|
Armes
reiches Mädchen
Die Villa am
Standrand mit großem Park und hohen Hecken drum herum erinnerte an ein
Schloss. Mehrere Gärtner waren das ganze Jahr über damit beschäftigt,
Blumen zu setzen, Büsche zu schneiden, Hecken zu kürzen und Rasen zu mähen.
Im Haus gab es eine Köchin und eine Haushälterin, die sich um alles
andere kümmerten. Heinrich König, der Besitzer des Anwesens, hatte ein
Händchen für Geschäfte, und seine Frau Marlis war eine perfekte
Gastgeberin, war also auch gut für die Geschäfte. So wurden sie
reicher und reicher, und niemand hätte vermutet, dass sie trotz ihres
Reichtums unglücklich wären.
Doch da war
ein Stachel in ihrer Beziehung. Schon lange wünschten sie sich nichts
sehnlicher als ein Kind. Jahrelang
sahen sie neidvoll zu, wie alle befreundeten Familien nach und
nach Kinder bekamen, und irgendwann ließen sie die Freundschaften unter
fadenscheinigen Gründen versanden. Es wurde ihnen allzu schmerzlich
bewusst, was sie vermissten, und sie konnten das Glück der anderen
einfach nicht mehr mit ansehen. Und irgendwann schotteten sie ihren
Schmerz auch gegeneinander ab. Sie sprachen nicht mehr über ihren
sehnlichsten Wunsch. Heinrich widmete sich von noch ausgiebiger seiner
Arbeit, Marlis füllte ihre Tage mit sinnlosen Einkäufen, dem
Herumkommandieren ihrer dienstbaren Geister, und sie verplemperte viel
Zeit mit immer wieder neuen Hobbys.
In ihrer
Verzweiflung schloss sie sich auch einem esoterischen Frauenkreis an und
erhoffte sich Rat von den weisen Frauen. Doch auch sie konnten ihr nicht
dabei helfen, ihre innere Ruhe wieder zu finden. Lange lebten Heinrich
und Marlis so nebeneinander her, fanden nur noch selten Zeit für sich.
Eines schönen Sommertages, als Marlis wieder einmal gelangweilt und
todtraurig auf ihrem Liegestuhl am Pool lag, stand plötzlich ein ganz
in Grün gekleideter Mann vor ihr. Sie bemerkte ihn, weil er ihr die
Sonne nahm.
Sie setzte
sich auf, nahm die Sonnenbrille ab und starrte ihn an, als ob sie nicht
glauben könnte, was sie sah. Er erschien ihr wie ein grüner Frosch,
und ihr fielen sämtliche Märchen ein, die sie einmal gelesen hatte.
Dann begann sie erst leise gluckernd, dann laut heraus zu lachen und das
Lachen war so befreiend, so echt und ansteckend, dass der Mann unwillkürlich
in ihr Lachen einstimmte. Als sie sich wieder beruhigt hatte, stellte er
sich ihr als der neue Gärtner vor. Vom ersten Moment an hatte sie
Vertrauen zu dem Mann, und so nach und nach erzählte sie ihm von sich
und ihren Sorgen. Sie wusste selbst nicht, warum sie es tat, aber er hörte
ihr aufmerksam zu, und das tat ihr gut.
Irgendwann
sagte er ihr, dass sie noch vor Ablauf eines Jahres eine hübsche
Tochter bekommen würde. Sie glaubte ihm, und tatsächlich kam im nächsten
Jahr ihre Tochter zur Welt, die sie Rosi nannten. Das Kind veränderte
alles im Hause der Königs. Es war, als ob jemand einen dunklen
Schleier, der über dem Haus gelegen hatte, weggezogen hätte. Plötzlich
erstrahlte alles in heiterem Licht. Es war das hübscheste Kind, das man
je gesehen hatte. Heinrich wusste sich vor Begeisterung kaum zu halten.
Endlich hatten sie ein Kind! Er gab eine riesige Party für Verwandte,
Freunde und Bekannte. Und nicht nur für sie. In seiner Euphorie, und um
seiner Frau noch einmal zu danken, lud er auch die Damen des
esoterischen Kreises ein, bis auf eine, für die er keinen geeigneten
Platz fand.
Das Fest
wurde prachtvoll gefeiert, Essen und Trinken waren im Überfluss
vorhanden, und am Ende der Feier wünschten alle Gäste, vor allem die
Damen des esoterischen Kreises, dem Kind nur das Beste. Sie hatten ihre
Pendel mitgebracht und ihre Karten, hielten ihre Hände über den Kopf
des Kindes und sagten ihm eine wunderschöne Zukunft voraus. Sie wünschten
ihm alles, was man nur an guten Dingen wünschen kann. Heinrich und
Marlis waren glücklich wie nie zuvor. Plötzlich platzte unangemeldet
die nicht eingeladene Frau mitten in das Fest hinein. Ohne jemanden zu
beachten oder zu grüßen ging sie schnurschracks zur Wiege, in der das
Kind lag. Auch sie hatte ein Pendel in der Hand, das sie über dem Kind
kreisen ließ und sagte voraus, dass das Kind mit fünfzehn Jahren
sterben würde. Dann verschwand die Frau, wie sie gekommen war.
