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Alle Rechte vorbehalten © All rights reserved by Klaus-Dieter Regenbrecht 1998 - 20
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Vallendar am Rhein Teil 2, Koblenz Löhr-Center Teil 2, Corinna Teil 2, Hanni B. Helikopter-Reportage, Nachbemerkung, Literaturliste und Link

 

(AS) Vallendar am Rhein

Die drei Erwachsenen schreien durcheinander, und Günter schiebt die beiden Frauen ins Wohnzimmer, wo Christiane schon steht mit Klein-Paul auf dem Arm. Der Kleine weint vor sich hin, zwischendurch gibt er immer wieder helle, spitze Laute von sich. Ulrike nimmt ihrer Schwester den Kleinen ab, um ihn zu trösten, sie selbst wimmert leise vor sich hin: "Oh, Gott, was ist nur geschehen? Hängt das vielleicht mit dem Atommeiler zusammen?"

Günter ist ins Schlafzimmer, um dort Radio hören zu können, ohne dass die Frauen es mitbekommen.
"In der Eifel, im Laacher See, ist ein Vulkan ausgebrochen. Die Beben der letzten Tage waren wohl die Vorboten dieser Eruption, deren Ausmaß noch nicht abzusehen ist. Die Lava kocht aus dem See. Sie könnte sich einen Weg ins Brohltal bahnen ..." Rauschen störte immer wieder den Empfang. "... der Atommeiler Mülheim-Kärlich hat offenbar einen Riss ... die Feuerwehren sind im Einsatz ... Sie die Fenster ..."

Und dann war es still im Radio. Was sage ich den Frauen, dachte Günter, denn überall waren Martinshörner und Sirenen zu hören.

Rike kommt ihm entgegen, hat Paul im Arm, sie weint, das Kind schreit, "wäre ich nur in Melbourne geblieben, mein Kind, mein armes Kind."

"Papa, sage uns bitte ehrlich, was passiert ist, was sollen wir tun?", fragen sie ihn gleichzeitig.

"Anscheinend ein Vulkan-Ausbruch am Laacher See, es hat nichts mit dem Kernkraftwerk zu tun, keine Angst, wir sind hier nicht unmittelbar betroffen."

"Und Nina und Michael sind immer noch nicht da, vielleicht waren sie gerade auf der Autobahn, die nicht weit vom See entfernt durch die Eifel verläuft", befürchtet Marie das Schlimmste.

"Sie sind wahrscheinlich im Stau bei Köln stecken geblieben, hoffen wir das", meint Günter. "Wir können sowie so nichts anderes tun, als Türen und Fenster geschlossen zu halten. Und abwarten und beten."

 

(DM) Koblenz, Löhr-Center

Da plötzlich ein Grollen, die Erde bebt wieder, und diesmal nicht nur für einen kurzen Moment. Alles scheint wie von unsichtbarer Hand gerüttelt und geschüttelt. Die riesigen Palmen wackeln und stürzen mit lautem Getöse zu Boden. Das Licht flackert und geht schließlich ganz aus. Die Notbeleuchtung schaltet sich ein. Die Leute springen von ihren Stühlen hoch. In den Gängen beginnen sie zu laufen, jeder in eine andere Richtung. Keiner weiß, was er tun soll. Und die Erde kommt immer noch nicht zur Ruhe. Auch wir lassen alles stehen und liegen, laufen in Richtung Ausgang, so schnell wie es nur geht. Wir bahnen uns unseren Weg vorbei an schreienden Kindern an der Hand ihrer hilflos hastenden Eltern, an alten Leuten, die sich vor Aufregung die Hand ans Herz halten, an jungen Leuten, die wie wild durch die Gegend laufen. Uns beherrscht nur ein Gedanke: So schnell wie möglich hier raus!

Vor dem Ausgang eine Menschentraube. Die einen schieben nach draußen. Die anderen wollen hinein ins Center. Es hat keinen Sinn. Wir sitzen fest. Ein Gedränge und Geschubse ohne Ende. Die Erde hat sich wieder beruhigt. Von draußen hört man schon die Sirenen erster Rettungsfahrzeuge. Über die Köpfe der Menschen hinweg können wir einen Blick nach draußen werfen. Es ist stockfinster. Die Türme der Herz-Jesu-Kirche sind nur noch schemenhaft zu erkennen. Der ganze Verkehr scheint zusammengebrochen. Ein Geruch von Schwefel macht sich in der Luft breit.

Da eine Lautsprecherdurchsage: "Hier spricht das Center-Management. Sie werden gebeten, Ruhe zu bewahren und das Center vorerst nicht zu verlassen. Wir werden ihnen in Kürze weitere Verhaltenshinweise geben."

Was ist passiert, was ist bloß los? Es dauert Minuten, die uns wie Stunden vorkommen bis eine erneute Lautsprecherdurchsage Klarheit bringt: "Liebe Besucher, Besucherinnen und Verkaufspersonal des Centers. Wie wir soeben erfahren haben, ist am Laacher See ein Vulkan ausgebrochen. Bewahren Sie bitte Ruhe, verlassen sie nicht das Center und warten sie auf weitere Anweisungen."

Die weibliche Stimme aus dem Lautsprecher klingt professionell.

"Oh mein Gott," jammert meine Freundin im Getöse der aufgeregten Menschenmasse. "Ich muss sofort zu Hause anrufen."

Ulli kommt aus einem kleinen Eifeldörfchen in der Nähe des Laacher Sees. Nur zu gut kann ich verstehen, dass sie sich jetzt große Sorgen um ihre Angehörigen macht. Sie nimmt ihr Handy und versucht vergeblich Anschluss zu bekommen.

"Es klappt nicht. Wir müssen sofort zu den Telefonzellen", ruft sie mir zu, packt mich am Arm und zieht mich mit sich fort. Auch vor den Telefonen haben sich Menschenmassen gebildet. Ebenfalls kein Durchkommen Ein Wachmann versucht, die aufgebrachte Menge zu beruhigen. Die Kassiererinnen im nahe gelegenen Einkaufsmarkt haben die Kassen schon längst verlassen. Einige Abgebrühte schieben volle Einkaufswagen an den verwaisten Kassen vorbei auf die Rollsteige.

Immer wieder die gleichen nichtssagenden Lautsprecherdurchsagen: "Wir bitten Sie, Ruhe zu bewahren. Verlassen Sie bitte nicht das Center."

