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Klaus-Dieter Regenbrecht


((MG) Autobahn-Raststätte Brohltal A 61

Die Schokoriegel waren in ihren Pappkartons zu kleinen Heerscharen gruppiert, die einmütig den Hügel des nach vorn abfallenden Tresens erstürmt hatten. Gudrun sah von oben auf die knallbunten Plastikverpackungen herab, es war schon komisch, wie achtlos die Reisenden nach etwas griffen, was ihnen so provozierend offeriert wurde. Wie oft schon mussten sie erst nach einer Flut vorbei rauschender blauer Schilder gemerkt haben, wofür sie da bereit gewesen waren, Geld auszugeben.

Die Glastür und mit ihr das grüne Wappen der Mineralölgesellschaft teilten sich lautlos. Die Klimaanlage schaltete gleich eine Stufe höher. Gudrun hörte aus dem angrenzenden Büro hinter sich, wie das halb nach draußen hängende Gerät geräuschvoll die Außenluft ansog. Sie wurde auf exakt 20° abgekühlt und durch langgezogene Schlitze über der Zigarettenauslage und den Spirituosenregalen an den Verkaufsraum abgegeben.

"Mojen!"

Nicht nur, dass es der erste nicht tankende Kunde an diesem Morgen war, vergällte Gudruns Stimmung. Sein taxierender Blick, unter dem sie den Schlüssel zu den Sanitäranlagen herausrückte, machte sie wahnsinnig.

Er hatte sich am Latz der Tankstellentracht genau dort fest gehaftet, wo der grüne Stoff Mühe hatte, die Wölbungen des weißen T-Shirts zu verdecken. Gudrun stierte ihn an und wollte um alles in der Welt einen kurzen Augenkontakt herstellen, um ihn mit einem Stechen aus ihren Augen strafen zu können. Der Brummi-Fahrer aber nahm den angebotenen Schlüssel wortlos aus der geöffneten Hand Gudruns entgegen, drehte sich um und machte sich schnellstens durch die sich öffnende Glastür wieder davon.

Einer Chance wähnte sich Gudrun noch, wenn der Kerl über den schmalen Bordstein hinweg, an der Nachtschalterausgabe vorbei musste. Sie ließ daher den Mittvierziger, der von außen die mannshohe Glasscheibe entlang schritt, nicht aus den Augen. Doch der dickliche Mensch schien sich nun nur noch für das Unkraut zwischen den Fugen der Steinplatten zu interessieren.

Das Telefon kündigte mit einer kurz aufsteigenden und wieder abfallenden Tonfolge einen Anruf an. Verärgert meldete sich Gudrun mit einem kurzen "Ja?"

"Guten Tag, es geht um die nächste Lieferung!"

"Wer ist denn eigentlich da?"

"Ach ja, ...hier spricht Teflaf, ...vom Frischeservice, wann brauchen Sie wieder Gummiwecken?"

"Moment, ich seh mal nach!" Gudrun legte den Hörer auf die übereinander gestapelten Print-Medien vom Vortag, die eigentlich schön längst in den Karton unter der Kasse gehört hätten und hastete um den Tresen herum in den Verkaufsraum. In der Mitte nahm ein rundes Ungetüm einen nicht unbeträchtlichen Anteil des vorhandenen Platzes ein. Es ähnelte einem Springbrunnen, auf dessen Terrassen in Klarsichtfolie eingewickelte Baguettebrötchen durcheinander schwammen. Gudrun drehte nur die Brötchen der, im Durchmesser nach oben hin kleiner werdenden, obersten Auslageflächen um. Auf der Unterseite der Backwaren klebte ein weißes Etikett, das außer einem Strichcode auch ein vierstelliges Verfallsdatum angab. Gudrun beeilte sich und umrundete blitzschnell den runden Giganten.

Am Telefonhörer zurück antwortete sie atemlos "Wenn ich die frischen nach oben räume, brauchen wir morgen wieder ungefähr fünfzig neue!"

"Wird gemacht, also bis morgen!"

Gegen Zehn fuhren die ersten Urlaubsreisenden an den Zapfsäulen vor. Sie waren mit ihren Tankfüllungen der vor den Autobahnauffahrten etablierten Anbieter nicht weit gekommen. Gudrun konnte sich gut vorstellen, wie der Familienvater seinen ganzen Anhang kurz nach Verlassen des Hotelparkplatzes instruiert hatte, ihm jede Möglichkeit der Benzinaufnahme anzuzeigen. Wie schlimm es für ihn gewesen sein musste, der drohenden Autobahnauffahrt immer näher zu kommen, ohne eine Möglichkeit der Treibstoffversorgung erspähen zu können. Aber trotz der dann doch gefundenen Billigtankstellen war die zurückzulegende Strecke länger gewesen, als die Reisschüsseln Ausdauer besaßen.

Strikt darauf bedacht, die Stätte des Nepps schnellstmöglich wieder zu verlassen, stürmten die Förderer der japanischen Automobilindustrie in den Verkaufsraum und schmetterten Gudrun eine einstellige Nummer entgegen. Die elektronische Kasse druckte gemächlich den Kassenbon aus, der mit schnippenden Daumen und Zeigefinger ungeduldig erwartet wurde. Das ging etwa zwei Stunden so weiter, bis plötzlich der Fliesenboden unter Gudrun vibrierte.

