|
(BF) Corinna, Teil 2
Es war Samstag und außerdem waren Ferien. Viele Eltern
schulpflichtiger Kinder hatten die Zeit genutzt und waren in alle Welt
entschwunden. Daher war Corinna über die Menge der Fahrzeuge, die über
die Verlängerung der Hunsrückhöhenstraße nach Koblenz hineinfuhr,
sehr erstaunt. Auch aus der Stadt hinaus ging es so langsam wie an einem
normalen Arbeitstag. Corinna fuhr auf die Bundesstraße 9 und bog dann
ab zum Industriegebiet.
"Schön, dass sie da sind."
Chefredakteur Alfons schien ganz aus dem Häuschen.
"Es geht das Gerücht um, dass der Laacher See, ich meine den
Vulkan darunter, wieder aktiv ist. Man hat uns mitgeteilt, dass sich
seit einigen Stunden Schlote in der Umgebung des Laacher Sees geöffnet
hätten und heiße Aschewolken in die Atmosphäre schicken. Ich weiß
nicht, was ich davon halten soll. Es könnte eine Ente sein. Aber es
wäre doch immerhin im Bereich der Möglichkeit, was meinen Sie? Die
restliche Mannschaft, die nicht in Urlaub ist, habe ich schon zu allen
Erdbebengeschädigten in der näheren Umgebung geschickt. Herr Diener
hat sich freundlicherweise bereit erklärt, mitzufahren. Herr Diener,
kommen Sie mal?"
Ein dunkelhaariger Mann mit Dreitagebart und legerer Sommerkleidung
streckte seinen Kopf aus dem Nachbarzimmer durch die Türöffnung. Er
hatte mehrere Fotoapparate über der Schulter hängen und betrat mit
einem breiten Grinsen den Raum. Er verbeugte sich theatralisch vor
Corinna, trat dann näher an sie heran und küsste sie auf beide Wangen.
"Schön, Sie wiederzusehen, gnädige Frau, wir können sofort
losfahren. Ich freue mich auf die unerwartete Zusammenarbeit."
"Die Freude ist ganz allein auf Ihrer Seite, mein Herr. Ich
mache nur meine Arbeit", gab sie ein wenig schroff zurück.
"Mit dir hätte ich ehrlich gesagt am wenigsten gerechnet. Aber was
soll's."
"Halt die Luft an, Kleine. Es gibt sicher Schlimmeres, als mit
mir einen Ausflug zu machen, oder?"
"Da bin ich mir nicht sicher. Außerdem, freue dich mal nicht zu
früh, mein Lieber. Wer weiß, was da auf uns zukommt."
Die Fahrerei über die B 9 Richtung Andernach in die Voreifelberge
war alles andere als ein Vergnügen. Fahrzeug hinter Fahrzeug fuhr auf
der Gegenfahrbahn und es waren sicher nicht viel weniger Fahrzeuge auf
ihrer Strecke. Immer wieder fuhren Polizeifahrzeuge und Krankenwagen mit
heulenden Sirenen an ihnen vorbei. Corinna liebte schnelle Fahrzeuge und
schnelles Fahren und auch sonst alles, was mit hoher Geschwindigkeit zu
tun hatte. Im Winter fuhr sie Ski. Auch dann brauchte sie einen gewissen
Pepp, wie sie es nannte. Kein Berg konnte ihr zu steil, keine Abfahrt zu
schwierig sein. In den letzten Jahren hatte sie sich ein neues Hobby
für den Sommer zugelegt: Drachenfliegen. Sie genoss die am Gesicht
vorbei rauschende Luft, den Ausblick und die Freiheit, die ihr die
Luftreise bot. Und nun hätte sie verzweifeln können, weil das Fahren
nur im Schneckentempo möglich war. Sie trommelte ungeduldig mit den
Fingern auf dem Lenkrad herum. Sie dachte, den Auftrag so schnell wie
möglich hinter sich zu bringen und Rolf wieder rasch vergessen zu
können.
"Verflixt und zugenäht, warum geht das denn nicht
schneller?"
"Da sind garantiert viele Schaulustige unterwegs zum Laacher
See. Die dunkle Fahne ist ja nicht zu übersehen. Jetzt ist endlich mal
was los hier und es ist Wochenende."
Corinna hantierte am Autoradio und hatte auch prompt die
Verkehrsnachrichten: Folgende Straßen sind gesperrt. Blablabla. Nichts
von Wert.