Meine Freundin verliert nun vollkommen die Beherrschung. Schon wieder zieht sich mich in Richtung Ausgang.

"Mensch, Ulli, das hat doch alles keinen Zweck. Wir kommen im Moment nicht hier heraus. Wir müssen einfach abwarten."

Der Schwefelgeruch wird stärker. Neben uns steht ein junger Mann mit einem Walkman. "Ich habe gerade die Ein Uhr Nachrichten gehört. Es stimmt, in der Eifel ist ein Vulkan ausgebrochen. Dort, wo einmal der Laacher See war, hat sich ein Kegel gebildet, aus dem heiße Lava strömt. Ascheregen fällt auf die gesamte Region. Eine Flutwelle lässt die Flüsse ansteigen. Man weiß noch nicht, wie viel Tote und Verletzte es gegeben hat."

Meine Freundin weint vor sich hin. Sie denkt an ihren Mann, ihre Kinder, ihre Eltern. Leben sie noch? Oder zählen sie zu den Opfern? Das Schlimmste ist, dass man momentan überhaupt nichts tun kann. Wir setzen uns auf den Boden und ich lege meinen Arm um sie. Auch mir geht es nicht gerade blendend, aber es lenkt mich ab, dass ich mich um meine verzweifelte Freundin kümmern muss.

"Liebe Besucher, liebe Besucherinnen, wir bitten Sie weiterhin, das Center nicht zu verlassen.

Es besteht keine unmittelbare Gefahr. Sollten Sie einen Arzt benötigen, kommen Sie bitte zu unserer Information im Erdgeschoss."

Wieder die professionelle Stimme der Lautsprecherdame. "Es muss mit kleineren Nachbeben gerechnet werden. Bleiben Sie hier im Gebäude. Hier sind Sie sicher."

Plötzlich klingelt das Handy meiner Freundin. Ihr Mann ist am Apparat und erzählt ihr, dass er und die Kinder am Morgen kurz entschlossen nach Koblenz ins Freibad gefahren sind, dass er mit den anderen Badegästen im Schwimmbadgebäude fest säße und dass er sich freut, die Stimme seiner Frau zu hören. Ulli atmet erleichtert auf. "Wenigstens meinem Mann und den Kindern ist nichts passiert. Aber was ist mit unserem Haus, was ist mit meinen Eltern?"

Sie versucht vergebens in der Eifel anzurufen. Es wird wohl noch eine ganze Zeit dauern, bis sie Gewissheit bekommt.

 

(BF) Corinna, Teil 2

Es war Samstag und außerdem waren Ferien. Viele Eltern schulpflichtiger Kinder hatten die Zeit genutzt und waren in alle Welt entschwunden. Daher war Corinna über die Menge der Fahrzeuge, die über die Verlängerung der Hunsrückhöhenstraße nach Koblenz hineinfuhr, sehr erstaunt. Auch aus der Stadt hinaus ging es so langsam wie an einem normalen Arbeitstag. Corinna fuhr auf die Bundesstraße 9 und bog dann ab zum Industriegebiet.

"Schön, dass sie da sind."

Chefredakteur Alfons schien ganz aus dem Häuschen.

"Es geht das Gerücht um, dass der Laacher See, ich meine den Vulkan darunter, wieder aktiv ist. Man hat uns mitgeteilt, dass sich seit einigen Stunden Schlote in der Umgebung des Laacher Sees geöffnet hätten und heiße Aschewolken in die Atmosphäre schicken. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Es könnte eine Ente sein. Aber es wäre doch immerhin im Bereich der Möglichkeit, was meinen Sie? Die restliche Mannschaft, die nicht in Urlaub ist, habe ich schon zu allen Erdbebengeschädigten in der näheren Umgebung geschickt. Herr Diener hat sich freundlicherweise bereit erklärt, mitzufahren. Herr Diener, kommen Sie mal?"

Ein dunkelhaariger Mann mit Dreitagebart und legerer Sommerkleidung streckte seinen Kopf aus dem Nachbarzimmer durch die Türöffnung. Er hatte mehrere Fotoapparate über der Schulter hängen und betrat mit einem breiten Grinsen den Raum. Er verbeugte sich theatralisch vor Corinna, trat dann näher an sie heran und küsste sie auf beide Wangen.

"Schön, Sie wiederzusehen, gnädige Frau, wir können sofort losfahren. Ich freue mich auf die unerwartete Zusammenarbeit."

"Die Freude ist ganz allein auf Ihrer Seite, mein Herr. Ich mache nur meine Arbeit", gab sie ein wenig schroff zurück. "Mit dir hätte ich ehrlich gesagt am wenigsten gerechnet. Aber was soll's."

"Halt die Luft an, Kleine. Es gibt sicher Schlimmeres, als mit mir einen Ausflug zu machen, oder?"

"Da bin ich mir nicht sicher. Außerdem, freue dich mal nicht zu früh, mein Lieber. Wer weiß, was da auf uns zukommt."

Die Fahrerei über die B 9 Richtung Andernach in die Voreifelberge war alles andere als ein Vergnügen. Fahrzeug hinter Fahrzeug fuhr auf der Gegenfahrbahn und es waren sicher nicht viel weniger Fahrzeuge auf ihrer Strecke. Immer wieder fuhren Polizeifahrzeuge und Krankenwagen mit heulenden Sirenen an ihnen vorbei. Corinna liebte schnelle Fahrzeuge und schnelles Fahren und auch sonst alles, was mit hoher Geschwindigkeit zu tun hatte. Im Winter fuhr sie Ski. Auch dann brauchte sie einen gewissen Pepp, wie sie es nannte. Kein Berg konnte ihr zu steil, keine Abfahrt zu schwierig sein. In den letzten Jahren hatte sie sich ein neues Hobby für den Sommer zugelegt: Drachenfliegen. Sie genoss die am Gesicht vorbei rauschende Luft, den Ausblick und die Freiheit, die ihr die Luftreise bot. Und nun hätte sie verzweifeln können, weil das Fahren nur im Schneckentempo möglich war. Sie trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Lenkrad herum. Sie dachte, den Auftrag so schnell wie möglich hinter sich zu bringen und Rolf wieder rasch vergessen zu können.

"Verflixt und zugenäht, warum geht das denn nicht schneller?"