Drei Kunden kamen in den Verkaufsraum gelaufen, die sich darüber beschwerten, dass arretierte Zapfpistolen aus den Einfüllstutzen ihrer PKW einfach herausgesprungen waren. Gudrun sah durch die Glasscheibe, wie sich die besagten Schläuche auf dem Boden neben den Zapfsäulen schlängelten. Zum Glück war die Arretierung beim Aufprall auf den Boden gleich wieder gelöst worden, nur ein kleiner Rest Benzins rann noch aus den metallenen Zapfpistolen heraus. Gudrun versuchte noch eine beruhigende Erklärung für die Kunden zu finden, als sich der Eifelhimmel verdunkelte.

 

(JA) Abtei Maria Laach

Bruder Joseph war gerade damit beschäftigt, seine wenigen privaten Dinge danach zu ordnen, welche er unbedingt mitnehmen wollte und welche er notfalls auch zurücklassen könnte. Die Wahl fiel ihm nicht leicht, weshalb er seine Arbeit für kurze Zeit unterbrach und sich auf die Fensterbank seiner Klause setzte und auf den See schaute. Er liebte dieses kleine, tiefdunkle Stück Wasser, 20 Jahre hatte er es geliebt, aber jetzt war ihm der See fremd geworden – seit sein Wasser zunehmend heißer wurde, so dass nach und nach alle Fische starben. Es kam ihm vor, als hätte der See seine Fische regelrecht verschluckt und ausgespuckt, als wollte sie loswerden, weil er sich verwandeln wollte von etwas Leben Spendendem in etwas Monströses, Vernichtendes, von dem keiner wusste, wann und in welcher Art sich der letzte, große Schritt dieser Verwandlung vollziehen würde.

Der See war auch der Grund, warum er sich jetzt Gedanken machen musste, welche von den wenigen Dingen ihm wirklich wichtig waren und welche nicht.

Bruder Joseph sah auch die leeren Weiden: die Kühe waren der meisten Bauern waren schon vergangene Woche abtransportiert worden. Kein Leben mehr ringsum, so sah es aus. Einzig der Stützpunkt der Geologen war hinter den ersten Bäumen am Ufer des Sees auszumachen.

Dann hörte er Schritte auf dem Vorplatz der Abteikirche. Er beugte sich aus dem Fenster und sah, wie der Abt von der Kirche kommend auf die Stufen zuging, die das Ende des Platzes bildeten, sich dort niederließ, die Arme auf den Knien aufstützte und schließlich sein Gesicht in den Händen verbarg. Erst wollte er ihm etwas zurufen, ihn ermahnen, sich zu beeilen oder so etwas, aber dann machte er es doch nicht. Er wusste ja, wie schwer ihnen allen der Abschied fiel.

Bruder Joseph ging zurück in sein Zimmer und starrte noch immer ratlos auf den kleinen Haufen auf seinem Bett, als Bruder Georg ohne anzuklopfen zur Tür hereinstürzte.

"Wir müssen weg, jetzt sofort", rief er atemlos.

"Aber der Wagen kommt doch erst in einer Stunde...." entgegnete ihm Bruder Joseph.

"Die Geologen haben angerufen, wir müssen sofort weg von hier, es kann jeden Moment losgehen."

"Und das Auto?"

"Es wird keines mehr kommen, alles wird geräumt, hier darf keiner mehr rein."

Bruder Joseph wollte fluchen, verkniff es sich aber. Er packte Bruder Georg kräftig am Arm.

"Dann los."

Bruder Joseph war schon in der Tür, als er noch einmal umkehrte, um das Photo, das seine Eltern in jungen Jahren zeigte, einzustecken. Dann rannten sie auf dem verlassenen Flur bis zum Speiseraum, schlugen die Tür auf, durchquerten diesen zügig, und liefen dann die Treppen hinab. Mitten auf der Treppe blieb Bruder Georg plötzlich stehen, so dass Joseph mit ihm zusammenstieß.

"Der Abt! Wir haben vergessen, ihm Bescheid zu sagen", schrie Bruder Georg.

"Er ist auf dem Platz."

Sie waren kaum im Freien, als ihnen ein mächtiger Erdstoß den Boden unter den Füßen wegzog. Bruder Georg warf sich sofort auf den Boden, seinem Instinkt folgend, während Bruder Joseph sich verzweifelt aufrecht zu halten versuchte, schließlich aber doch hinfiel. Der Erdstoß war kaum vorbei, die beiden hatten sich schon wieder aufgerichtet, als ein weiterer Erdstoß folgte. Diesmal ließ sich auch Bruder Joseph sofort hinfallen.

Georgs und Josephs Blicke trafen sich. Sie sahen die Angst in ihren Augen.

Sie hörten die Glasdächer der Gärtnerei einstürzen, und hinter ihnen zerschmetterten Dachziegel auf dem Boden. Es war unheimliches Geräusch unter ihnen zu hören, wie das Brüllen eines mächtigen Riesen, der alles verschlingen wollte. Dann war es still. Nichts war mehr zu hören, nur der eigene Atem. Bruder Georg stand auf, dann auch Bruder Joseph. Sie rannten weiter, sie mussten nach Bernhard, ihrem Abt, sehen. Als sie den Vorplatz einsehen konnten und feststellten, dass er nicht da war, riefen beide wie verabredet nach ihm, dabei immer lauter werdend. Bruder Joseph sah die offene Tür der Kirche als erster, zog Bruder Georg am Ärmel und sie beide liefen zur Kirche.

