich, über den Kraterrand.
Eine Wasserdampf-Gas-Explosion ungeheuren
Ausmaßes erfolgt, am Boden bildet sich eine basale Ringwolke, die
Druckwelle rast über die bewaldeten Höhen, entlaubt und entwurzelt
Wald und Buschwerk. Die nachfolgenden Glutlawinen, bestehend aus Asche
und Wasser, zerstören durch die Hitze von bis zu 400 Grad Celsius und
die enorme Geschwindigkeit von 120 kmh mit einer Höhe von bis zu
mehreren Metern das Land.
Erde und Himmel sind in Aufruhr. In der Luft
ein ununterbrochenes Dröhnen, dumpfes Grollen, schmerzhaft lautes
Krachen, weittragend, bis nach Koblenz vernehmbar, und auch die
eruptiven Ausbrüche pflanzen sich in Wellen über Eifel und den
Mittelrhein fort. In den Wolken über dem ehemaligen See zucken Blitze,
hart und grell, weitere Eruptionen, glühende Thepra wird ausgestoßen,
von riesigen, grauschwarzen Wolken begleitet.
Menschen und Tiere ersticken, verbrennen, von
den Schlammfluten mitgerissen, verschwinden sie unauffindbar und spurlos
in den Ascheströmen.
Über das Gebiet am Fullbertstollen bahnt sich
die Katastrophe den Weg in die Pellenz. Die Orte Glees, Wehr, Nickenich,
Bell sind infolge der enormen Druckwelle eingestürzt, unter den
Glutwolken verbrannt und am Ende über weite Strecken mit einem breiigen
Schlamm aus Gesteinsbrocken, Betontrümmern, Metall und Baumstümpfen
bedeckt.
Vom Kloster Maria Laach, dem trutzigen
romanischen Bau am Westufer des Sees, ragen unter den Schlammmassen die
zerstörten Türme hervor. Die Straßen K 53, K 56, L 116 und L 113 sind
ebenso in der Schlammwüste versunken, ihre Leitungssysteme ragen
verformt und aufgerissen in den düsteren Himmel.
Die Druckwelle und die Glutlawine erreichen je
nach Topographie auch Abschnitte der A 61 zwischen dem Brohltal und der
Pellenz. Dieser einst fruchtbare Landstrich zwischen Miesenheim, Plaidt,
Kruft, Kretz und Ochtendung existiert nicht mehr. Untergegangen in einer
Wasser-Asche-Lawine, die sich ins Nettetal ergießt und zum Stillstand
kommt. Die Nette, aus ihrem Flusslauf gedrängt, überflutet das
angrenzende Gebiet, auf der Suche nach einem neuen Abfluss in den Rhein.
Die Winddrift sorgt für die Verstreuung der
Aschewolken, feiner Staub wird bis weit in den Westerwald hinein, den
Rhein hinauf über Koblenz bis Boppard gestreut. Der Explosionsauswurf
kehrt zur Erde zurück, in winzigen Teilchen, kriecht durch Ritzen und
Türen, erschwert das Atmen. Später wird man in unzerstörten Häusern
die erstickten Bewohner finden.
Nach etwa zwei Stunden ist alles vorbei, die
heftigen Erschütterungen lassen nach, das entsetzliche Getöse in der
Luft wird leiser, verebbt ganz. Ein feiner Regen setzt ein, fällt
klebrig über das zerstörte Land. Gegen Abend wird es klarer, der Regen
hört auf. Im verdüsterten Licht wird an der Stelle des Sees ein
kurzer, stumpfer Schlackenkegel sichtbar, aus dem sich die sich weiße
Rauchwolke darüber nährt.
Meine Gedanken überschlugen sich: Explosion
oder brach ein Flugzeug durch die Schallmauer? In der Umgebung bellten
und jaulten Hunde. Fenster wurden aufgerissen. Mir lief ein
Kälteschauer über den ganzen Körper.
"Komm, wir gehen zurück ins Haus",
sagte ich zu ihr, die mit steifen Beinen mir zu langsam ging. Sirenen
heulten und das Personal des Stiftes schaute besorgt, ob sich noch
jemand draußen befand. Der Himmel wurde schwarz wie vor einem schweren
Gewitter, Rauchwolken behinderten das Atmen. Plötzlich prasselte ein
Gemisch aus Staub- und Ascheregen auf uns nieder.
