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Alle Rechte vorbehalten © All rights reserved by Klaus-Dieter Regenbrecht 1998 - 20
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Das gemeinsame Projekt der Schreibwerkstatt (VHS Koblenz, Herbst 2000),
Märchen im neuen Gewand
Kursleitung und Internet-Realisation: Klaus-Dieter Regenbrecht

Armes reiches Mädchen

Die Villa am Standrand mit großem Park und hohen Hecken drum herum erinnerte an ein Schloss. Mehrere Gärtner waren das ganze Jahr über damit beschäftigt, Blumen zu setzen, Büsche zu schneiden, Hecken zu kürzen und Rasen zu mähen. Im Haus gab es eine Köchin und eine Haushälterin, die sich um alles andere kümmerten. Heinrich König, der Besitzer des Anwesens, hatte ein Händchen für Geschäfte, und seine Frau Marlis war eine perfekte Gastgeberin, war also auch gut für die Geschäfte. So wurden sie reicher und reicher, und niemand hätte vermutet, dass sie trotz ihres Reichtums unglücklich wären.

Doch da war ein Stachel in ihrer Beziehung. Schon lange wünschten sie sich nichts sehnlicher als ein Kind. Jahrelang  sahen sie neidvoll zu, wie alle befreundeten Familien nach und nach Kinder bekamen, und irgendwann ließen sie die Freundschaften unter fadenscheinigen Gründen versanden. Es wurde ihnen allzu schmerzlich bewusst, was sie vermissten, und sie konnten das Glück der anderen einfach nicht mehr mit ansehen. Und irgendwann schotteten sie ihren Schmerz auch gegeneinander ab. Sie sprachen nicht mehr über ihren sehnlichsten Wunsch. Heinrich widmete sich von noch ausgiebiger seiner Arbeit, Marlis füllte ihre Tage mit sinnlosen Einkäufen, dem Herumkommandieren ihrer dienstbaren Geister, und sie verplemperte viel Zeit mit immer wieder neuen Hobbys.

In ihrer Verzweiflung schloss sie sich auch einem esoterischen Frauenkreis an und erhoffte sich Rat von den weisen Frauen. Doch auch sie konnten ihr nicht dabei helfen, ihre innere Ruhe wieder zu finden. Lange lebten Heinrich und Marlis so nebeneinander her, fanden nur noch selten Zeit für sich. Eines schönen Sommertages, als Marlis wieder einmal gelangweilt und todtraurig auf ihrem Liegestuhl am Pool lag, stand plötzlich ein ganz in Grün gekleideter Mann vor ihr. Sie bemerkte ihn, weil er ihr die Sonne nahm.

Sie setzte sich auf, nahm die Sonnenbrille ab und starrte ihn an, als ob sie nicht glauben könnte, was sie sah. Er erschien ihr wie ein grüner Frosch, und ihr fielen sämtliche Märchen ein, die sie einmal gelesen hatte. Dann begann sie erst leise gluckernd, dann laut heraus zu lachen und das Lachen war so befreiend, so echt und ansteckend, dass der Mann unwillkürlich in ihr Lachen einstimmte. Als sie sich wieder beruhigt hatte, stellte er sich ihr als der neue Gärtner vor. Vom ersten Moment an hatte sie Vertrauen zu dem Mann, und so nach und nach erzählte sie ihm von sich und ihren Sorgen. Sie wusste selbst nicht, warum sie es tat, aber er hörte ihr aufmerksam zu, und das tat ihr gut.

Irgendwann sagte er ihr, dass sie noch vor Ablauf eines Jahres eine hübsche Tochter bekommen würde. Sie glaubte ihm, und tatsächlich kam im nächsten Jahr ihre Tochter zur Welt, die sie Rosi nannten. Das Kind veränderte alles im Hause der Königs. Es war, als ob jemand einen dunklen Schleier, der über dem Haus gelegen hatte, weggezogen hätte. Plötzlich erstrahlte alles in heiterem Licht. Es war das hübscheste Kind, das man je gesehen hatte. Heinrich wusste sich vor Begeisterung kaum zu halten. Endlich hatten sie ein Kind! Er gab eine riesige Party für Verwandte, Freunde und Bekannte. Und nicht nur für sie. In seiner Euphorie, und um seiner Frau noch einmal zu danken, lud er auch die Damen des esoterischen Kreises ein, bis auf eine, für die er keinen geeigneten Platz fand.

Das Fest wurde prachtvoll gefeiert, Essen und Trinken waren im Überfluss vorhanden, und am Ende der Feier wünschten alle Gäste, vor allem die Damen des esoterischen Kreises, dem Kind nur das Beste. Sie hatten ihre Pendel mitgebracht und ihre Karten, hielten ihre Hände über den Kopf des Kindes und sagten ihm eine wunderschöne Zukunft voraus. Sie wünschten ihm alles, was man nur an guten Dingen wünschen kann. Heinrich und Marlis waren glücklich wie nie zuvor. Plötzlich platzte unangemeldet die nicht eingeladene Frau mitten in das Fest hinein. Ohne jemanden zu beachten oder zu grüßen ging sie schnurschracks zur Wiege, in der das Kind lag. Auch sie hatte ein Pendel in der Hand, das sie über dem Kind kreisen ließ und sagte voraus, dass das Kind mit fünfzehn Jahren sterben würde. Dann verschwand die Frau, wie sie gekommen war.