"Da sind garantiert viele Schaulustige unterwegs zum Laacher See. Die dunkle Fahne ist ja nicht zu übersehen. Jetzt ist endlich mal was los hier und es ist Wochenende."

Corinna hantierte am Autoradio und hatte auch prompt die Verkehrsnachrichten: Folgende Straßen sind gesperrt. Blablabla. Nichts von Wert.

"Hätte mir ja denken können; die sagen nichts davon, warum die Straßen so voll sind. Und die Sensationsgier der Leute geht mir auf die Nerven. Erst wollen sie alles mitbekommen und dann kriegen sie die Muffen und kriechen wie die Schnecken. Man könnte ja auf der Straße vielleicht in eine Erdbebenspalte fallen. Herrjeh. Hier schleichen sie ja schon beim kleinsten Regenschauer mit dreißig Stundenkilometern durch die Stadt. Was soll denn werden, wenn wirklich mal was passiert?"

Corinna hatte sich in Rage geredet und ihren Beifahrer einen Moment lang vergessen. Sie führte immer Selbstgespräche, wenn sie fuhr. Jetzt bemerkte sie Rolfs Blick.

"Du hast dich nicht geändert, Corinna. Hast noch immer was übrig für 'ne schnelle Nummer, was?"

"Ach, halt doch den Mund, Blödmann. Unsere Zeit ist lange vorbei. Sieh' du zu, dass deine Bilder was werden."

"Selbstverständlich, gnädige Frau, ganz dienstlich, ganz korrekt. Kommst du dir eigentlich nicht blöde vor, bei den anderen so zu tun, als ob wir uns nicht kennen würden?"

"Nach allem, was damals passiert ist, möchte ich unsere Beziehung auf dem rein dienstlichen Level halten und mit einem bisschen Abstand geht es mir einfach besser, wenn du weißt, wovon ich rede."

"Das sieht ja so aus, als ob du vor mir Angst hättest. Ich kann dir also noch immer gefährlich werden?"

"Du überschätzt deine Wirkung, Rolf. Wirklich. Ich will nur einfach klare Verhältnisse. Basta!"

"Corinna, was ist denn schon passiert, damals. Wir waren jung."

"Du warst zu grün. Ich war längst erwachsen. Wenn du mich damals nicht schmählich im Stich gelassen hättest.....Was soll's, lassen wir das. Ich bin zum Glück auch ohne dich zurecht gekommen."

Für einige Augenblicke war der Verkehr flüssiger geworden. An einer Abfahrt nach Andernach war Corinna schon vorbei. An der nächsten, die Richtung Nickenich führte, musste sie raus. Sie nahm die scharfe Rechtskurve mit ziemlichem Schwung und Rolf hielt sich am Griff oberhalb der Türe fest, damit er Corinna nicht auf die Pelle rückte. An der Kreuzung stand der Verkehr. Polizei hatte die Straße abgeriegelt. Jedes Fahrzeug wurde angehalten und der Fahrer nach seinem Ziel befragt. Auf der Straße Richtung Andernach drängelten sich die Fahrzeuge.

"Darf ich fragen, wohin sie möchten?", fragte der junge Polizist durch die geöffnete Fensterscheibe.

"Nach Mendig und zum Laacher See", sagte Corinna.

"Das geht leider nicht", sagte der Uniformierte, "die Straße ist gesperrt."

"Hoffentlich nicht für die Presse", sagte sie und zeigte ihm ihren Ausweis.

"Die Lage ist sehr ernst", verteidigte sich der Polizist, der so jung aussah, als ob er frisch von der Polizeischule käme.

"Durch das Erdbeben hat sich am See eine Spalte geöffnet und sehen Sie doch selbst.:..."

Er zeigte mit ausgestrecktem Arm über den Hügel nach Westen.

Corinna stieg aus und schaute in die angegebene Richtung. Sie tat, als wisse sie von nichts.

"Ist doch ein Waldbrand, oder?", fragte sie den Ordnungshüter und auch Rolf, der ausgestiegen war, ergänzte: "In der Nähe der Abtei?"

"Davon weiß ich nichts", sagte der blasse Mann, der völlig überfordert wirkte.

Rolf beobachtete mit offenem Mund die dunkle Rauchwolke, die jetzt nicht mehr gerade hoch in den Himmel strebte sondern durch den Wind zu einer riesigen Fahne anwuchs.

"Nach meinen Informationen kommt die Rauchwolke vom See und ich weiß wirklich nicht, ob ich jemand von der Presse durchlassen darf."

"Vielleicht fragen Sie mal Ihren Vorgesetzten", half ihm Corinna auf die Sprünge, die endlich weiterfahren wollte.

"Moment mal bitte", sagte der Beamte und hielt sich ein Funkgerät ans Ohr. Er drehte sich um und der Wind verwehte seine Sprache. Als er sich wieder umdrehte, gab er sein okay.

"Sie können durch. Aber fahren Sie auf keinen Fall über Nickenich", sagte er, "der Ort wird gerade evakuiert."

"Ist es denn so ernst? Nickenich liegt doch nicht direkt am Laacher See."

Corinna hatte die Stirn kraus gezogen, als zweifle sie an dem, was er gesagt hatte.

"Der Wind kommt im Moment aus Süd-West. Nickenich ist gerade an der Grenze. Wenn sich der Wind dreht, kann sich die Lage noch zuspitzen", sagte der Polizist. "Ich weiß auch nur das, was man mir durchgibt. Seien Sie lieber vorsichtig."

Er gab den Weg frei und Corinna fuhr los. Sie hatte zwar nicht geglaubt, alleine auf der Straße zu sein, doch als sie auf die erste Anhöhe kam, sah sie eine Menge Fahrzeuge, die auf dem gleichen Weg waren. Es ging verhältnismäßig fließend weiter und es schien beinahe alles normal zu sein. Nur dass wenige Kilometer vor ihr die dunkle Rauchfahne in den Himmel stieg.

Als sie an der Abfahrt nach Eich vorbei waren, reckte sie ihren Arm in den Zwischenraum von Vorder- und Rücksitz und nestelte in ihrer großen ledernen Beuteltasche herum.

"Kann ich dir helfen?"

"Nein danke, ich hab's schon gefunden", sagte Corinna und zog aus der Tasche ein Handy. Mit spitzen Fingern tippte sie eine Nummer ein. Der Gesprächspartner schien auf den Anruf gewartet zu haben.