"Hätte mir ja denken können; die sagen nichts davon, warum die
Straßen so voll sind. Und die Sensationsgier der Leute geht mir auf die
Nerven. Erst wollen sie alles mitbekommen und dann kriegen sie die
Muffen und kriechen wie die Schnecken. Man könnte ja auf der Straße
vielleicht in eine Erdbebenspalte fallen. Herrjeh. Hier schleichen sie
ja schon beim kleinsten Regenschauer mit dreißig Stundenkilometern
durch die Stadt. Was soll denn werden, wenn wirklich mal was
passiert?"
Corinna hatte sich in Rage geredet und ihren Beifahrer einen Moment
lang vergessen. Sie führte immer Selbstgespräche, wenn sie fuhr. Jetzt
bemerkte sie Rolfs Blick.
"Du hast dich nicht geändert, Corinna. Hast noch immer was
übrig für 'ne schnelle Nummer, was?"
"Ach, halt doch den Mund, Blödmann. Unsere Zeit ist lange
vorbei. Sieh' du zu, dass deine Bilder was werden."
"Selbstverständlich, gnädige Frau, ganz dienstlich, ganz
korrekt. Kommst du dir eigentlich nicht blöde vor, bei den anderen so
zu tun, als ob wir uns nicht kennen würden?"
"Nach allem, was damals passiert ist, möchte ich unsere
Beziehung auf dem rein dienstlichen Level halten und mit einem bisschen
Abstand geht es mir einfach besser, wenn du weißt, wovon ich
rede."
"Das sieht ja so aus, als ob du vor mir Angst hättest. Ich kann
dir also noch immer gefährlich werden?"
"Du überschätzt deine Wirkung, Rolf. Wirklich. Ich will nur
einfach klare Verhältnisse. Basta!"
"Corinna, was ist denn schon passiert, damals. Wir waren
jung."
"Du warst zu grün. Ich war längst erwachsen. Wenn du mich
damals nicht schmählich im Stich gelassen hättest.....Was soll's,
lassen wir das. Ich bin zum Glück auch ohne dich zurecht
gekommen."
Für einige Augenblicke war der Verkehr flüssiger geworden. An einer
Abfahrt nach Andernach war Corinna schon vorbei. An der nächsten, die
Richtung Nickenich führte, musste sie raus. Sie nahm die scharfe
Rechtskurve mit ziemlichem Schwung und Rolf hielt sich am Griff oberhalb
der Türe fest, damit er Corinna nicht auf die Pelle rückte. An der
Kreuzung stand der Verkehr. Polizei hatte die Straße abgeriegelt. Jedes
Fahrzeug wurde angehalten und der Fahrer nach seinem Ziel befragt. Auf
der Straße Richtung Andernach drängelten sich die Fahrzeuge.
"Darf ich fragen, wohin sie möchten?", fragte der junge
Polizist durch die geöffnete Fensterscheibe.
"Nach Mendig und zum Laacher See", sagte Corinna.
"Das geht leider nicht", sagte der Uniformierte, "die
Straße ist gesperrt."
"Hoffentlich nicht für die Presse", sagte sie und zeigte
ihm ihren Ausweis.
"Die Lage ist sehr ernst", verteidigte sich der Polizist,
der so jung aussah, als ob er frisch von der Polizeischule käme.
"Durch das Erdbeben hat sich am See eine Spalte geöffnet und
sehen Sie doch selbst.:..."
Er zeigte mit ausgestrecktem Arm über den Hügel nach Westen.
Corinna stieg aus und schaute in die angegebene Richtung. Sie tat,
als wisse sie von nichts.
"Ist doch ein Waldbrand, oder?", fragte sie den
Ordnungshüter und auch Rolf, der ausgestiegen war, ergänzte: "In
der Nähe der Abtei?"
"Davon weiß ich nichts", sagte der blasse Mann, der
völlig überfordert wirkte.
Rolf beobachtete mit offenem Mund die dunkle Rauchwolke, die jetzt
nicht mehr gerade hoch in den Himmel strebte sondern durch den Wind zu
einer riesigen Fahne anwuchs.
"Nach meinen Informationen kommt die Rauchwolke vom See und ich
weiß wirklich nicht, ob ich jemand von der Presse durchlassen
darf."