Drinnen war es kühl und dunkel. Aber auch hier war er nicht. Sie wollten den Ort schon wieder verlassen, als sie ein leises Murmeln vernahmen. Die beiden blieben stehen, lauschten und folgten dann der Stimme. Sie fanden ihn hinter einer Säule, auf dem Boden kniend und betend. Bruder Georg blieb stehen und bedeutete Bruder Joseph, mit dem Abt zu sprechen.

Bruder Joseph ging leise auf ihn zu und tippte ihn leicht auf die Schulter. Der Abt, ein mit seinen 65 Jahren immer noch stattlicher Mann, unterbrach sein Gebet und wandte sich zu Bruder Joseph um. Bruder Joseph sah, dass sein Abt weinte. Er konnte nicht sprechen. Sein Hals war zugeschnürt.

Abt Bernhard erhob sich, fasste Bruder Joseph am Arm und winkte mit der anderen Bruder Georg herbei.

"Ich weiß, warum ihr gekommen seid – und ich will, dass ihr diesen Ort sofort verlasst."

"Was soll das heißen?", rief Bruder Georg entsetzt.

Der Abt sah erst Bruder Georg und dann Bruder Joseph klar in die Augen, in einer Art, dass beide Mühe hatten, seinem Blick standzuhalten.

Nach einer Weile hob er wieder an: "Geht am besten an der Kapelle vorbei, das scheint der beste Weg zu sein, die Geologen haben es mir gesagt."

"Aber....", jetzt hatte auch Bruder Joseph seine Stimme wiedergefunden.

"Macht euch um mich keine Sorgen. Ich habe lange mit mir gehadert – und auch mit Ihm," fügte er beinahe gutgelaunt hinzu, "ich werde hier bleiben, dieser Ort ist mein Leben und wenn dieser Ort gehen muss, werde ich mit ihm gehen."

Obwohl Bruder Joseph und auch Bruder Georg wussten, dass sie seine Entscheidung niemals hätten ändern können, versuchten sie dennoch, ihn zur Flucht zu überreden. Vor allem Bruder Georg wollte den Entschluss seines Abtes nicht akzeptieren, bot sich sogar an, bei ihm zu bleiben.

Als ein weiteres, kleines Beben dem Gebälk der Kirche ein verdächtiges Knarren entlockte, sah der Abt seine Chance gekommen, die letzten der Brüder zum Gehen zu überreden. Die anderen waren bereits evakuiert worden. Bruder Joseph und Bruder Georg waren auf eigenen Wunsch hin bei ihm geblieben. Sie waren es auch, die ihm am nächsten standen, obwohl er dies niemals so hätte zugeben können. Bruder Georg, das war das Kind, auf das er vielfach hatte aufpassen müssen, damit ihm nichts zustieß, und Bruder Joseph, das war der, der ihn intellektuell am meisten hatte herausfordern können – und dies auch bei vielen Gelegenheiten getan hatte.

Es schmerzte ihn, dass er nun zu beiden barsch werden musste, damit diese endlich seine Entscheidung akzeptierten und ohne ihr Gewissen belasten zu müssen, gehen konnten. Er hätte Bruder Georg am liebsten in den Arm genommen, so klein und schwach sah er ihn vor sich. Er durfte jetzt nicht nachgeben.

"Ich will jetzt alleine sein, geht bitte." Er sagte dies in einem fast vorwurfsvollen Ton, und es war der schwerste Satz in seinem Leben.

Bruder Joseph streckte ihm die Hand entgegen, kurz bevor der Abt aber die seine hineinlegen konnte, umarmte Bruder Joseph ihn. Dann wandte er sich schnell ab und lief ins Freie. Bruder Georg stand gelähmt vor ihm, fiel schließlich auf die Knie und flehte Bernhard an, mit ihnen zu kommen. Bernhard ging zu ihm, richtete ihn wieder auf, umschloss mit seine Händen Bruder Georgs Hände, und fand dann die Worte, um auch ihn zu entlassen:

"Du bist frei von Sünde, Bruder Georg."

Bruder Georg konnte nun nicht mehr an sich halten, die Tränen bahnten sich ihren Weg, er versuchte, sein Gesicht zu verbergen, entzog seine Hände und rannte aus der Kirche.

Der Abt Bernhard stand in der kühlen Stille der Klosterkirche. Er spürte eine unbeschreibliche Kälte in sich aufsteigen. Er ging vor den Altar, kniete davor nieder und setzte sein Gebet fort.

Bruder Joseph und Bruder Georg liefen wortlos nebeneinander her, mussten aber immer wieder keuchend stehen bleiben, um Atem zu holen. Auch nutzten sie kleinere Beben als Pause im mühsamen Aufstieg. Als sie die erste Anhöhe erreicht hatten, wollte sich Bruder Georg umwenden, aber Bruder Joseph zog ihn rechtzeitig weiter.

 

(EB) Laacher See, Ferienwohnung

Chris wurde durch das Brummen eines Hubschraubers geweckt. Schläfrig blinzelte sie ins Dunkel. Durch die dicht geschlossenen Rollläden drang nur spärliches Tageslicht. Chris blickte zur Uhr. Die Digitalziffern des Radioweckers auf dem Nachttisch leuchteten.

"Schon wieder einen halben Tag verpennt", seufzte sie ärgerlich. "Einen halben Tag aus meinem neuen Leben, einfach verschlafen, sinnlos vergeudet."

Sie nahm die Ohropax aus ihren Ohren, rappelte sich hoch und schaltete das Radio ein.