"Nun?", fragte sie, "Wie sieht es aus? Ich kann gleich da sein. Gleich kommt die Auffahrt auf die B 256. Wann soll es denn losgehen?"

Sie horchte in das winzige Gerät und grinste.

Prima, hörte Rolf sie sagen. Er war neugierig, was sie arrangiert hatte. Doch nach der vorherigen Auseinandersetzung wollte er sie nicht noch mehr gegen sich aufbringen. Deshalb tat er so, als ob es ihn nicht interessiere und sah sich betont aufmerksam die Gegend an.

"Was ist da nur los?"

Der Wind trieb schwarze Wolken über den Himmel und schon bald hatte die Sonne nicht mehr die Kraft, durch zu dringen. Corinna schaltete das Abblendlicht ein und den anderen Autofahrern ging es nicht besser. Rolf kurbelte das Schiebedach zu und hängte seinen Arm aus dem geöffneten Fenster.

"Wenn am Laacher See die Sicht so schlecht ist, wie der Himmel da hinten aussieht, wird es nicht einfach mit den Aufnahmen."

"Ich versuche, zum Flugplatz durchzukommen. Mal sehen, ob ich das schaffe. Der liegt ein bisschen außerhalb."

"Zum Flugplatz? Da ist doch Bundeswehr!"

"Und? Die wird die Sache sicher auch interessieren. Vielleicht lassen sie einen Hubschrauber aufsteigen. Dann könnten sie uns doch ein Stückchen mitnehmen, oder?" Sie grinste ihn frech an.

"Du machst Quatsch, oder? Aber du hattest schon immer einen guten Draht zu den unmöglichsten Leuten. Dir ist alles zuzutrauen. Doch dass du auch Kerle vom Militär kennst, Donnerwetter. Da geht doch sonst immer alles nur nach Vorschrift. Du musst bei denen ja einen dicken Stein im Brett haben, mein lieber Scholli."

"Ist ja gut. Mach den Mund wieder zu. Wenn wir da sind, werden wir weiter sehen."

Endlich erreichten sie ihr Ziel. Corinna bog mit einem zufriedenen Grunzen in die Einfahrt der militärischen Anlage. Sie stiegen aus und Corinna verschwand im Wachhäuschen. Rolf sah, dass sie telefonierte. Mit einem strahlenden Lächeln kam sie zum Auto zurück.

"Komm, Diener. Wir machen eine Hubschraubererkundung über dem Laacher See."

"Du hast das wirklich hingekriegt?! Hochachtung, gnädige Frau."

"Laß' den Quatsch. Also nix wie rein in die gute Stube. Sie wollen unsere Personalausweise haben. Wir kriegen sie nachher zurück."

Auf dem Flugfeld wartete bereits ein Hubschrauber mit laufendem Motor. Davor standen mehrere Herren in Zivil und in Uniform. Einer der Offiziere begrüßte seine Fluggäste und drängte zum Einsteigen. Alles wirkte wie eine Pantomime, da bei dem Höllenlärm, den Motor und Rotorblätter machten, kein Wort zu verstehen war. Kaum saßen sie, stieg das Fluggerät beinahe senkrecht hoch, gewann schnell an Höhe, und kurz darauf waren sie bereits in der Nähe des Laacher Sees.

"Das ist ja Wahnsinn", konnte sich Rolf nicht verkneifen, "ich hab' in meinem langen Leben ja schon viel von der Welt gesehen. Aber hier in der Heimat so 'was Tolles! Einfach Spitze! Sieh' dir das mal an. Als ob die Erde Zigarre rauchen würde."

An den Fenstern des Helikopters drückten sich die Passagiere die Nasen platt. In der Nähe des Lydiaturms stiegen an mehreren Stellen Dampfschwaden aus dem Wald. Einige Passagiere hatten Kameras dabei und filmten und fotografierten die Schlote, aus denen die Rauchsäulen stiegen, damit sie später ausgewertet werden könnten. Eine kleine Runde hatten sie bereits gedreht, unter ihnen erschien erneut die Straße nach Bell, dahinter tauchte die Abtei Maria Laach mit ihren zahlreichen Gebäuden auf, als sich vor ihnen die Klostergebäude und der Wald zu bewegen schienen.

"Was ist das denn?", fragte jemand.

"Für mich sieht das nach einem weiteren Erdbeben aus", antwortete ein anderer.

"Es ist ein Erdbeben", bestätigte ein dritter.

Corinna starrte angestrengt auf das Schauspiel, das sich ihr bot.

"Wir fliegen zurück zum Standort", teilte der Offizier ihnen schreiend mit und gestikulierte zur besseren Verständigung.

Der Hubschrauber hatte bereits abgedreht, als hinter ihnen eine gewaltige Explosion die Luft in einen unglaublichen Aufruhr versetzte. Der Hubschrauber begann zu trudeln und der Pilot schien Probleme zu haben, die Maschine aus der Gefahrenzone hinaus zu manövrieren. Die verängstigten Passagiere hingen an den Fenstern und sahen eine hoch aufschießende Feuerzunge aus Lava und Gas, deren herab regnende Kraft wie eine gewaltige Feuerwalze den kochenden See über den zerborstenen Kraterrand des urzeitlichen Vulkans zum Brohltal trieb. An den Rändern setzte die Hitze den Wald in Flammen.

Wenig später landete der Helikopter mit den entsetzten Passagieren auf seinem Stammplatz in Mendig. Die beim Abflug so schweigsamen Menschen schrieen und liefen aufgeregt durcheinander.

"Mein Gott", rief auch Rolf geschockt, "die Menschen. Was kann man denn jetzt machen?"

"Ich muss erst mal nachdenken", sagte Corinna. "Wir können von Glück reden, dass wir nicht selbst seit wenigen Augenblicken mit den Engeln im Himmel das Halleluja singen."

Sie zitterte vor innerer Erregung.

"Da ist was dran, so eilig ist es mir noch nicht damit", sagte Rolf und schaute angestrengt auf die immer größer anwachsende dunkle Wolke, deren Inhalt sich nach Westen ausleerte.