"Vielleicht fragen Sie mal Ihren Vorgesetzten", half ihm
Corinna auf die Sprünge, die endlich weiterfahren wollte.
"Moment mal bitte", sagte der Beamte und hielt sich ein
Funkgerät ans Ohr. Er drehte sich um und der Wind verwehte seine
Sprache. Als er sich wieder umdrehte, gab er sein okay.
"Sie können durch. Aber fahren Sie auf keinen Fall über
Nickenich", sagte er, "der Ort wird gerade evakuiert."
"Ist es denn so ernst? Nickenich liegt doch nicht direkt am
Laacher See."
Corinna hatte die Stirn kraus gezogen, als zweifle sie an dem, was er
gesagt hatte.
"Der Wind kommt im Moment aus Süd-West. Nickenich ist gerade an
der Grenze. Wenn sich der Wind dreht, kann sich die Lage noch
zuspitzen", sagte der Polizist. "Ich weiß auch nur das, was
man mir durchgibt. Seien Sie lieber vorsichtig."
Er gab den Weg frei und Corinna fuhr los. Sie hatte zwar nicht
geglaubt, alleine auf der Straße zu sein, doch als sie auf die erste
Anhöhe kam, sah sie eine Menge Fahrzeuge, die auf dem gleichen Weg
waren. Es ging verhältnismäßig fließend weiter und es schien beinahe
alles normal zu sein. Nur dass wenige Kilometer vor ihr die dunkle
Rauchfahne in den Himmel stieg.
Als sie an der Abfahrt nach Eich vorbei waren, reckte sie ihren Arm
in den Zwischenraum von Vorder- und Rücksitz und nestelte in ihrer
großen ledernen Beuteltasche herum.
"Kann ich dir helfen?"
"Nein danke, ich hab's schon gefunden", sagte Corinna und
zog aus der Tasche ein Handy. Mit spitzen Fingern tippte sie eine Nummer
ein. Der Gesprächspartner schien auf den Anruf gewartet zu haben.
"Nun?", fragte sie, "Wie sieht es aus? Ich kann gleich
da sein. Gleich kommt die Auffahrt auf die B 256. Wann soll es denn
losgehen?"
Sie horchte in das winzige Gerät und grinste.
Prima, hörte Rolf sie sagen. Er war neugierig, was sie arrangiert
hatte. Doch nach der vorherigen Auseinandersetzung wollte er sie nicht
noch mehr gegen sich aufbringen. Deshalb tat er so, als ob es ihn nicht
interessiere und sah sich betont aufmerksam die Gegend an.
"Was ist da nur los?"
Der Wind trieb schwarze Wolken über den Himmel und schon bald hatte
die Sonne nicht mehr die Kraft, durch zu dringen. Corinna schaltete das
Abblendlicht ein und den anderen Autofahrern ging es nicht besser. Rolf
kurbelte das Schiebedach zu und hängte seinen Arm aus dem geöffneten
Fenster.
"Wenn am Laacher See die Sicht so schlecht ist, wie der Himmel
da hinten aussieht, wird es nicht einfach mit den Aufnahmen."
"Ich versuche, zum Flugplatz durchzukommen. Mal sehen, ob ich
das schaffe. Der liegt ein bisschen außerhalb."
"Zum Flugplatz? Da ist doch Bundeswehr!"
"Und? Die wird die Sache sicher auch interessieren. Vielleicht
lassen sie einen Hubschrauber aufsteigen. Dann könnten sie uns doch ein
Stückchen mitnehmen, oder?" Sie grinste ihn frech an.
"Du machst Quatsch, oder? Aber du hattest schon immer einen
guten Draht zu den unmöglichsten Leuten. Dir ist alles zuzutrauen. Doch
dass du auch Kerle vom Militär kennst, Donnerwetter. Da geht doch sonst
immer alles nur nach Vorschrift. Du musst bei denen ja einen dicken
Stein im Brett haben, mein lieber Scholli."
"Ist ja gut. Mach den Mund wieder zu. Wenn wir da sind, werden
wir weiter sehen."
Endlich erreichten sie ihr Ziel. Corinna bog mit einem zufriedenen
Grunzen in die Einfahrt der militärischen Anlage. Sie stiegen aus und
Corinna verschwand im Wachhäuschen. Rolf sah, dass sie telefonierte.
Mit einem strahlenden Lächeln kam sie zum Auto zurück.