Ich zerrte Nelly in den Eingang. Hier liefen
uns Schwestern und Pfleger aufgeregt entgegen. Ein Radio hallte
ohrenbetäubend aus einem Bereitschaftszimmer. Ich versuchte, die
Meldungen zu verstehen, bekam aber nur Wortfetzen mit. Alte Menschen
irrten über die Flure, manche schauten nur verwirrt aus ihren halb
geöffneten Türen.
"Folgen Sie bitte den Anweisungen des
Personals und halten Sie Ihre Fenster geschlossen", tönte es aus
dem Hauslautsprecher.
"Vulkanausbruch, Laacher See",
flüsterte uns ein alter Mann aus einem Türspalt zu. Dann legte er den
Zeigefinger auf seinen Mund und drückte ein Wäschebündel fest an
sich.
Ich fühlte mich elend mit Nelly am Arm, die
nichts mehr verstand. Draußen tobte ein gespenstisches Wetter. Regen
und Asche bildeten eine schlammige Schicht, die zäh an den
Fensterscheiben herab lief. Kleine, schwarze Steinchen prasselten wie
Hagel gegen die Mauern. Das Licht auf den Fluren flackerte einige Male,
dann ging die Notbeleuchtung an. Ich setzte die zitternde alte Dame auf
ihr Bett. Sie schaute mich verängstigt an und bewegte tonlos ihre
Lippen.
Mein Blick fiel nach draußen. Mein Auto sah
alt und verkrustet aus, die Wiese dahinter trüb braun. Ich war
gefangen. Was ist mit meiner Wohnung, wie komme ich nach Koblenz, schoss
es mir durch den Kopf. Und Carlo? Ich begriff seine Unruhe am Morgen, er
hatte etwas gespürt.
Ein an dem zehn Meter hohen Hinweisschild der
Tankstelle angebrachter Lichtsensor ließ trotz des Julimittags
sämtliche Neonbeleuchtungen aufflackern. Die Sprachlosigkeit Gudruns
deckte sich nicht mit dem Informationsbedürfnis der aufgebrachten
Kundschaft, die für einen entsprechenden Service ja teuer bezahlen
musste.
Unter Verwünschungen, von denen "dumme
Kuh" noch die harmloseren waren, verließen sie den Verkaufsraum,
mit der absoluten Gewissheit, dass ihnen sowas an einer anderen
Tankstelle niemals passiert wäre. Ohne die noch am Boden liegenden
Einfüllstutzen zu beachten, ruckelten sie mit ihren Samuraiwägelchen
über den rissig gewordenen Bodenbelag hinweg. Gudrun machte sich Sorgen
über die unterirdisch verlaufenden Leitungen der Tanks, sie tippte die
Mobiltelefonnummer ihres Chefs in die Tastatur des Telefons ein.
"Ja, ich habs auch mitbekommen, bin
schon auf dem Weg zu euch, sperr erst mal die Zapfsäulenversorgung
ab!"
Gudrun drückte die entsprechende Taste unter
der Kasse, sie warf einen Blick durch die Glasscheibe nach draußen, die
Zapfanlage unter der großzügigen Überdachung war nun menschenleer.
Etwa eine halbe Stunde später kam ihr Chef mit überbeanspruchten
Stoßdämpfern seines BMW, mehr rollend als fahrend vor dem
Service-Center an.
"Die stehen alle auf dem Randstreifen, ich
habe auf unserer Zufahrt mein Warndreieck aufgestellt, lass mal
sehen!"
Er kam hinter den Tresen und öffnete einen
Schaltkasten an der Wand zum angrenzenden Büro. Er kippte ein paar
Schalter um und gab wieder Druck auf die Zapfsäulen. Die digitale
Anzeige des Tankfüllstandes am oberen Rand des Kastens veränderte sich
dabei allerdings nicht.
"Glück im Unglück, die Zuleitungen sind
noch ok, aber die Reparatur des Bodenbelags wird ein ganz schönes
Sümmchen kosten!"
"Sollten wir nicht wieder die Zufahrt
aufmachen, es könnte doch sein, dass Leute, die Hilfe brauchen uns
anfahren möchten!"
"Na gut, lauf hin und hol das Warndreieck,
obwohl ich glaube, dass jemand der wirklich Hilfe bräuchte, darauf kaum
achten würde!"
Gudrun eilte die rissige Zufahrt hinunter, zu
der Stelle, an der das Warndreieck ihres Chefs als rotes Dreieck
schemenhaft im unnatürlichen Dunkel des Tages zu erkennen war. Sie sah
die Autobahn hinunter und konnte vereinzelte Scheinwerferlichter von
Fahrzeugen ausmachen, die auf dem Randstreifen der Autobahn angehalten
hatten. Eine Gestalt, die sich laufend der neonerleuchteten Tankstelle
näherte, hielt direkt auf Gudrun zu. Gudrun, die noch immer die Spitze
des Warndreiecks zwischen den Fingern ihrer rechten Hand hielt, starrte
der verwirrt gestikulierenden Frau entgegen.