In Windeseile waren die Uniformierten in ein Kasernengebäude verschwunden. Die zivilen Herren strebten mit ziemlichen Tempo, das man ihnen kaum zugetraut hätte, und einem Handy am Ohr dem Ausgang zu, vor dem schwarze Karossen bereits auf sie warteten. Corinna erkannte einige als Bürgermeister der um den Laacher See liegenden Ortschaften, die sich gemeinsam mit Spezialisten einen Überblick hatten verschaffen wollen, damit sie die entsprechenden Maßnahmen ergreifen konnten. Der Rundflug war zu spät erfolgt, das Unglück war früher und weit schlimmer geschehen, als die Expertengruppe ihnen vorausgesagt hatte. Während sie mit ihrem Kollegen Rolf zu ihrem Wagen hasteten und sich nicht sicher waren, was sie, außer sich aus dem Gefahrengebiet zu bringen, tun könnten, hörten sie einige an- und abschwellende Sirenen.

Jetzt gehts los, dachte sie. Vielleicht können wenigstens einige der Leute gerettet werden, die sonst in dem Höllenkessel den Tod durch Verbrennen, Ersticken oder Ertrinken erleiden mussten. Der Hubschrauber stand noch immer dröhnend an seinem Platz.

"Hoffentlich sind meine Aufnahmen etwas geworden!", bemerkte Rolf, "die Sicht war nicht besonders. Bei dem Gewackele und den Lichtverhältnissen bin ich mir absolut nicht sicher. Aber du kennst mich ja, für den Verlag gebe ich stets mein Bestes."

Corinna schimpfte los.

"Du oberflächliches Arschloch. Was glaubst du wohl, wie wichtig mir jetzt deine dämlichen Fotos sind? Meinst du, es gäbe nichts Wichtigeres auf der Welt? Begreifst du eigentlich, was passiert ist? Da ist in unserer unmittelbaren Nähe ein Vulkan ausgebrochen, und du denkst nur an deinen eigenen Mist. Vorhin wollte ich auch noch mit den Leuten von den Rettungskräften ein Interview machen und dachte, dass sie mir vielleicht über ihre Arbeit etwas erzählen könnten. Aber jetzt....jetzt ist doch alles ganz anders."

Mit betretenem Gesicht marschierte er neben Corinna her. Einerseits hatte sie recht, glaubte er, andererseits waren sie wegen ihres Jobs hierher gekommen, die Redaktion wartete auf ihren Bericht. Endlich waren sie wieder an ihrem Fahrzeug. Rolf hielt schnuppernd die Nase in die Luft und stieg dann zu Corinna in den Wagen.

"Wie eigenartig das hier stinkt," bemerkte er, "als ob der Teufel seine Höllentore geöffnet hätte."

"Mir stinkts auch. Aber ich muss erst noch mal schnell telefonieren."

Sie tippte wieder auf unvergleichliche Art eine Nummer ein. Zur Zeit ist eine Verbindung nicht möglich, sagte ihr eine weibliche Maschinenstimme im Handy.

"Schiet", fluchte sie, "fahren wir eben. Wer weiß, ob wir hier in Sicherheit sind und nicht die Lava es sich anders überlegt und doch noch bis hierher kommt. Ich glaube den Experten nix mehr."

Es war gerade Mittag, und doch konnten sie ohne Scheinwerfer nicht genug sehen. Vor dem dunklen Himmel zuckten riesige rote Flammen. Es regnete Staub.

Corinna suchte angestrengt die Autobahnauffahrt Kruft auf die A 61.

"Fahren wir direkt zurück?"

Rolf sah sie mit einem undefinierbaren Seitenblick an, und Corinna tat so, als merke sie es nicht.

"Was sonst?"

"Ich weiß nicht. Es ist sicher nicht ungefährlich, wenn wir bleiben. Aber wann haben wir noch einmal eine solche Gelegenheit? Sollen wir nicht nach Wehr fahren?"

"Du denkst doch tatsächlich immer nur an die dämlichen Aufnahmen, oder? Wie wäre es, wenn du mal dein Herz suchen würdest? Aber es kann schon sein, dass du wirklich keines hast. Ich fahre jetzt jedenfalls auf dem schnellsten Weg zurück. In Mendig wird der Teufel los sein."

"Ja, sicher."

"Und warum guckst du so blöd?"

"Ich überlege nur, woher der Wind weht."

"Dann überleg mal schön."

Corinna musste sich auf das Fahren konzentrieren. Die Straße war zu. Sie hatten das Gefühl, als ob die ganze Welt unterwegs wäre. Bundeswehrfahrzeuge, Feuerwehren, Polizei, Rettungsfahrzeuge und dazu eine Unmenge PKW stauten sich auf der Zufahrt zur Autobahn. An allen Kreuzungen standen Polizisten mit Funkgeräten, die den Verkehr in Gang halten sollten und den Rettungsfahrzeugen Durchfahrt erkämpften. Corinna atmete hörbar auf, als sie an die Autobahnauffahrt Kruft kamen. Doch jetzt stand der Verkehr vollends. Die Polizei ließ niemanden durch. Rettungshubschrauber knatterten durch die Luft, Corinna gelang es, einen Platz in einem der Transporthubschrauber der Bundeswehr zu ergattern, was Rolf die Gelegenheit gab, Aufnahmen von dem Chaos auf der Autobahn zu machen. Kaum gelandet, tippte Corinna noch einmal auf ihrem Handy eine Nummer ein.

"Na endlich", stöhnte sie auf. "Ich bin's. Wir sind am Autobahnkreuz Koblenz. Hier ist das totale Chaos, sage ich dir. Aber ich hoffe, dass wir gleich da sind. Wir werden mit einem der Rettungsfahrzeuge in die Stadt kommen. Ich melde mich später wieder. Gibt es irgendwas Neues?"

Sie horchte während des langsam Fahrens in das winzige Telefon.

"Okay", sagte sie.

"Mit wem hast du gesprochen?"

"Das war privat."

"Aha? Klang mir eigentlich nicht danach."

Vor dem Gebäude des Heimatblattes war geschäftiges Treiben. Mit großen Schritten ging Corinna neben Rolf her. Er riss die gläserne Eingangstüre auf und ließ ihr den Vortritt.

"Ganz gentlemen-like, boah," konnte Corinna sich nicht verkneifen zu sagen.

Im Büro wurden sie bereits erwartet.

"Wir wissen schon, was passiert ist," sagte der Chefredakteur. "Was habt ihr davon mitbekommen?"