"Komm, Diener. Wir machen eine Hubschraubererkundung über dem
Laacher See."
"Du hast das wirklich hingekriegt?! Hochachtung, gnädige
Frau."
"Laß' den Quatsch. Also nix wie rein in die gute Stube. Sie
wollen unsere Personalausweise haben. Wir kriegen sie nachher
zurück."
Auf dem Flugfeld wartete bereits ein Hubschrauber mit laufendem
Motor. Davor standen mehrere Herren in Zivil und in Uniform. Einer der
Offiziere begrüßte seine Fluggäste und drängte zum Einsteigen. Alles
wirkte wie eine Pantomime, da bei dem Höllenlärm, den Motor und
Rotorblätter machten, kein Wort zu verstehen war. Kaum saßen sie,
stieg das Fluggerät beinahe senkrecht hoch, gewann schnell an Höhe,
und kurz darauf waren sie bereits in der Nähe des Laacher Sees.
"Das ist ja Wahnsinn", konnte sich Rolf nicht verkneifen,
"ich hab' in meinem langen Leben ja schon viel von der Welt
gesehen. Aber hier in der Heimat so 'was Tolles! Einfach Spitze! Sieh'
dir das mal an. Als ob die Erde Zigarre rauchen würde."
An den Fenstern des Helikopters drückten sich die Passagiere die
Nasen platt. In der Nähe des Lydiaturms stiegen an mehreren Stellen
Dampfschwaden aus dem Wald. Einige Passagiere hatten Kameras dabei und
filmten und fotografierten die Schlote, aus denen die Rauchsäulen
stiegen, damit sie später ausgewertet werden könnten. Eine kleine
Runde hatten sie bereits gedreht, unter ihnen erschien erneut die
Straße nach Bell, dahinter tauchte die Abtei Maria Laach mit ihren
zahlreichen Gebäuden auf, als sich vor ihnen die Klostergebäude und
der Wald zu bewegen schienen.
"Was ist das denn?", fragte jemand.
"Für mich sieht das nach einem weiteren Erdbeben aus",
antwortete ein anderer.
"Es ist ein Erdbeben", bestätigte ein dritter.
Corinna starrte angestrengt auf das Schauspiel, das sich ihr bot.
"Wir fliegen zurück zum Standort", teilte der Offizier
ihnen schreiend mit und gestikulierte zur besseren Verständigung.
Der Hubschrauber hatte bereits abgedreht, als hinter ihnen eine
gewaltige Explosion die Luft in einen unglaublichen Aufruhr versetzte.
Der Hubschrauber begann zu trudeln und der Pilot schien Probleme zu
haben, die Maschine aus der Gefahrenzone hinaus zu manövrieren. Die
verängstigten Passagiere hingen an den Fenstern und sahen eine hoch
aufschießende Feuerzunge aus Lava und Gas, deren herab regnende Kraft
wie eine gewaltige Feuerwalze den kochenden See über den zerborstenen
Kraterrand des urzeitlichen Vulkans zum Brohltal trieb. An den Rändern
setzte die Hitze den Wald in Flammen.
Wenig später landete der Helikopter mit den entsetzten Passagieren
auf seinem Stammplatz in Mendig. Die beim Abflug so schweigsamen
Menschen schrieen und liefen aufgeregt durcheinander.
"Mein Gott", rief auch Rolf geschockt, "die Menschen.
Was kann man denn jetzt machen?"
"Ich muss erst mal nachdenken", sagte Corinna. "Wir
können von Glück reden, dass wir nicht selbst seit wenigen
Augenblicken mit den Engeln im Himmel das Halleluja singen."
Sie zitterte vor innerer Erregung.
"Da ist was dran, so eilig ist es mir noch nicht damit",
sagte Rolf und schaute angestrengt auf die immer größer anwachsende
dunkle Wolke, deren Inhalt sich nach Westen ausleerte.
In Windeseile waren die Uniformierten in ein Kasernengebäude
verschwunden. Die zivilen Herren strebten mit ziemlichen Tempo, das man
ihnen kaum zugetraut hätte, und einem Handy am Ohr dem Ausgang zu, vor
dem schwarze Karossen bereits auf sie warteten. Corinna erkannte einige
als Bürgermeister der um den Laacher See liegenden Ortschaften, die
sich gemeinsam mit Spezialisten einen Überblick hatten verschaffen
wollen, damit sie die entsprechenden Maßnahmen ergreifen konnten. Der
Rundflug war zu spät erfolgt, das Unglück war früher und weit
schlimmer geschehen, als die Expertengruppe ihnen vorausgesagt hatte.