"Wir wiederholen eine wichtige Durchsage", tönte es aus dem Lautsprecher, "der Ausbruch des Vulkans unterhalb des Laacher Sees steht unmittelbar bevor, bitte beachten Sie die folgenden Anweisungen."

"Verarschen kann ich mich alleine", brummte Chris. Vulkansausbruch unter dem Laacher See, das konnte nur ein Joke eines durchgeknallten Radiomoderators sein. Wütend stellte sie das Radio ab und starrte ins Dunkel.

Die zweiundzwanzigjährige Christiane hielt sich erst seit ein paar Tagen allein in dem Ferienhaus am See auf. Sie hatte gerade einen Drogenentzug in einer Klinik hinter sich. Jetzt war sie clean und seit sie hier war, fühlte sie sich von Tag zu Tage besser. Sie hatte bereits Zukunftspläne geschmiedet und freute sich auf ihr NEW life after, wie sie es nannte. Nach Hause zurück, das Abi nachholen und lernen, auf eigenen Füßen zu stehen, das wollte sie, und Mama wird mir dabei helfen, überlegte Chris, während sie die phosphorgrünen Zahlen des Radioweckers fixierte. Mama hat mir immer geholfen. Sie hat meine Drogen bezahlt, als sie wusste, was mit mir los war, damit ich nicht klauen musste für den Stoff. Dann den Klinikaufenthalt und jetzt das Ferienhaus. Mama hat Geld, selbst verdientes Geld.

Leuten als Immobilienmaklerin Häuser verkaufen und fette Provisionen einstreichen, ja, das konnte Mama, dachte Chris stolz.

Erneutes Hubschrauberdröhnen ließ den Boden vibrieren und die Gläser im Schrank klirren. Chris tappte schwankend zum Fenster, zog die Rollläden hoch und erwartete das grelle Tageslicht eines Sommertags im Juli. Doch sie sah nur milchiges Grau, eine träge wabernde Nebelwolke, durch die hin und wieder ein schmutzig gelber Sonnenstrahl drang. Sie öffnete das Fenster, Schwefelgeruch schlug ihr entgegen, nahm ihr den Atem. Hustend und nach Luft schnappend taumelte sie aufs Bett zurück, sprang wieder auf und schloss das Fenster.

Was hat das zu bedeuten, sind das die Vorboten der Hölle, folgen gleich die apokalyptischen Reiter, fragte sich Chris beklommen. Der Vulkanausbruch, schoss ihr durch den Kopf, sollte tatsächlich ... Hastig stellte sie das Radio an, drehte es laut.

 

(HE) Koblenz, A 61, Bad Neuenahr

Carlo strich mir immer wieder um die Beine, brachte mich beinahe zum Stolpern. Sein Futternapf war gefüllt, frische Milch in der Schale, in die er nur testend seine Barthaare tauchte. Also, ich wollte erst einmal frühstücken. Endlich Wochenende!

Laut Wetterbericht sollte es schönes Wetter geben. Heute wollte ich, wie so oft samstags, Nelly besuchen. Sie lebte in Bad Neuenahr in einem Altenstift.

Die Schwester meiner verstorbenen Mutter bedeutet für mich so etwas wie eine alte Freundin. Kurz nach elf Uhr fuhr ich los. Ich liebte diese Autobahn, den weiten Blick über die Vulkaneifel und jetzt das satte Gelb der Rapsfelder.

Die freundliche Schwester am Empfang von Stift Antonius grüßte müde. Ich klopfte laut an Nellys Türe, denn die alte Dame hört immer schlechter. Als ich eintrat, erhob sie sich erwartungsvoll aus ihrem Sessel.

"Wie schön, dass du schon da bist," sagte sie lächelnd und zog etwas verlegen die Gardine wieder zurecht. Sie hatte nach mir Ausschau gehalten.

Wir gingen in den großen Park, der das ganze Haus umschloss. Die Frühlingsblumen blühten in geordneten Rabatten. Ein alter Baumbestand bildete eine schattige Allee. Wir nahmen wie immer auf unserer Bank Platz. Nelly hatte sie ausgesucht, es war der Weg, den sie noch schaffte. Ich bemerkte, dass sie ihre Augen geschlossen und ihr Gesicht in die Sonne hielt.

Es war windstill, keine Vogelstimme zu hören. Ein dumpfes Grollen und Beben ließen mich zusammenzucken.

Nelly sagte: "Heute ist mir wieder so schwindelig, manchmal denke ich, der Boden bewegt sich unter mir."

"Ja, ja," antwortete ich fahrig. Natürlich hatte ich den Ruck bemerkt. Ich stand wohl etwas zu schnell auf.

"Warum so eilig, Kind?", fragte sie erstaunt.

 

(EK) Der Ausbruch des Vulkans

Nach mehreren, verschieden starken, eruptiven Vorgängen wird der Seespiegel angehoben und ergießt sich, einem riesigen, überkochenden Topf gleich, über den Kraterrand.

Eine Wasserdampf-Gas-Explosion ungeheuren Ausmaßes erfolgt, am Boden bildet sich eine basale Ringwolke, die Druckwelle rast über die bewaldeten Höhen, entlaubt und entwurzelt Wald und Buschwerk. Die nachfolgenden Glutlawinen, bestehend aus Asche und Wasser, zerstören durch die Hitze von bis zu 400 Grad Celsius und die enorme Geschwindigkeit von 120 kmh mit einer Höhe von bis zu mehreren Metern das Land.