Mit wenigen Worten erzählte Corinna von ihrem Flug, dem Aufbrechen der Erde, der Explosion, dem Herausschleudern von Staub und Lava, dem Brennen des Waldes, und wie die Lavamasse in Richtung des Brohltales quoll. Rolf, der bereits zum Entwickeln der Filme unterwegs gewesen war, kam kreidebleich zurück gerannt.

"Im Radio haben sie vermutet, wodurch der See explodiert sein könnte. Sie vermuten, dass sich unter dem See eine Spalte geöffnet hat und das Wasser mit dem Magma zusammenkam. Dadurch hätte es den gewaltigen Knall gegeben. Aber genau wissen sie es nicht. Es könnte auch eine Gasexplosion gewesen sein. Auf jeden Fall fließt die Lava schon auf Burgbrohl zu. Sie fürchten, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis sie am Rhein ankommt. Und dann Gnade uns Gott."

"Seit wann glaubst du an Gott?", fragte Corinna den völlig verstörten Rolf.

"Bist du so cool oder zu blöde," antwortete Rolf giftig. "Weißt du eigentlich, was passiert, wenn die Lava sich in dem Tempo weiter durch das Brohltal frisst und erst im Rhein zum Stillstand kommt? Ja?"

"Glaubt man wirklich, das könnte passieren? Kann die zähe Masse denn so weit fließen?"

"Im Südwestrundfunk haben sie vorhin einen Vulkanologen befragt. Der warnte vor einer Gefahr durch den Lavastrom."

"Was meinte er damit? Welche Gefahr? Nein, Moment noch, lass mich mal meinen Gedanken zu Ende führen. Also, wenn wirklich die Lava bis zum Rhein herunter fließen würde, müssten ja nicht nur die Menschen, die dort in der Gefahrenzone leben, sofort evakuiert werden. Es müsste auch die Rheinuferstraße und die Bahnstrecke gesperrt werden! Dann ginge auf der Rheinseite nichts mehr. Und dann würde sich die Lava langsam vorschieben in den Rhein. Erst würde sie noch verdammt heiß sein, dann allmählich abkühlen. Das heißt, sie erstarrt, wird Stein. Und Schicht um Schicht würde sich übereinander schieben und erkalten. Oh nein! Da würde sich dann eine zumindest teilweise Stromsperre zusammen backen. Dann würde unweigerlich das Rheinwasser oberhalb der Sperre über die Ufer treten wie bei einem Hochwasser. Aber nicht nur so. Das Wasser würde sich aufstauen bis wer weiß wohin. Die Bereiche, die bei einem normalen Hochwasser unter Wasser stehen, würden als erste wieder darunter zu leiden haben. Mensch, davon wissen die meisten nichts. Macht doch mal das Radio lauter. Ich will wissen, ob Sondermeldungen auf die Gefahr aufmerksam machen. Wenn nicht, muss doch irgendeiner denen Dampf machen. Inzwischen werde ich versuchen, mit dem Krisenstab zu telefonieren, keine Planung, keine Organisation! Das regt mich auf!"

Aus dem Nebenzimmer drang laute Radiomusik herein.

"Achtung, Achtung", hörte Corinna. Schön, dachte sie, wenigstens machen sie auf die Gefahren aufmerksam in der Sondermeldung. Aber nur für den unmittelbaren Gefahrenbereich. Was wäre, wenn der Rhein zur Hälfte aufgestaut würde? Wie viel Wasser transportierte der Fluss in einer Stunde und wie viel Zeit würde bleiben, Hilfsmaßnahmen durchzuführen? Und wenn das Tal voll floss? Was dann? Daran wollte sie gar nicht denken.

"Ich muss mal telefonieren", sagte sie zu den beiden Männern, die noch immer gebannt der Radiomeldung lauschten. Corinna ging auf den Flur und legte ihr Handy ans Ohr.

"Hallo, Schatz. Ich bin im Büro. Nein, ich weiß noch nicht, wann ich komme. Der Laacher See Vulkan ist ausgebrochen und die Lava fließt mit ziemlicher Geschwindigkeit durch das Brohltal. Vorhin hatte sie schon Burgbrohl erreicht und im Radio soll ein Fachmann davor gewarnt haben, dass sie bis in den Rhein fließen könnte. Das ist eine Katastrophe von so gigantischem Ausmaß, dass wir nicht einmal ahnen können, wie groß sie sein wird. Sieh' dir mal den Himmel an. Der ist schwarz und dreckig und kein Sonnenlicht kommt mehr durch. Wir haben hier unten die Lampen an. Ach, Herbert, hätten wir nur Vorbereitungen treffen können. Aber die anderen wussten es immer besser. Mach' dir keine Sorgen um mich. Ich melde mich wieder, Ciao."

Sie setzte sich an den Schreibtisch und begann, ihren Bericht in den Computer einzugeben. Aber irgend etwas hakte, sie konnte sich nicht konzentrieren. Sie stand auf und schaute aus dem Fenster. Entsetzt beobachtete sie im Westen die hoch auflodernde, rotglühende Lava. Der Himmel war dunkel, die Sonne verschluckt. Wenn die Eruption nicht bald wieder aufhörte, nicht auszudenken. Aus der Ferne hörte sie das Tatütata der Rettungsfahrzeuge. Hubschrauber knatterten am Himmel, flogen die Rheinstrecke ab. Corinna ging auf und ab, wollte ihre Gedanken bündeln, damit sie endlich ihren Artikel fertig bekam. Doch die Unruhe in ihr breitete sich aus. Es klopfte.

"Ja?", rief Corinna und der Chefredakteur streckte seinen Kopf ins Zimmer.

"Gerade hat man den Pegelstand des Rheins durchgegeben. Für die Rheinorte oberhalb von Niederzissen ist Hochwasseralarm gegeben worden. Die Rettungskräfte haben einen Krisenstab gebildet und man scheint jetzt zu überlegen, ob man die in den Rhein fließende Lava nicht einfach wegsprengen soll. Sie wollen vielleicht aus einem Hubschrauber den Sprengstoff abwerfen. Aber in dem Bereich gibt es immer noch zu viele Menschen, die überrascht wurden und noch nicht evakuiert werden konnten. Wir geben jetzt ein Extrablatt heraus. Über den Krisengebieten werfen wir es einfach ab."

"Das ist eine gute Idee. Jetzt weiß ich endlich, wie ich den Artikel formulieren muss."

