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Alle Rechte vorbehalten © All rights reserved by Klaus-Dieter Regenbrecht 1998 - 20
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Das gemeinsame Projekt
der Schreibwerkstatt "Kreatives Schreiben"
(VHS Koblenz, Sommer 2005),
Kursleitung und Internet-Realisation:
Klaus-Dieter Regenbrecht

Anthologie zum Schiller-Jahr, Beitrag von Frank Becher

Fischerknabe singt im Kahn: Melodie des Kuhreihens

Es lächelt der See, er ladet zum Bade,
Der Knabe schlief ein am grünen Gestade,
Da hört er ein Klingen,
Wie Flöten so süß,
Wie Stimmen der Engel
Im Paradies.
Und wie er erwachet in seliger Lust,
Da spülen die Wasser ihm um die Brust,
Und es ruft aus den Tiefen:
Lieb Knabe, bist mein!
Ich locke den Schläfer,
Ich zieh ihn herein.

(Aus: Wilhelm Tell, Friedrich Schiller)

Als Kommissar Dieter Jänecke den schmalen Uferweg entlang fuhr und sich der Ausblick auf den mit tanzenden Sonnenreflexen übersäten See öffnete, dachte er unwillkürlich:

‚Muss es denn immer sein, dass so ein schöner Tag durch einen solch blöden Anlass versaut wird?’

Er hielt seinen privaten grauen Astra an - der Dienstmercedes war unfallbedingt außer Gefecht - und ging auf die beiden uniformierten Kollegen zu, die am Ufer standen, neben ihnen zwei Sanitäter, die gerade die Trage mit einem reglosen Jugendlichen in den Krankenwagen schoben, und der Notarzt, kenntlich an der breiten reflektierenden Aufschrift über der Brust. 

„Nichts zu machen“, sagte der Notarzt, „ich habe versucht, ihn zu reanimieren, künstliche Atmung, Sauerstoff, Defibrillator, Sie wissen ja, das ganze Programm, aber war nichts. Exitus“…Er schaute Jänecke an. „Letalis“, fügte er hinzu, als ob Jänecke nicht wüsste, was dies bedeutete.

„Können Sie etwas über die Todesursache sagen?“ fragte Jänecke. „Na, wenn einer im Wasser liegt und herausgezogen werden muss, braucht man nicht lange zu raten“, sagte der Notarzt. „Aber genaueres weiß man erst nach der Autopsie.“ Jänecke nickte, grunzte zustimmend und dachte: ‚Wie immer, wenn man etwas wissen will - die Kerle legen sich nie fest.’

Die beiden Uniformierten hatten den Ort, an dem man den Jugendlichen herausgezogen hatte, mit Absperrband umzäunt. Das grasbewachsene Ufer war relativ steil, und an einer Stelle lagen eine blaue Wolldecke, daneben eine Angel und ein Kescher.

„Zwei Jungen haben ihn gefunden, sie wollten am Wasser spielen“, sagte einer der Uniformierten, „sie sind jetzt zu Hause, wir wollten sie nicht festhalten, aber wir haben natürlich die Anschriften.“

„Die Spurensicherung muss her! “ meinte Jänecke unwirsch. „Sind unterwegs“, war die Antwort.

Kurze Zeit später trafen die beiden Kollegen in ihren weißen Overalls ein. Sie näherten sich dem Fundort auf den Fußabdrücken der Rettungssanitäter, sorgfältig auf andere Spuren achtend. „He, Jänecke, “ rief einer, „hier haben wir etwas Interessantes gefunden!“ und hielt zwei kleine helle längliche Gegenstände hoch.

„Was ist das?“ fragte Jänecke. Der Kollege roch an den Dingern, steckte sie in zwei Plastiktütchen und brachte sie zu Jänecke. „Na, kommt Dir das bekannt vor?“ fragte der Kollege. „Das sind ja…“ „Richtig, das sind die Kippen von zwei mächtigen Joints, es liegt noch Asche auf der Decke. Riecht nach „grüner Libanese“. Der Junge hat sich wohl gerade den dritten `reingezogen und war sternhagelvoll bekifft. Schätze, erst schwebte er in süßen Träumen, und dann platschte er ins Wasser und ersoff. Aber ob es wirklich so war, wird letztlich erst die Blutuntersuchung ergeben.“

„Und Fremdverschulden?“

„Nee, “ meinte der Kollege, „nichts zu erkennen, keine anderen Spuren. Wenn’s nicht grade die böse Wassernixe war…“ „Witzbold“ knurrte Jänecke. Er atmete auf. Also kein Mord, ein Unglücksfall. Bedauerlich, aber so was kam vor.

Er konnte wieder los.

Jänicke schaute auf den See, die Sonne warf immer noch tausend tanzende Tupfen auf das Wasser, und ein warmer Windhauch wehte ihm entgegen. Es würde doch noch ein schöner Tag werden.

© Frank Becher 2005