Während sie mit ihrem Kollegen Rolf zu ihrem Wagen hasteten und sich
nicht sicher waren, was sie, außer sich aus dem Gefahrengebiet zu
bringen, tun könnten, hörten sie einige an- und abschwellende Sirenen.
Jetzt gehts los, dachte sie. Vielleicht können wenigstens einige der
Leute gerettet werden, die sonst in dem Höllenkessel den Tod durch
Verbrennen, Ersticken oder Ertrinken erleiden mussten. Der Hubschrauber
stand noch immer dröhnend an seinem Platz.
"Hoffentlich sind meine Aufnahmen etwas geworden!",
bemerkte Rolf, "die Sicht war nicht besonders. Bei dem Gewackele
und den Lichtverhältnissen bin ich mir absolut nicht sicher. Aber du
kennst mich ja, für den Verlag gebe ich stets mein Bestes."
Corinna schimpfte los.
"Du oberflächliches Arschloch. Was glaubst du wohl, wie wichtig
mir jetzt deine dämlichen Fotos sind? Meinst du, es gäbe nichts
Wichtigeres auf der Welt? Begreifst du eigentlich, was passiert ist? Da
ist in unserer unmittelbaren Nähe ein Vulkan ausgebrochen, und du
denkst nur an deinen eigenen Mist. Vorhin wollte ich auch noch mit den
Leuten von den Rettungskräften ein Interview machen und dachte, dass
sie mir vielleicht über ihre Arbeit etwas erzählen könnten. Aber
jetzt....jetzt ist doch alles ganz anders."
Mit betretenem Gesicht marschierte er neben Corinna her. Einerseits
hatte sie recht, glaubte er, andererseits waren sie wegen ihres Jobs
hierher gekommen, die Redaktion wartete auf ihren Bericht. Endlich waren
sie wieder an ihrem Fahrzeug. Rolf hielt schnuppernd die Nase in die
Luft und stieg dann zu Corinna in den Wagen.
"Wie eigenartig das hier stinkt," bemerkte er, "als ob
der Teufel seine Höllentore geöffnet hätte."
"Mir stinkts auch. Aber ich muss erst noch mal schnell
telefonieren."
Sie tippte wieder auf unvergleichliche Art eine Nummer ein. Zur Zeit
ist eine Verbindung nicht möglich, sagte ihr eine weibliche
Maschinenstimme im Handy.
"Schiet", fluchte sie, "fahren wir eben. Wer weiß, ob
wir hier in Sicherheit sind und nicht die Lava es sich anders überlegt
und doch noch bis hierher kommt. Ich glaube den Experten nix mehr."
Es war gerade Mittag, und doch konnten sie ohne Scheinwerfer nicht
genug sehen. Vor dem dunklen Himmel zuckten riesige rote Flammen. Es
regnete Staub.
Corinna suchte angestrengt die Autobahnauffahrt Kruft auf die A 61.
"Fahren wir direkt zurück?"
Rolf sah sie mit einem undefinierbaren Seitenblick an, und Corinna
tat so, als merke sie es nicht.
"Was sonst?"
"Ich weiß nicht. Es ist sicher nicht ungefährlich, wenn wir
bleiben. Aber wann haben wir noch einmal eine solche Gelegenheit? Sollen
wir nicht nach Wehr fahren?"
"Du denkst doch tatsächlich immer nur an die dämlichen
Aufnahmen, oder? Wie wäre es, wenn du mal dein Herz suchen würdest?
Aber es kann schon sein, dass du wirklich keines hast. Ich fahre jetzt
jedenfalls auf dem schnellsten Weg zurück. In Mendig wird der Teufel
los sein."
"Ja, sicher."
"Und warum guckst du so blöd?"
"Ich überlege nur, woher der Wind weht."
"Dann überleg mal schön."
Corinna musste sich auf das Fahren konzentrieren. Die Straße war zu.
Sie hatten das Gefühl, als ob die ganze Welt unterwegs wäre.
Bundeswehrfahrzeuge, Feuerwehren, Polizei, Rettungsfahrzeuge und dazu
eine Unmenge PKW stauten sich auf der Zufahrt zur Autobahn. An allen
Kreuzungen standen Polizisten mit Funkgeräten, die den Verkehr in Gang
halten sollten und den Rettungsfahrzeugen Durchfahrt erkämpften.