"Bitte Sie müssen uns helfen, mein Mann
liegt verletzt im Wagen, wir sind beim Beben von der Straße abgekommen
und gegen einen Brückenpfeiler gefahren!"
"Kommen Sie, wir versuchen vom Shop aus
einen Krankenwagen zu rufen, mein Chef ist auch da!"
Die beiden Frauen hasteten zum Service-Center
zurück. Der Tankstellenpächter, der gerade den aufgebrochenen Boden
zwischen den Zapfsäulen begutachtete, schloss sich ihnen an. Als er die
dreistellige Nummer am Telefon des Tresens angewählt hatte, gab er den
Hörer an die verängstigte Frau weiter.
"Wir können Ihnen nicht direkt Hilfe
schicken, die meisten Straßen sind nicht mehr befahrbar und die
Luftrettung ist total überlastet, Sie müssen Erste Hilfe leisten und
den Patienten so gut es geht auf einen Lufttransport vorbereiten!"
Die Frau gab die Informationen, nachdem sie den
Hörer wie in Trance aufgelegt hatte, an den Tankstellenpächter und
dessen Bedienstete weiter. Gemeinsam suchten sie alles, was Erste Hilfe
Päckchen und golden glänzenden Foliendecken vorhanden war, zusammen,
auch zwei Stabtaschenlampen mit zugehörigen Batterien rissen sie aus
den Verpackungen und machten sich auf den Weg zur Unfallstelle. Am Wagen
angekommen, hatten sie nur noch ein Erste Hilfe Set übrig. Ein Mann lag
mit blutüberströmten Gesicht wie viele auf dem Weg hier her neben dem
Auto. Andere Reisende hatten ihn aus dem Wagens heraus gezogen ihn auf
dem Asphalt in die stabile Seitenlage gebracht.
Der Mann stöhnte leise immer wieder den Namen
seiner Frau "Nina". Er lag auf dem rissigen Teerboden,
während sich Gudrun und ihr Chef, so gut es ging, um ihn bemühten. Die
Frau hockte nur mit einem apathischen Gesichtsausdruck daneben,
stammelte was von Paul und Melbourne.
Nach zwei Stunden hörten sie endlich den
unverkennbaren Ton von Rotorblättern. Der Notarzt ließ seinen
Patienten nach kurzer Begutachtung sofort in den Hubschrauber zu den
anderen Opfern verfrachten. Die Frau blieb bei dem Tankstellenpersonal
an der Unfallstelle. Erst spät in der Nacht, als die Straßen wieder
befahrbar waren, wurde sie von einer Polizeistreife an der
Autobahntankstelle abgeholt und zu ihrem Mann in ein Eifler Krankenhaus
gefahren. Sie bedankte sich noch nach Jahren immer wieder mit kurz
gehaltenen Grußkarten zum Jahrestag des Unglücks bei Gudrun und deren
Chef.
Auf halber Höhe des Kraterrandes wurden sie
von der Wucht einer gigantische Detonation hinter ihnen zu Boden
geschleudert. Unwillkürlich schauten beide in die Richtung, aus der die
Explosion kam, und sahen, wie sich eine große Menge heißen Gases des
Weg durch des See gebahnt hatte und Tonnen heißen Wassers aus dem See
katapultierten, das dann rund um den See einschlug.
Bruder Georg stieß einen entsetzlichen Schrei
aus, der Bruder Joseph aus seiner Gebanntheit riss und ihm
signalisierte, dass er fortan, für den Rest ihrer Flucht, die
Verantwortung für sie beide zu tragen hatte. Bruder Joseph nahm Bruder
Georg an der Hand, fest entschlossen, ihn und sich in Sicherheit zu
bringen.
Der Kraterrand war erreicht. Bruder Joseph war
völlig außer Atem, ließ sich auf den Waldboden fallen, stand aber
schnell wieder auf, da er wusste, wenn Bruder Georg es ihm gleich täte,
würde er ihn nur schwerlich wieder auf die Beine bekommen. Das Fauchen
der Erde übertönte nun schon das eigene Atemgeräusch. Er musste
weiter – und er musste mit Bruder Georg weiter. Trotz der Schmerzen in
der Brust, trotz der Schmerzen in seiner Seele.