Erde und Himmel sind in Aufruhr. In der Luft ein ununterbrochenes Dröhnen, dumpfes Grollen, schmerzhaft lautes Krachen, weittragend, bis nach Koblenz vernehmbar, und auch die eruptiven Ausbrüche pflanzen sich in Wellen über Eifel und den Mittelrhein fort. In den Wolken über dem ehemaligen See zucken Blitze, hart und grell, weitere Eruptionen, glühende Thepra wird ausgestoßen, von riesigen, grauschwarzen Wolken begleitet.

Menschen und Tiere ersticken, verbrennen, von den Schlammfluten mitgerissen, verschwinden sie unauffindbar und spurlos in den Ascheströmen.

Über das Gebiet am Fullbertstollen bahnt sich die Katastrophe den Weg in die Pellenz. Die Orte Glees, Wehr, Nickenich, Bell sind infolge der enormen Druckwelle eingestürzt, unter den Glutwolken verbrannt und am Ende über weite Strecken mit einem breiigen Schlamm aus Gesteinsbrocken, Betontrümmern, Metall und Baumstümpfen bedeckt.

Vom Kloster Maria Laach, dem trutzigen romanischen Bau am Westufer des Sees, ragen unter den Schlammmassen die zerstörten Türme hervor. Die Straßen K 53, K 56, L 116 und L 113 sind ebenso in der Schlammwüste versunken, ihre Leitungssysteme ragen verformt und aufgerissen in den düsteren Himmel.

Die Druckwelle und die Glutlawine erreichen je nach Topographie auch Abschnitte der A 61 zwischen dem Brohltal und der Pellenz. Dieser einst fruchtbare Landstrich zwischen Miesenheim, Plaidt, Kruft, Kretz und Ochtendung existiert nicht mehr. Untergegangen in einer Wasser-Asche-Lawine, die sich ins Nettetal ergießt und zum Stillstand kommt. Die Nette, aus ihrem Flusslauf gedrängt, überflutet das angrenzende Gebiet, auf der Suche nach einem neuen Abfluss in den Rhein.

Die Winddrift sorgt für die Verstreuung der Aschewolken, feiner Staub wird bis weit in den Westerwald hinein, den Rhein hinauf über Koblenz bis Boppard gestreut. Der Explosionsauswurf kehrt zur Erde zurück, in winzigen Teilchen, kriecht durch Ritzen und Türen, erschwert das Atmen. Später wird man in unzerstörten Häusern die erstickten Bewohner finden.

Nach etwa zwei Stunden ist alles vorbei, die heftigen Erschütterungen lassen nach, das entsetzliche Getöse in der Luft wird leiser, verebbt ganz. Ein feiner Regen setzt ein, fällt klebrig über das zerstörte Land. Gegen Abend wird es klarer, der Regen hört auf. Im verdüsterten Licht wird an der Stelle des Sees ein kurzer, stumpfer Schlackenkegel sichtbar, aus dem sich die sich weiße Rauchwolke darüber nährt.

 

(HE) Bad Neuenahr

Meine Gedanken überschlugen sich: Explosion oder brach ein Flugzeug durch die Schallmauer? In der Umgebung bellten und jaulten Hunde. Fenster wurden aufgerissen. Mir lief ein Kälteschauer über den ganzen Körper.

"Komm, wir gehen zurück ins Haus", sagte ich zu ihr, die mit steifen Beinen mir zu langsam ging. Sirenen heulten und das Personal des Stiftes schaute besorgt, ob sich noch jemand draußen befand. Der Himmel wurde schwarz wie vor einem schweren Gewitter, Rauchwolken behinderten das Atmen. Plötzlich prasselte ein Gemisch aus Staub- und Ascheregen auf uns nieder.

Ich zerrte Nelly in den Eingang. Hier liefen uns Schwestern und Pfleger aufgeregt entgegen. Ein Radio hallte ohrenbetäubend aus einem Bereitschaftszimmer. Ich versuchte, die Meldungen zu verstehen, bekam aber nur Wortfetzen mit. Alte Menschen irrten über die Flure, manche schauten nur verwirrt aus ihren halb geöffneten Türen.

"Folgen Sie bitte den Anweisungen des Personals und halten Sie Ihre Fenster geschlossen", tönte es aus dem Hauslautsprecher.

"Vulkanausbruch, Laacher See", flüsterte uns ein alter Mann aus einem Türspalt zu. Dann legte er den Zeigefinger auf seinen Mund und drückte ein Wäschebündel fest an sich.

Ich fühlte mich elend mit Nelly am Arm, die nichts mehr verstand. Draußen tobte ein gespenstisches Wetter. Regen und Asche bildeten eine schlammige Schicht, die zäh an den Fensterscheiben herab lief. Kleine, schwarze Steinchen prasselten wie Hagel gegen die Mauern. Das Licht auf den Fluren flackerte einige Male, dann ging die Notbeleuchtung an. Ich setzte die zitternde alte Dame auf ihr Bett. Sie schaute mich verängstigt an und bewegte tonlos ihre Lippen.

Mein Blick fiel nach draußen. Mein Auto sah alt und verkrustet aus, die Wiese dahinter trüb braun. Ich war gefangen. Was ist mit meiner Wohnung, wie komme ich nach Koblenz, schoss es mir durch den Kopf. Und Carlo? Ich begriff seine Unruhe am Morgen, er hatte etwas gespürt.