"Darum wollte ich Sie gerade bitten. Denn danach müssen wir ein Pressezentrum organisieren, Kollegen aus der ganzen Welt werden bald da sein."

"Ich bin schon an der Arbeit."

 

(EK) Das Chaos

Die Reportage vier Tage später, Helikopter-Einsatz der Bundeswehr, (die Hubschrauberstaffel Mendig existiert nicht mehr), Hanni B. an Bord.

"Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, auch wenn es mir sehr schwer fällt, heute zu Ihnen zu sprechen, haben Sie einen Anspruch auf einen Bericht aus dem Katastrophengebiet. Der Vulkanausbruch hat vor unserer Haustür alles zerstört. Was wir kannten und liebten an dieser Landschaft, gibt es nicht mehr", sie stockt, fährt aber fort, "im diffusen Licht unter mir eine endlos graue Ebene, alles, was Leben, Farbe und Bewegung war, wurde vernichtet, ist zu toter Materie verklumpt. Kein Haus, kein See, keine leuchtenden Weizenfelder künden von der Schönheit unserer Heimat. Straßen, Brücken, Bäche bedeckt mit Schlamm."

Ihre Stimme wird leiser. Hanni schluckt einige Male:

"Wie viele Menschen durch die Glutlawinen starben, wie viele im Schlamm umkamen und begraben sind, lässt auch zur Zeit noch nicht sagen. Tausende befinden sich in Krankenhäusern, darunter viele Brandverletzte. Auch schwerste Kopfverletzungen müssen auf den Intensivstationen behandelt werden. Die Koblenzer Krankenhäuser Evangelischer Stift, Marienhof, Brüderhaus, Kemperhof und das Bundeswehr-Zentralkrankenhaus sind hoffnungslos überfüllt, auf den Freiflächen sind zusätzlich Zelte aufgebaut worden. Ebenso sieht es in den kleineren Nachbarstädten Boppard, Lahnstein und Montabaur aus. Die Krankenhäuser in Neuwied und vor allem Andernach wurden selbst so stark geschädigt, dass hier die Patienten evakuiert werden mussten. So weit transportfähig, werden immer noch Patienten in Krankenhäuser der Großregionen Köln/Bonn und Frankfurt/Mainz/Wiesbaden verbracht. Alles, was sich bewegen kann, ist seit Tagen im Einsatz, das Rote Kreuz, die Caritas geben Decken, Bettwäsche, Kleidung, Schuhe aus, versorgen die Obdachlosen, die in den Zeltstädten, die das THW und die Bundeswehr errichtet haben, leben. Der Bundeskanzler hat die Region zum Notstandsgebiet erklärt und der Ministerpräsident hat die Bevölkerung aufgerufen, Geschädigte selbstlos aufzunehmen. Und auch Sie, liebe Hörerinnen und Hörer von SWR4, können helfen. Melden Sie sich bei Ihrer Feuerwehr, dem Roten Kreuz, wo auch immer, bringen Sie dringend benötigtes Material in die Sammelstellen, spenden Sie an die bekannten Einrichtungen."

Eine Musikeinspielung aus dem Sender gewährt ihr eine kleine Verschnaufpause.

"Es ist ein kleines Wunder, dass in der Koblenzer Innenstadt keine wesentlichen Schäden entstanden sind. Stark betroffen ist jedoch das Gewerbegebiet an der B 9, hier gingen Hunderte von Glasscheiben zu Bruch und einige Gebäude werden wohl abgerissen werden müssen. Auch die Vororte Rübenach, Bubenheim, Metternich, Wallersheim und St. Sebastian sind betroffen, dort sind die Aufräumarbeiten noch in vollem Gange. Schadensuntersuchungen an Kirchen müssen vorgenommen werden. Auch kann bei Brücken noch immer nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden, dass sie keine Schäden davon getragen haben. Und viele konnten nicht für das schwere Bergungsgerät frei gegeben werden."

Sie setzt wieder aus, der Pilot fliegt einen weiten Bogen. Unter ihr liegt Mülheim-Kärlich. Ihr Atem stockt, das AKW ist teilweise zerstört: Der Kühlturm ist eingebrochen, das Ei des Reaktors scheint nach der Rheinseite abgeknickt, kaum zu erkennen. Und doch ist sich Hanni sicher und bittet den Piloten mehrmals um eine Umrundung, Der Mann sieht sie merkwürdig an, sagt aber nichts. In keiner Verlautbarung der RWE oder einer offiziellen Stelle war von einem gravierenden Schaden die Rede gewesen. Ihre Gedanken überschlagen sich, sollte sie davon berichten, ohne wirklich Genaues zu wissen? Nein, der Reaktor war ja schon lange nicht mehr am Netz.

"Die Bahnstrecke zwischen Koblenz und Köln ist unpassierbar. Der Verwerfungen haben die Geleise so beschädigt, dass es Wochen dauern wird, bis hier wieder ein Zug fahren kann. Auf der anderen Seite wurde Leutesdorf von einer tsunamiähnlichen Welle fortgerissen und es gibt weitere deutlich erkennbare Schäden. Auch wenn es Gottseidank nicht zu dem zeitweise befürchteten Hochwasser auf dem Rhein gekommen ist."

Sie macht wieder eine kleine Pause, schaltet das Mikrophon aber nicht ab, damit die Zuschauer das Motorengeräusch des Hubschraubers hören und wissen, dass sie noch auf Sendung ist. Sie holt tief Luft.

"Ich fliege über dieses Gebiet mit großer Trauer. Fünf Mitarbeiter unseres Senders werden noch vermisst. Sie waren am Unglückstag hier im Einsatz, unterwegs zu Interviews, zu Veranstaltungen, zu Festen ..."

Sie spürt, dass ihr die Tränen kommen, aber zugleich auch Wut vermischt mit Selbstvorwürfen. Sie fährt fort:

"Fragen sind zu stellen. Vielleicht noch nicht heute, aber bald, sehr bald. Es gibt so viele Gerüchte, Unwahrheiten, Fehleinschätzungen, Desinformation und Täuschungsmanöver. Wäre bei ständiger seismischer Aufzeichnung eine bessere Vorhersage möglich gewesen? Hätte man aufgrund der ja vorhandenen Warnzeichen nicht konsequenter warnen und evakuieren müssen? Jeder Einzelne von uns trägt vielleicht ein Stück Versagen. Haben wir die Vorzeichen beachtet? Können wir überhaupt noch Vorwarnungen, wenn sie uns erreichen, wahrnehmen, deuten? Haben wir keine Wurzeln mehr in unserer Erde, spüren wir nicht mehr, was in ihr vorgeht?"

