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Alle Rechte vorbehalten © All rights reserved by Klaus-Dieter Regenbrecht 1998 - 20
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Das gemeinsame Projekt
der Schreibwerkstatt "Kreatives Schreiben"
(VHS Koblenz, Sommer 2005),
Kursleitung und Internet-Realisation:
Klaus-Dieter Regenbrecht

Anthologie zum Schiller-Jahr, Beitrag von Beate Probst

Fischerknabe

Es lächelt der See, er ladet zum Bade,
Der Knabe schlief ein am grünen Gestade,
Da hört er ein Klingen,
Wie Flöten so süß,
Wie Stimmen der Engel
Im Paradies.
Und wie er erwachet in seliger Lust,
Da spülen die Wasser ihm um die Brust,
Und es ruft aus den Tiefen:
Lieb Knabe, bist mein!
Ich locke den Schläfer,
Ich zieh ihn herein.

(Aus: Wilhelm Tell, Friedrich Schiller)

Sie wollen mich nicht loslassen, diese Bilder. Immer wieder flimmern sie auf, wie ein Film der auf der Leinwand abläuft.

Ich begleitete Till zum Bahnhof. Wir umarmten uns und er stieg in den wartenden Zug ein. Ich schaute ihm nach, dem schmächtigen Jungen, der für sein Alter noch einen sehr zierlichen Körper hatte. Sein prall gefüllter Rucksack erdrückte ihn fast. Der Knabenchor, der einen Teil der großen Ferien gemeinsam verbringen wollte, war nun vollzählig. Sie schoben die Abteilfenster nach unten und reckten ihre Köpfe heraus. Sie trällerten übermütig ihre einstudierten Lieder. Ihre Stimmen erklangen wie Flöten. Sie sangen in seliger Lust aus voller Brust, als folgten sie einem Ruf ins Paradies. Keuchend setzte sich der Zug in Bewegung.

Am ersten Urlaubstag stand eine Wanderung auf dem Programm. Jeder der Jungs steckte etwas Süßes in die Taschen und die wilde Meute machte sich auf den Weg. Außer Till, er trödelte absichtlich. Sein ständiger Hunger nach Entdeckungen trieb ihn zu der Ausrede, dass er später nachkommen würde. Für ihn war es geradezu eine Einladung, die Gunst der Stunde zu nutzen, um seine Pläne auszuführen. Im Geheimen lockte ihn das nahe gelegene Meer. Auf dem Rücken bepackt mit einer Seemannsmütze in der Hand folgte er seiner eigenen Spur und suchte sich eine beschauliche Bucht. Er blickte auf die grenzenlose Weite des Meeres, das sich am Horizont mit dem Himmel vereinte und schmeckte die salzige Luft auf seiner Zunge. Das flirrende Licht zog ihn in seinen Bann. Till liebte das Meer, er versank in seine Träume.

Die Zeit floss dahin. Unermüdlich drängten sich die Wellen in Richtung Land. Als die goldene Sonne ihr Haupt senkte und ihre Farbe sich ins Rötliche veränderte, reichte die Flut bis an die Hafenmauer.

Im Landheim hatte sich zwischenzeitlich herumgesprochen, dass es einen Ausreißer gab. Es herrschte Aufregung. Wie konnte das geschehen, wo steckte er nur? Ein Suchtrupp begann mit dem Durchstreifen der Gegend. Ihr Rufen tönte in alle Richtungen. Till war wie vom Erdboden verschluckt. Die Anspannung wuchs und die Gruppe war überzeugt davon, dass Till nichts von den Gezeiten an diesem Ort wusste. Ein naiver Bengel, der hier im Wasser baden würde, wäre verloren, denn er würde in die Tiefe gezogen werden. Diese einhellige Meinung der herbeigeeilten Helfer versetzte die Chorknaben in Angst und Schrecken. Allmählich gaben die Wellen Stück für Stück das eroberte Land wieder frei. Mit dem Fernglas wurde ein treibendes Bündel entdeckt. Es ließ sich nicht erkennen, um was es sich handelte. Man fand keine Spur, kein Lebenszeichen von Till Schäfer. Ich wurde benachrichtigt, noch ehe die Nacht endgültig ihren Schleier über das Land gelegt hatte.

Zerzaust und auf leisen Sohlen schlich sich Till im Morgengrauen an das hellerleuchtete Landheim heran. Sein Gewissen plagte ihn. Er war eingeschlafen am grünen Gestade. Bei seiner Extratour wollte er in aller Ruhe Ebbe und Flut erforschen, deshalb hatte er eine Puppe aus Decken gebastelt, seinen Dummy, den künstlichen Körper mit Steinen beschwert und mit Spannung vom Ufer aus beobachtet, wann er weggespült würde. Till war weit hinausgelaufen, um den Weg seiner Attrappe in dem wogenden Meer zu beobachten. Schließlich überwältigte ihn die Müdigkeit und er wollte sich ein wenig ausruhen.

Er sammelte seinen ganzen Mut zusammen, um ins Haus zu gehen. Sein Herz pochte heftig, als wollte es zerspringen. Er konnte sich denken, was jetzt auf ihn zukommen würde und ahnte, dass sein Urlaub nach diesem einen Tag beendet sein würde. Als er die Türe öffnete, erklangen Seufzer der Erleichterung und sein Schutzengel wurde gepriesen.

Es gibt Bilder, die hartnäckig im Gedächtnis verweilen. Sie werden begleitet von einem mulmigen Gefühl. Till fährt wieder in die Ferien, schwingt seinen Rucksack auf den Rücken und ruft, tschüüüs.

© Beate Probst 2005