Der Abstieg ging zum Glück leichter, als
Bruder Joseph ihn sich vorgestellt hatte. Er spürte jetzt auch nicht
mehr die Verletzungen an seinem Körper, die ihm Dornen und Gestrüpp
beigebracht hatten. Dann war der Waldrand erreicht. Endlich freies Feld
– für einige hundert Meter. Bruder Georg lief apathisch neben Bruder
Joseph her, noch immer an Bruder Josephs Hand. Er sah Bruder Joseph
wahrscheinlich schon gar nicht mehr.
Am Ende des Feldes stand die kleine Kapelle,
die sowohl Bruder Joseph als auch Bruder Georg gut kannten. Bruder
Joseph hatte sich in den ersten Jahren seines Klosteraufenthaltes oft
dorthin zurückgezogen, besonders dann, wenn er zweifelte. Dort gelang
ihm die innere Einkehr besser als in seiner Klause. Und vielleicht
würde der Anblick ja auch dazu führen, dass Bruder Georg wieder zur
Besinnung käme.
Der Abt saß noch immer vor dem Altar, um ihn
herum herabgefallenes Mauerwerk und Teile der Kircheneinrichtung. Das
Fauchen der Erde strebte seinem Höhepunkt entgegen. Die Bewegungen
unter ihm setzten sich in seinem Körper fort. Er war nun ganz Teil
dieser Erde, die bald nicht mehr da sein würde. Das letzte, was der Abt
spürte, war, dass er und alles um ihn herum sich hob. Das Dach der
Kirche riss auf und er sah ein letztes mal den Himmel.
Sie hatten gerade die Kapelle erreicht, als die
gigantische Explosion die Erde erzittern ließ und die beiden zu Boden
geworfen wurden. Bruder Joseph sah, wie der Rand des Kraters hinweg
gerissen wurde, als wäre es Spielzeug. Er warf sich schützend über
Bruder Georg, der mit starren Augen dalag. Um sie herum flogen Erde,
Steine, Hölzer. Die Kapelle wurde getroffen und brach zusammen. Bruder
Joseph schrie ein letztes Gebet in die Erde unter sich.
Sie lebten. Es war noch nicht das Ende.
Ungläubig schaute Bruder Joseph sich um und was er sah, war
Zerstörung. Aus dem Krater schoss schwarze Asche hervor, vermischt mit
Lavabrocken. Der Himmel verdunkelte sich vollkommen. Hier war es zu
gefährlich, er musste weiter, sie mussten weiter weg von dieser Hölle.
Bruder Joseph stand auf und versuchte, Bruder
Georg aufzurichten. Bruder Georg sang! Es war unfassbar. Er sang - ein
Kinderlied! Bruder Joseph zerrte so lange an ihm herum, bis Bruder Georg
schließlich mit half und sich aufrichtete. Dann rannte Bruder Joseph
mit Bruder Georg davon.
Die Zeit war stehen geblieben. Dunkelheit.
Keine Orientierung mehr. Einen Fuß vor den anderen, weit über die
Grenze der Erschöpfung hinaus. Weiter.
Sie erreichten eine Scheune, aber es war zu
gefährlich, sich darin unterzustellen, entschied Bruder Joseph
instinktiv. Er drehte sich um und sah nun die überwältigend große
Rauchsäule, die der Berg zusammen mit glühenden Massen ausstieß. Der
Ascheregen hatte sie erreicht und erschwerte ihr Weiterkommen. Auch war
die Asche so heiß, dass sie Brandflecken hinterließen. Die Scheune
stand mittlerweile in Flammen.
Endlich ein Dorf!
Bruder Joseph klopfte gegen die Tür, aber es
öffnete niemand. Er schrie aus ganzem Leib. Er klopfte weiter. Endlich
wurde die Türe geöffnet. Der Mann erschrak, als er die beiden
entblößten, nur mit Asche und Blut bedeckten Männer sah, zögerte
aber keinen Moment, sie mit in den Keller des Hauses zu nehmen. Als
Bruder Joseph inmitten all der Leute stand, Bruder Georg noch immer an
der Hand haltend, brach er erschöpft zusammen. Schnell wurden Wasser,
Handtücher und Verbände beschafft, um zuerst Bruder Joseph und dann
auch Bruder Georg zu versorgen. Bruder Georg wurde nach Herkunft und
Befindlichkeit gefragt, doch dieser starrte die Fremden nur an.