Vor Schreck
waren alle Festgäste wie
erstarrt, und es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder gefangen hatten. Die letzte der Frauen mit
esoterischem Wissen hatte ihre guten Wünsche noch nicht gesagt, und nun
war die Reihe an ihr. Sie hatte Mühe, die Eltern und die anderen Gäste wieder zu beruhigen und die bösen Worte der beleidigten
Freundin abzuschwächen. Der Versuch war gut gemeint, aber das Fest war
vorbei, und es blieb ein bitterer Nachgeschmack.
Wegen der
Vorhersage ängstigten sich Heinrich und Marlis sehr, und sie ließen
das Kind lange Jahre überhaupt nicht aus den Augen. So wuchs Rosi, die
trotz ihrer Schönheit bescheiden und freundlich war, sehr behütet zu
einer jungen Frau heran. Heinrich hätte sie am liebsten in einen
Glaskasten gesetzt, damit nichts und niemand an sie herankäme. Dann kam
der Tag, an dem sie fünfzehn Jahre alt wurde. Ausgerechnet an diesem
Tag waren ihre Eltern nicht zu Hause. Aber anstatt traurig zu sein, fühlte
sie sich auf einmal frei und erwachsen und vermisste die Eltern überhaupt
nicht. Sie wurde neugierig auf das Leben, auf alles, was ihr bisher
vorenthalten wurde. Sie stand an der Schwelle zum Leben als Frau, und
nun begann das vorsichtige Herantasten an das
Erwachsenwerden.
Gerade in dem
Moment, als die Eltern wieder nach Hause zurück kamen, begann die
einschneidendste Veränderung. Niemand hatte sie auf das Ereignis des
Frauwerdens richtig vorbereitet, und nun fiel sie beim Anblick des
ersten Bluttropfens in Ohnmacht. Von einem Moment auf den anderen war
die Kindheit vorbei. Das fröhliche Leben in der Villa erstarrte.
Heinrich ließ das Anwesen zu einer Festung werden. Die Gärtner wurden
angehalten, die Hecke nicht mehr zurück zu schneiden und so wuchs sie
zu einer dichten Schutzwand, durch die kaum mehr ein Lachen von draußen
drang.
Zusätzlich
ließ Heinrich eine Mauer bauen, und vor der großen Einfahrt wurde ein
hohes Tor errichtet. Kameras und Gegensprechanlagen wurden installiert,
damit kontrolliert werden konnte, wer in das Haus hinein wollte. Die
Zeit der großen Feste war vorbei. Die Köchin hatte keine
Herausforderung mehr und wurde ärgerlich über das tägliche Einerlei.
Ihren Ärger ließ sie an ihrem Lehrling aus, der ihr nichts mehr recht
machen konnte.
Rosi wuchs
heran, und je reifer sie wurde, desto einsamer fühlte sie sich. Von
Zeit zu Zeit hörte Rosi die Türglocke und obwohl es ihr verboten war,
lief sie zum Bildschirm, um zu sehen, wer zu Besuch kommen wollte. Viele
Freunde aus früherer Zeit, die Heinrichs Reaktion nicht verstehen
konnten, wollten den Kontakt wieder aufnehmen, ihre Kinder wollten sich
mit dem Mädchen verabreden und es einladen. Aber Heinrich ließ nicht
zu, dass sie mit anderen Menschen zusammen kam. Die Hauslehrerin war ihr
einziger Kontakt zur Außenwelt. Sicher, sie hatte ihre Pferde. Täglich
machte sie Ausritte. Doch sie wurde begleitet und blieb immer auf dem
elterlichen Gelände. Eine Zeitlang begehrte sie auf, empfand die völlige
Abschottung als unerträglich und als sie sich beklagte, erklärte
Heinrich ihr, dass sie zu jung sei, um das zu überblicken, und es sei
gut, was er für sie tue.
Irgendwann
wehrte sie sich nicht mehr. Ihr Lachen erstarb, sie konnte sich an
nichts mehr freuen. Rosi erstarrte. Niemand drang mehr zu ihr durch,
jeder blieb bereits beim Versuch, sich ihr zu nähern, stecken. Doch
eines Tages schien die Türglocke anders zu klingen als gewöhnlich:
lauter, anhaltender, drängender. Und die junge Frau erwachte aus ihrem
Dornröschenschlaf. Wie ein Schmetterling verließ sie ihre Puppe und
eilte wie in fast vergessener Zeit zu dem Bildschirm, um zu schauen, wer
draußen stand. Sie missachtete alle Verbote, betätigte den Türöffner
- und ein junger Mann, den sie zuletzt als junges Mädchen gesehen
hatte, stand vor ihr. Rosi schmolz unter seinem Blick dahin und ließ
ihn ein. Er betrat den verbotenen Bereich, küsste sie und erweckte die
in ihr schlummernde Weiblichkeit. Und es erschien ihr, als ob sie
hundert Jahre nur auf diesen Augenblick gewartet hätte. Ein befreites,
neues Leben begann, und sie feierten und vergnügten sich bis an das
Ende ihrer Tage.
©
Brigitta Firmenich, Koblenz 2000 |