Corinna atmete hörbar auf, als sie an die Autobahnauffahrt Kruft kamen.
Doch jetzt stand der Verkehr vollends. Die Polizei ließ niemanden
durch. Rettungshubschrauber knatterten durch die Luft, Corinna gelang
es, einen Platz in einem der Transporthubschrauber der Bundeswehr zu
ergattern, was Rolf die Gelegenheit gab, Aufnahmen von dem Chaos auf der
Autobahn zu machen. Kaum gelandet, tippte Corinna noch einmal auf ihrem
Handy eine Nummer ein.
"Na endlich", stöhnte sie auf. "Ich bin's. Wir sind
am Autobahnkreuz Koblenz. Hier ist das totale Chaos, sage ich dir. Aber
ich hoffe, dass wir gleich da sind. Wir werden mit einem der
Rettungsfahrzeuge in die Stadt kommen. Ich melde mich später wieder.
Gibt es irgendwas Neues?"
Sie horchte während des langsam Fahrens in das winzige Telefon.
"Okay", sagte sie.
"Mit wem hast du gesprochen?"
"Das war privat."
"Aha? Klang mir eigentlich nicht danach."
Vor dem Gebäude des Heimatblattes war geschäftiges Treiben. Mit
großen Schritten ging Corinna neben Rolf her. Er riss die gläserne
Eingangstüre auf und ließ ihr den Vortritt.
"Ganz gentlemen-like, boah," konnte Corinna sich nicht
verkneifen zu sagen.
Im Büro wurden sie bereits erwartet.
"Wir wissen schon, was passiert ist," sagte der
Chefredakteur. "Was habt ihr davon mitbekommen?"
Mit wenigen Worten erzählte Corinna von ihrem Flug, dem Aufbrechen
der Erde, der Explosion, dem Herausschleudern von Staub und Lava, dem
Brennen des Waldes, und wie die Lavamasse in Richtung des Brohltales
quoll. Rolf, der bereits zum Entwickeln der Filme unterwegs gewesen war,
kam kreidebleich zurück gerannt.
"Im Radio haben sie vermutet, wodurch der See explodiert sein
könnte. Sie vermuten, dass sich unter dem See eine Spalte geöffnet hat
und das Wasser mit dem Magma zusammenkam. Dadurch hätte es den
gewaltigen Knall gegeben. Aber genau wissen sie es nicht. Es könnte
auch eine Gasexplosion gewesen sein. Auf jeden Fall fließt die Lava
schon auf Burgbrohl zu. Sie fürchten, dass es nicht mehr lange dauern
wird, bis sie am Rhein ankommt. Und dann Gnade uns Gott."
"Seit wann glaubst du an Gott?", fragte Corinna den völlig
verstörten Rolf.
"Bist du so cool oder zu blöde," antwortete Rolf giftig.
"Weißt du eigentlich, was passiert, wenn die Lava sich in dem
Tempo weiter durch das Brohltal frisst und erst im Rhein zum Stillstand
kommt? Ja?"
"Glaubt man wirklich, das könnte passieren? Kann die zähe
Masse denn so weit fließen?"
"Im Südwestrundfunk haben sie vorhin einen Vulkanologen
befragt. Der warnte vor einer Gefahr durch den Lavastrom."
"Was meinte er damit? Welche Gefahr? Nein, Moment noch, lass
mich mal meinen Gedanken zu Ende führen. Also, wenn wirklich die Lava
bis zum Rhein herunter fließen würde, müssten ja nicht nur die
Menschen, die dort in der Gefahrenzone leben, sofort evakuiert werden.