Herr Schmitz im Ferienhaus nebenan stellte auch
sein Radio an. Er und seine Frau Gerti lebten seit mehreren Wochen hier,
waren aber erst vergangene Nacht von einem mehrtägigen Aufenthalt in
Düsseldorf zurückgekommen. Da es schon spät gewesen war, sie beide
von der Diskussion mit dem Sohn aufgebracht waren, hatten sie
Schlaftabletten genommen. Herr Schmitz stammte aus Düsseldorf, hatte es
dort als Bäckermeister und Konditor zu einem bescheidenen Vermögen
gebracht und sich dieses Haus aufgebaut. Hier wollte er mit seiner Frau
Gerti den Lebensabend verbringen. Sein Geschäft hatte er einem ihrer
Söhne übergeben. Letzten Unstimmigkeiten mussten noch aus dem Weg
geräumt werden.
"Achtung, letzte Warnmeldung", sagte
der Radiosprecher eindringlich, alle die sich am Laacher See und in der
angrenzenden Region befinden, müssen sich sofort bei den Sammelplätzen
einfinden. Sie werden mit Hubschraubern aus dem Gefahrengebiet
ausgeflogen. Nehmen Sie nichts weiter mit als Ihre Ausweispapiere. Die
Hubschrauber befördern keine Lasten."
"Hast du gehört, Gerti, nur die
Papiere", rief Herr Schmitz, der seit der ersten Meldung gebannt
den Radioansagen lauschte, die immer dramatischer klangen und nun im
Abstand von wenigen Minuten wiederholt wurden. Seitdem sind beide mit
Packen beschäftigt.
"Wat machst du da eijentlich?",
fragte er seine Frau ungeduldig.
"Ich hänge die Jardinen ab, dat siehste
doch."
"Ja, spinnst du?", fuhr er seine Frau
an, "die könne mir doch nu wirklich nit mitnehme."
"Wat, die teuren Jardinen mit der
Joldkante, wie se die Frau Koch auch im Wohnzimmer hat, soll ich hier
lasse, im Lebe nit, die müsse mit", entrüstete sich Frau Schmitz.
"Die Fähncher bleibe hier und damit
basta", konterte Herr Schmitz.
"Aber dein Werkzeug, dat muss natürlich
mit", entgegnete Gerti spitz, "dein hunderttausend Näjel un
Schraube, die haste als erstes einjepackt."
"Werkzeug wird immer gebraucht",
brummte er, "dat is wat Nützliches, wat Sinnvolles. Vielleicht
komme mir überhaupt nimmer zurück", und leiser, mehr zu sich
selbst, "vielleicht komme mir aber auch nirjend wo mehr an. Wenn
der Vulkan wirklich ausbricht, wird hier alles überschwemmt. Wasser hat
keine Balken, weiß man doch. Und wenn mir net ersaufe, dann werde mir
verbrenne, verkohle, im Lavastrom - Ach, Gerti, komm, lass alles liegen,
wir müssen weg!"
Ein weiterer heftiger Stoß brachte Gerti dazu,
alles stehen und liegen zu lassen.
Chris hatte aufmerksam den Radiomeldungen zu
gehört und saß jetzt wie versteinert da. Vulkanausbruch, hier am
Laacher See, dachte sie immer wieder ungläubig. Jetzt bekam auch der
Hubschrauberlärm einen Sinn, der Nebel, der Schwefelgeruch, der
schwankende Boden. Ein partieller Weltuntergang, am Rande der Eifel,
einem schönen Flecken Erde, an dem ich neuen Mut gefasst habe,
Lebensmut, dachte Chris verzweifelt.
"Nein!", schrie sie und ballte die
Fäuste, "ich will leben, le ... ben."
Hastig mit zitternden Händen zog sie Jeans und
T-Shirt an, warf ihren Rucksack über die Schulter und rannte barfuß
zur Haustür.
Draußen klappte Herr Schmitz gerade die
Heckklappe seines vollgepackten Kombi zu.
"Bitte, nehmen Sie mich mit", schrie
Chris flehend.
"Komm her, Mädche, natürlich kannste
mit", rief Herr Schmitz zurück.
Seine Worte gingen im Heulen des orkanartigen
Sturmes unter, der plötzlich mit einem starken Beben der Erde
eingesetzt hatte. Dann sahen die drei die mehrere Meter hohe Wasserwand,
die wie eine riesige graue Walze zischend und donnernd auf sie zu raste.
Im nächsten Augenblick waren sie von Wasser umschlossen, wurden
hochgehoben, mitgerissen, herum gewirbelt und gegen die Reste der
Hauswand geschleudert. Die Flutwelle nahm sie mit als eine leblose
Fracht. Die Natur hatte auf grausame Art ihre Macht bewiesen.