Sie bricht ab, erschrocken über das Gesagte. Der Pilot, schweigend, schaut sie aufmunternd an: "Nur zu", meint er knapp.

Sie ist ausgelaugt, spürt die Anspannung der letzten Tage, schüttelt den Kopf, berührt ihn an der Schulter und macht eine Kopfbewegung in Richtung Koblenz, schaltet das Mikrophon aus und lehnt sich zurück. Ihr Gesicht ist tränennass.

 

(EK) Nachbemerkung

Vor etwa 13.000 Jahren, in einem relativ kurzen Zeitraum aktiv, bietet der Laacher See Vulkan mit seinen vielfältigen Ablagerungen ein reiches wissenschaftliches Forschungsfeld.

Die Einzigartigkeit der Landschaft, die durch den Vulkanismus entstand und geprägt wurde, hat Geologen, Botaniker und Klimaforscher immer wieder zu Untersuchungen herausgefordert. Auch Maler und Dichter haben, in teilweise erbittertem Streit, ihre unterschiedlichen Auffassungen über Ursprung und Wirkungsweise des Sees ausgetragen.

Viele Publikationen zeugen von der Intensität unterschiedlicher Forschungsansätze, wobei jüngste Forschungsergebnisse einen erneuten Ausbruch des Laacher See Vulkans nicht mehr als unmöglich erscheinen lassen.

In seinem Buch "Vulkane im Laacher See Gebiet – Ihre Entstehung und heutige Bedeutung" beschreibt Hans-Ulrich Schmincke dieses Szenario in wenigen Sätzen: "... haben wir in der allernächsten geologischen Zukunft viele Eruptionen von Schlackenkegeln im Neuwieder Becken zu erwarten. Wie bald, können wir leider nicht sagen. Es kann nur wenige Jahre dauern, aber auch Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende."

Vor über 43 Millionen Jahren, im Tertiär des Erdalters erfolgten die ersten Vulkanausbrüche in der West- und Osteifel und nach der vulkanischen Phase im Holozän lebte bereits der Mensch in dieser Gegend (Eiszeitjäger bei Gönnersdorf).

Die wissenschaftlichen Methoden unserer Zeit zur Bestimmung von pflanzlichen Substanzen (Altersmessung bei Pollenablagerungen aus den Maaren) datieren ziemlich genau Beginn und Ende des Vulkanismus in der Eifel.

Artenvielfalt und Formenreichtum von Flora und Fauna sind durch Versteinerungen und versteinerte Abbildungen belegt, auch die Kenntnis der damaligen Umwelt (Land, Lagune, Randmeer). Auf dem relativ kleinen Gebiet von Ost- und Westeifel waren über 100 Vulkane aktiv mit bis zu 350 Ausbrüchen. Die differierenden Auswürfe und Fördermengen sind bekannt und erforscht.

Faltungen und Verwerfungen haben die Landschaft in dieser Zeit zusätzlich modelliert und die großen Flüsse Rhein, Mosel, Ahr und Nahe haben sich ihren Weg gegraben.

Ein weiteres Moment der Landschaftsgestaltung der Eifel geschieht in den Eiszeiten, auch hier gibt es einmalige Fenster in die Erdgeschichte, z.B. die Rutschfalte am Dachsbusch, aber auch die Pingos im Hohen Venn sind Zeugen aus der Kältezeit.

Einige Beispiele für die Nutzung des vulkanischen Gesteins: Dachschiefer aus, unter hohem Druck entstandenen Sedimentgestein. Z.B. Abbau in der Grube Katzenberg (bereits durch die Römer abgebaut), Verwendung für Gewölbebauten, Baustein u.a., findet sich am Kölner Dom, an der Laacher Abteikirche. Basalt wird für Mühlsteine genutzt; die typischen Eifelschöpflöffel und Kreuze sind daraus gestaltet. Lavasand findet im Straßenbau Verwendung. Bims liefert die Grundlage für Bausteine. Trass wird gemahlen als Mörtel bei Unterwasserbauten (Brücken) eingesetzt. Trachyttuffe werden zur Herstellung von Trass-Zement verwendet. Tragende Schichten an erstarrter Lava in Basalt-Säulengängen sind z.B. in Mendig erkenn- und begehbar.

 

 

 

Literaturliste
(Auswahl)

Bauer, Ernst W: Feuer, Farben und Fontänen, Stuttgart 1994
Delfs, Paul u. Keller, Martina: Vulkanismus – Geologischer Streifzug durch das Brohltal, Kreisbildstelle Ahrweiler, 1990
Frechen, Hopmann, Knetsch: Die Vulkan Eifel, Bonn o.J.
Machowiak, B.: Kosmos Report, Stuttgart 1997
Nussbaumer, Josef
: Die Gewalt der Natur, Grünbach 1996
Reineke, Birgit: Das große Buch der Katastrophen, Orkane, Erdbeben, Brände, Vulkane, Ravensburg 1999
Schick, Rolf: Erdbeben und Vulkane, München 1997
Schmicke, Hans-Ulrich
: Vulkane, Haltern 1988
Schneider, Götz:
Erdbeben: Entstehung, Ausbreitung, Wirkung, Stuttgart 1975
Laacherseehaus Wanderführer
: Touristenverein Naturfreunde, Köln 1988
Erdbebenforschung
: Forschungsbericht der Dt. Forschungsgemeinschaft (DFG), Boppard 1976
Landesvermessungsamt (mit Eifelverein e.V.): Wanderkarte "Laacher See" 1 : 15.000
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Außerdem die Serie "Vulkane unter uns" der Rhein-Zeitung, Koblenz, Frühjahr 2000, div. Autoren.

Link

http://www.vulkanismus.de

E N D E

© Koblenz 2000 bei den Autoren:
Eva Koloska (EK), Doris Meheust (DM), Brigitta Firmenich (BF), Adelheid Schmidt (AS),
Martin Grasnickel (MG), Joachim Alberti (JA), Elisabeth Büttner (EB), Hilde Engels (HE)