 

(MG) Autobahn-Raststätte Brohltal A 61

Ein an dem zehn Meter hohen Hinweisschild der Tankstelle angebrachter Lichtsensor ließ trotz des Julimittags sämtliche Neonbeleuchtungen aufflackern. Die Sprachlosigkeit Gudruns deckte sich nicht mit dem Informationsbedürfnis der aufgebrachten Kundschaft, die für einen entsprechenden Service ja teuer bezahlen musste.

Unter Verwünschungen, von denen "dumme Kuh" noch die harmloseren waren, verließen sie den Verkaufsraum, mit der absoluten Gewissheit, dass ihnen sowas an einer anderen Tankstelle niemals passiert wäre. Ohne die noch am Boden liegenden Einfüllstutzen zu beachten, ruckelten sie mit ihren Samuraiwägelchen über den rissig gewordenen Bodenbelag hinweg. Gudrun machte sich Sorgen über die unterirdisch verlaufenden Leitungen der Tanks, sie tippte die Mobiltelefonnummer ihres Chefs in die Tastatur des Telefons ein.

"Ja, ich habs auch mitbekommen, bin schon auf dem Weg zu euch, sperr erst mal die Zapfsäulenversorgung ab!"

Gudrun drückte die entsprechende Taste unter der Kasse, sie warf einen Blick durch die Glasscheibe nach draußen, die Zapfanlage unter der großzügigen Überdachung war nun menschenleer. Etwa eine halbe Stunde später kam ihr Chef mit überbeanspruchten Stoßdämpfern seines BMW, mehr rollend als fahrend vor dem Service-Center an.

"Die stehen alle auf dem Randstreifen, ich habe auf unserer Zufahrt mein Warndreieck aufgestellt, lass mal sehen!"

Er kam hinter den Tresen und öffnete einen Schaltkasten an der Wand zum angrenzenden Büro. Er kippte ein paar Schalter um und gab wieder Druck auf die Zapfsäulen. Die digitale Anzeige des Tankfüllstandes am oberen Rand des Kastens veränderte sich dabei allerdings nicht.

"Glück im Unglück, die Zuleitungen sind noch ok, aber die Reparatur des Bodenbelags wird ein ganz schönes Sümmchen kosten!"

"Sollten wir nicht wieder die Zufahrt aufmachen, es könnte doch sein, dass Leute, die Hilfe brauchen uns anfahren möchten!"

"Na gut, lauf hin und hol das Warndreieck, obwohl ich glaube, dass jemand der wirklich Hilfe bräuchte, darauf kaum achten würde!"

Gudrun eilte die rissige Zufahrt hinunter, zu der Stelle, an der das Warndreieck ihres Chefs als rotes Dreieck schemenhaft im unnatürlichen Dunkel des Tages zu erkennen war. Sie sah die Autobahn hinunter und konnte vereinzelte Scheinwerferlichter von Fahrzeugen ausmachen, die auf dem Randstreifen der Autobahn angehalten hatten. Eine Gestalt, die sich laufend der neonerleuchteten Tankstelle näherte, hielt direkt auf Gudrun zu. Gudrun, die noch immer die Spitze des Warndreiecks zwischen den Fingern ihrer rechten Hand hielt, starrte der verwirrt gestikulierenden Frau entgegen.

"Bitte Sie müssen uns helfen, mein Mann liegt verletzt im Wagen, wir sind beim Beben von der Straße abgekommen und gegen einen Brückenpfeiler gefahren!"

"Kommen Sie, wir versuchen vom Shop aus einen Krankenwagen zu rufen, mein Chef ist auch da!"

Die beiden Frauen hasteten zum Service-Center zurück. Der Tankstellenpächter, der gerade den aufgebrochenen Boden zwischen den Zapfsäulen begutachtete, schloss sich ihnen an. Als er die dreistellige Nummer am Telefon des Tresens angewählt hatte, gab er den Hörer an die verängstigte Frau weiter.

"Wir können Ihnen nicht direkt Hilfe schicken, die meisten Straßen sind nicht mehr befahrbar und die Luftrettung ist total überlastet, Sie müssen Erste Hilfe leisten und den Patienten so gut es geht auf einen Lufttransport vorbereiten!"

Die Frau gab die Informationen, nachdem sie den Hörer wie in Trance aufgelegt hatte, an den Tankstellenpächter und dessen Bedienstete weiter. Gemeinsam suchten sie alles, was Erste Hilfe Päckchen und golden glänzenden Foliendecken vorhanden war, zusammen, auch zwei Stabtaschenlampen mit zugehörigen Batterien rissen sie aus den Verpackungen und machten sich auf den Weg zur Unfallstelle. Am Wagen angekommen, hatten sie nur noch ein Erste Hilfe Set übrig. Ein Mann lag mit blutüberströmten Gesicht wie viele auf dem Weg hier her neben dem Auto. Andere Reisende hatten ihn aus dem Wagens heraus gezogen ihn auf dem Asphalt in die stabile Seitenlage gebracht.

Der Mann stöhnte leise immer wieder den Namen seiner Frau "Nina". Er lag auf dem rissigen Teerboden, während sich Gudrun und ihr Chef, so gut es ging, um ihn bemühten. Die Frau hockte nur mit einem apathischen Gesichtsausdruck daneben, stammelte was von Paul und Melbourne.

Nach zwei Stunden hörten sie endlich den unverkennbaren Ton von Rotorblättern. Der Notarzt ließ seinen Patienten nach kurzer Begutachtung sofort in den Hubschrauber zu den anderen Opfern verfrachten. Die Frau blieb bei dem Tankstellenpersonal an der Unfallstelle. Erst spät in der Nacht, als die Straßen wieder befahrbar waren, wurde sie von einer Polizeistreife an der Autobahntankstelle abgeholt und zu ihrem Mann in ein Eifler Krankenhaus gefahren. Sie bedankte sich noch nach Jahren immer wieder mit kurz gehaltenen Grußkarten zum Jahrestag des Unglücks bei Gudrun und deren Chef.