Vor Schreck waren alle Festgäste  wie erstarrt, und es dauerte eine Weile, bis sie sich  wieder gefangen hatten. Die letzte der Frauen mit esoterischem Wissen hatte ihre guten Wünsche noch nicht gesagt, und nun war die Reihe an ihr. Sie hatte Mühe, die Eltern und die anderen Gäste  wieder zu beruhigen und die bösen Worte der beleidigten Freundin abzuschwächen. Der Versuch war gut gemeint, aber das Fest war vorbei, und es blieb ein bitterer Nachgeschmack.

Wegen der Vorhersage ängstigten sich Heinrich und Marlis sehr, und sie ließen das Kind lange Jahre überhaupt nicht aus den Augen. So wuchs Rosi, die trotz ihrer Schönheit bescheiden und freundlich war, sehr behütet zu einer jungen Frau heran. Heinrich hätte sie am liebsten in einen Glaskasten gesetzt, damit nichts und niemand an sie herankäme. Dann kam der Tag, an dem sie fünfzehn Jahre alt wurde. Ausgerechnet an diesem Tag waren ihre Eltern nicht zu Hause. Aber anstatt traurig zu sein, fühlte sie sich auf einmal frei und erwachsen und vermisste die Eltern überhaupt nicht. Sie wurde neugierig auf das Leben, auf alles, was ihr bisher vorenthalten wurde. Sie stand an der Schwelle zum Leben als Frau, und nun begann das vorsichtige Herantasten an das  Erwachsenwerden.

Gerade in dem Moment, als die Eltern wieder nach Hause zurück kamen, begann die einschneidendste Veränderung. Niemand hatte sie auf das Ereignis des Frauwerdens richtig vorbereitet, und nun fiel sie beim Anblick des ersten Bluttropfens in Ohnmacht. Von einem Moment auf den anderen war die Kindheit vorbei. Das fröhliche Leben in der Villa erstarrte. Heinrich ließ das Anwesen zu einer Festung werden. Die Gärtner wurden angehalten, die Hecke nicht mehr zurück zu schneiden und so wuchs sie zu einer dichten Schutzwand, durch die kaum mehr ein Lachen von draußen drang.

Zusätzlich ließ Heinrich eine Mauer bauen, und vor der großen Einfahrt wurde ein hohes Tor errichtet. Kameras und Gegensprechanlagen wurden installiert, damit kontrolliert werden konnte, wer in das Haus hinein wollte. Die Zeit der großen Feste war vorbei. Die Köchin hatte keine Herausforderung mehr und wurde ärgerlich über das tägliche Einerlei. Ihren Ärger ließ sie an ihrem Lehrling aus, der ihr nichts mehr recht machen konnte.

Rosi wuchs heran, und je reifer sie wurde, desto einsamer fühlte sie sich. Von Zeit zu Zeit hörte Rosi die Türglocke und obwohl es ihr verboten war, lief sie zum Bildschirm, um zu sehen, wer zu Besuch kommen wollte. Viele Freunde aus früherer Zeit, die Heinrichs Reaktion nicht verstehen konnten, wollten den Kontakt wieder aufnehmen, ihre Kinder wollten sich mit dem Mädchen verabreden und es einladen. Aber Heinrich ließ nicht zu, dass sie mit anderen Menschen zusammen kam. Die Hauslehrerin war ihr einziger Kontakt zur Außenwelt. Sicher, sie hatte ihre Pferde. Täglich machte sie Ausritte. Doch sie wurde begleitet und blieb immer auf dem elterlichen Gelände. Eine Zeitlang begehrte sie auf, empfand die völlige Abschottung als unerträglich und als sie sich beklagte, erklärte Heinrich ihr, dass sie zu jung sei, um das zu überblicken, und es sei gut, was er für sie tue.

Irgendwann wehrte sie sich nicht mehr. Ihr Lachen erstarb, sie konnte sich an nichts mehr freuen. Rosi erstarrte. Niemand drang mehr zu ihr durch, jeder blieb bereits beim Versuch, sich ihr zu nähern, stecken. Doch eines Tages schien die Türglocke anders zu klingen als gewöhnlich: lauter, anhaltender, drängender. Und die junge Frau erwachte aus ihrem Dornröschenschlaf. Wie ein Schmetterling verließ sie ihre Puppe und eilte wie in fast vergessener Zeit zu dem Bildschirm, um zu schauen, wer draußen stand. Sie missachtete alle Verbote, betätigte den Türöffner - und ein junger Mann, den sie zuletzt als junges Mädchen gesehen hatte, stand vor ihr. Rosi schmolz unter seinem Blick dahin und ließ ihn ein. Er betrat den verbotenen Bereich, küsste sie und erweckte die in ihr schlummernde Weiblichkeit. Und es erschien ihr, als ob sie hundert Jahre nur auf diesen Augenblick gewartet hätte. Ein befreites, neues Leben begann, und sie feierten und vergnügten sich bis an das Ende ihrer Tage.

© Brigitta Firmenich, Koblenz 2000