Es müsste auch die Rheinuferstraße und die Bahnstrecke gesperrt
werden! Dann ginge auf der Rheinseite nichts mehr. Und dann würde sich
die Lava langsam vorschieben in den Rhein. Erst würde sie noch verdammt
heiß sein, dann allmählich abkühlen. Das heißt, sie erstarrt, wird
Stein. Und Schicht um Schicht würde sich übereinander schieben und
erkalten. Oh nein! Da würde sich dann eine zumindest teilweise
Stromsperre zusammen backen. Dann würde unweigerlich das Rheinwasser
oberhalb der Sperre über die Ufer treten wie bei einem Hochwasser. Aber
nicht nur so. Das Wasser würde sich aufstauen bis wer weiß wohin. Die
Bereiche, die bei einem normalen Hochwasser unter Wasser stehen, würden
als erste wieder darunter zu leiden haben. Mensch, davon wissen die
meisten nichts. Macht doch mal das Radio lauter. Ich will wissen, ob
Sondermeldungen auf die Gefahr aufmerksam machen. Wenn nicht, muss doch
irgendeiner denen Dampf machen. Inzwischen werde ich versuchen, mit dem
Krisenstab zu telefonieren, keine Planung, keine Organisation! Das regt
mich auf!"
Aus dem Nebenzimmer drang laute Radiomusik herein.
"Achtung, Achtung", hörte Corinna. Schön, dachte sie,
wenigstens machen sie auf die Gefahren aufmerksam in der Sondermeldung.
Aber nur für den unmittelbaren Gefahrenbereich. Was wäre, wenn der
Rhein zur Hälfte aufgestaut würde? Wie viel Wasser transportierte der
Fluss in einer Stunde und wie viel Zeit würde bleiben, Hilfsmaßnahmen
durchzuführen? Und wenn das Tal voll floss? Was dann? Daran wollte sie
gar nicht denken.
"Ich muss mal telefonieren", sagte sie zu den beiden
Männern, die noch immer gebannt der Radiomeldung lauschten. Corinna
ging auf den Flur und legte ihr Handy ans Ohr.
"Hallo, Schatz. Ich bin im Büro. Nein, ich weiß noch nicht,
wann ich komme. Der Laacher See Vulkan ist ausgebrochen und die Lava
fließt mit ziemlicher Geschwindigkeit durch das Brohltal. Vorhin hatte
sie schon Burgbrohl erreicht und im Radio soll ein Fachmann davor
gewarnt haben, dass sie bis in den Rhein fließen könnte. Das ist eine
Katastrophe von so gigantischem Ausmaß, dass wir nicht einmal ahnen
können, wie groß sie sein wird. Sieh' dir mal den Himmel an. Der ist
schwarz und dreckig und kein Sonnenlicht kommt mehr durch. Wir haben
hier unten die Lampen an. Ach, Herbert, hätten wir nur Vorbereitungen
treffen können. Aber die anderen wussten es immer besser. Mach' dir
keine Sorgen um mich. Ich melde mich wieder, Ciao."
Sie setzte sich an den Schreibtisch und begann, ihren Bericht in den
Computer einzugeben. Aber irgend etwas hakte, sie konnte sich nicht
konzentrieren. Sie stand auf und schaute aus dem Fenster. Entsetzt
beobachtete sie im Westen die hoch auflodernde, rotglühende Lava. Der
Himmel war dunkel, die Sonne verschluckt. Wenn die Eruption nicht bald
wieder aufhörte, nicht auszudenken. Aus der Ferne hörte sie das
Tatütata der Rettungsfahrzeuge. Hubschrauber knatterten am Himmel,
flogen die Rheinstrecke ab. Corinna ging auf und ab, wollte ihre
Gedanken bündeln, damit sie endlich ihren Artikel fertig bekam. Doch
die Unruhe in ihr breitete sich aus. Es klopfte.
"Ja?", rief Corinna und der Chefredakteur streckte seinen
Kopf ins Zimmer.
"Gerade hat man den Pegelstand des Rheins durchgegeben. Für die
Rheinorte oberhalb von Niederzissen ist Hochwasseralarm gegeben worden.
Die Rettungskräfte haben einen Krisenstab gebildet und man scheint
jetzt zu überlegen, ob man die in den Rhein fließende Lava nicht
einfach wegsprengen soll. Sie wollen vielleicht aus einem Hubschrauber
den Sprengstoff abwerfen. Aber in dem Bereich gibt es immer noch zu
viele Menschen, die überrascht wurden und noch nicht evakuiert werden
konnten. Wir geben jetzt ein Extrablatt heraus. Über den Krisengebieten
werfen wir es einfach ab."
"Das ist eine gute Idee. Jetzt weiß ich endlich, wie ich den
Artikel formulieren muss."
"Darum wollte ich Sie gerade bitten. Denn danach müssen wir ein
Pressezentrum organisieren, Kollegen aus der ganzen Welt werden bald da
sein."
"Ich bin schon an der Arbeit." |