 

 

(JA) Flucht aus der Abtei Maria Laach

Auf halber Höhe des Kraterrandes wurden sie von der Wucht einer gigantische Detonation hinter ihnen zu Boden geschleudert. Unwillkürlich schauten beide in die Richtung, aus der die Explosion kam, und sahen, wie sich eine große Menge heißen Gases des Weg durch des See gebahnt hatte und Tonnen heißen Wassers aus dem See katapultierten, das dann rund um den See einschlug.

Bruder Georg stieß einen entsetzlichen Schrei aus, der Bruder Joseph aus seiner Gebanntheit riss und ihm signalisierte, dass er fortan, für den Rest ihrer Flucht, die Verantwortung für sie beide zu tragen hatte. Bruder Joseph nahm Bruder Georg an der Hand, fest entschlossen, ihn und sich in Sicherheit zu bringen.

Der Kraterrand war erreicht. Bruder Joseph war völlig außer Atem, ließ sich auf den Waldboden fallen, stand aber schnell wieder auf, da er wusste, wenn Bruder Georg es ihm gleich täte, würde er ihn nur schwerlich wieder auf die Beine bekommen. Das Fauchen der Erde übertönte nun schon das eigene Atemgeräusch. Er musste weiter – und er musste mit Bruder Georg weiter. Trotz der Schmerzen in der Brust, trotz der Schmerzen in seiner Seele.

Der Abstieg ging zum Glück leichter, als Bruder Joseph ihn sich vorgestellt hatte. Er spürte jetzt auch nicht mehr die Verletzungen an seinem Körper, die ihm Dornen und Gestrüpp beigebracht hatten. Dann war der Waldrand erreicht. Endlich freies Feld – für einige hundert Meter. Bruder Georg lief apathisch neben Bruder Joseph her, noch immer an Bruder Josephs Hand. Er sah Bruder Joseph wahrscheinlich schon gar nicht mehr.

Am Ende des Feldes stand die kleine Kapelle, die sowohl Bruder Joseph als auch Bruder Georg gut kannten. Bruder Joseph hatte sich in den ersten Jahren seines Klosteraufenthaltes oft dorthin zurückgezogen, besonders dann, wenn er zweifelte. Dort gelang ihm die innere Einkehr besser als in seiner Klause. Und vielleicht würde der Anblick ja auch dazu führen, dass Bruder Georg wieder zur Besinnung käme.

Der Abt saß noch immer vor dem Altar, um ihn herum herabgefallenes Mauerwerk und Teile der Kircheneinrichtung. Das Fauchen der Erde strebte seinem Höhepunkt entgegen. Die Bewegungen unter ihm setzten sich in seinem Körper fort. Er war nun ganz Teil dieser Erde, die bald nicht mehr da sein würde. Das letzte, was der Abt spürte, war, dass er und alles um ihn herum sich hob. Das Dach der Kirche riss auf und er sah ein letztes mal den Himmel.

Sie hatten gerade die Kapelle erreicht, als die gigantische Explosion die Erde erzittern ließ und die beiden zu Boden geworfen wurden. Bruder Joseph sah, wie der Rand des Kraters hinweg gerissen wurde, als wäre es Spielzeug. Er warf sich schützend über Bruder Georg, der mit starren Augen dalag. Um sie herum flogen Erde, Steine, Hölzer. Die Kapelle wurde getroffen und brach zusammen. Bruder Joseph schrie ein letztes Gebet in die Erde unter sich.

Sie lebten. Es war noch nicht das Ende. Ungläubig schaute Bruder Joseph sich um und was er sah, war Zerstörung. Aus dem Krater schoss schwarze Asche hervor, vermischt mit Lavabrocken. Der Himmel verdunkelte sich vollkommen. Hier war es zu gefährlich, er musste weiter, sie mussten weiter weg von dieser Hölle.

Bruder Joseph stand auf und versuchte, Bruder Georg aufzurichten. Bruder Georg sang! Es war unfassbar. Er sang - ein Kinderlied! Bruder Joseph zerrte so lange an ihm herum, bis Bruder Georg schließlich mit half und sich aufrichtete. Dann rannte Bruder Joseph mit Bruder Georg davon.

Die Zeit war stehen geblieben. Dunkelheit. Keine Orientierung mehr. Einen Fuß vor den anderen, weit über die Grenze der Erschöpfung hinaus. Weiter.

Sie erreichten eine Scheune, aber es war zu gefährlich, sich darin unterzustellen, entschied Bruder Joseph instinktiv. Er drehte sich um und sah nun die überwältigend große Rauchsäule, die der Berg zusammen mit glühenden Massen ausstieß. Der Ascheregen hatte sie erreicht und erschwerte ihr Weiterkommen. Auch war die Asche so heiß, dass sie Brandflecken hinterließen. Die Scheune stand mittlerweile in Flammen.

Endlich ein Dorf!

Bruder Joseph klopfte gegen die Tür, aber es öffnete niemand. Er schrie aus ganzem Leib. Er klopfte weiter. Endlich wurde die Türe geöffnet. Der Mann erschrak, als er die beiden entblößten, nur mit Asche und Blut bedeckten Männer sah, zögerte aber keinen Moment, sie mit in den Keller des Hauses zu nehmen. Als Bruder Joseph inmitten all der Leute stand, Bruder Georg noch immer an der Hand haltend, brach er erschöpft zusammen. Schnell wurden Wasser, Handtücher und Verbände beschafft, um zuerst Bruder Joseph und dann auch Bruder Georg zu versorgen. Bruder Georg wurde nach Herkunft und Befindlichkeit gefragt, doch dieser starrte die Fremden nur an.

 

(EB) Laacher See, Ferienwohnung

Herr Schmitz im Ferienhaus nebenan stellte auch sein Radio an. Er und seine Frau Gerti lebten seit mehreren Wochen hier, waren aber erst vergangene Nacht von einem mehrtägigen Aufenthalt in Düsseldorf zurückgekommen. Da es schon spät gewesen war, sie beide von der Diskussion mit dem Sohn aufgebracht waren, hatten sie Schlaftabletten genommen. Herr Schmitz stammte aus Düsseldorf, hatte es dort als Bäckermeister und Konditor zu einem bescheidenen Vermögen gebracht und sich dieses Haus aufgebaut. Hier wollte er mit seiner Frau Gerti den Lebensabend verbringen. Sein Geschäft hatte er einem ihrer Söhne übergeben. Letzten Unstimmigkeiten mussten noch aus dem Weg geräumt werden.

"Achtung, letzte Warnmeldung", sagte der Radiosprecher eindringlich, alle die sich am Laacher See und in der angrenzenden Region befinden, müssen sich sofort bei den Sammelplätzen einfinden. Sie werden mit Hubschraubern aus dem Gefahrengebiet ausgeflogen. Nehmen Sie nichts weiter mit als Ihre Ausweispapiere. Die Hubschrauber befördern keine Lasten."

"Hast du gehört, Gerti, nur die Papiere", rief Herr Schmitz, der seit der ersten Meldung gebannt den Radioansagen lauschte, die immer dramatischer klangen und nun im Abstand von wenigen Minuten wiederholt wurden. Seitdem sind beide mit Packen beschäftigt.

"Wat machst du da eijentlich?", fragte er seine Frau ungeduldig.

"Ich hänge die Jardinen ab, dat siehste doch."

"Ja, spinnst du?", fuhr er seine Frau an, "die könne mir doch nu wirklich nit mitnehme."

"Wat, die teuren Jardinen mit der Joldkante, wie se die Frau Koch auch im Wohnzimmer hat, soll ich hier lasse, im Lebe nit, die müsse mit", entrüstete sich Frau Schmitz.

"Die Fähncher bleibe hier und damit basta", konterte Herr Schmitz.

"Aber dein Werkzeug, dat muss natürlich mit", entgegnete Gerti spitz, "dein hunderttausend Näjel un Schraube, die haste als erstes einjepackt."

"Werkzeug wird immer gebraucht", brummte er, "dat is wat Nützliches, wat Sinnvolles. Vielleicht komme mir überhaupt nimmer zurück", und leiser, mehr zu sich selbst, "vielleicht komme mir aber auch nirjend wo mehr an. Wenn der Vulkan wirklich ausbricht, wird hier alles überschwemmt. Wasser hat keine Balken, weiß man doch. Und wenn mir net ersaufe, dann werde mir verbrenne, verkohle, im Lavastrom - Ach, Gerti, komm, lass alles liegen, wir müssen weg!"

Ein weiterer heftiger Stoß brachte Gerti dazu, alles stehen und liegen zu lassen.

Chris hatte aufmerksam den Radiomeldungen zu gehört und saß jetzt wie versteinert da. Vulkanausbruch, hier am Laacher See, dachte sie immer wieder ungläubig. Jetzt bekam auch der Hubschrauberlärm einen Sinn, der Nebel, der Schwefelgeruch, der schwankende Boden. Ein partieller Weltuntergang, am Rande der Eifel, einem schönen Flecken Erde, an dem ich neuen Mut gefasst habe, Lebensmut, dachte Chris verzweifelt.

"Nein!", schrie sie und ballte die Fäuste, "ich will leben, le ... ben."

Hastig mit zitternden Händen zog sie Jeans und T-Shirt an, warf ihren Rucksack über die Schulter und rannte barfuß zur Haustür.

Draußen klappte Herr Schmitz gerade die Heckklappe seines vollgepackten Kombi zu.

"Bitte, nehmen Sie mich mit", schrie Chris flehend.

"Komm her, Mädche, natürlich kannste mit", rief Herr Schmitz zurück.

Seine Worte gingen im Heulen des orkanartigen Sturmes unter, der plötzlich mit einem starken Beben der Erde eingesetzt hatte. Dann sahen die drei die mehrere Meter hohe Wasserwand, die wie eine riesige graue Walze zischend und donnernd auf sie zu raste. Im nächsten Augenblick waren sie von Wasser umschlossen, wurden hochgehoben, mitgerissen, herum gewirbelt und gegen die Reste der Hauswand geschleudert. Die Flutwelle nahm sie mit als eine leblose Fracht. Die Natur hatte auf grausame Art ihre Macht bewiesen.

WEITER!

© Koblenz 2000 bei den Autoren:
Eva Koloska (EK), Doris Meheust (DM), Brigitta Firmenich (BF), Adelheid Schmidt (AS),
Martin Grasnickel (MG), Joachim Alberti (JA), Elisabeth Büttner (EB), Hilde Engels (HE)