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Sie
wollen mich nicht loslassen, diese Bilder. Immer wieder flimmern sie auf,
wie ein Film der auf der Leinwand abläuft.
Ich
begleitete Till zum Bahnhof. Wir umarmten uns und er stieg in den
wartenden Zug ein. Ich schaute ihm nach, dem schmächtigen Jungen, der für
sein Alter noch einen sehr zierlichen Körper hatte. Sein prall gefüllter
Rucksack erdrückte ihn fast. Der Knabenchor, der einen Teil der großen
Ferien gemeinsam verbringen wollte, war nun vollzählig. Sie schoben die
Abteilfenster nach unten und reckten ihre Köpfe heraus. Sie trällerten
übermütig ihre einstudierten Lieder. Ihre Stimmen erklangen wie Flöten.
Sie sangen in seliger Lust aus voller Brust, als folgten sie einem Ruf ins
Paradies. Keuchend setzte sich der Zug in Bewegung.
Am
ersten Urlaubstag stand eine Wanderung auf dem Programm. Jeder der Jungs
steckte etwas Süßes in die Taschen und die wilde Meute machte sich auf
den Weg. Außer Till, er trödelte absichtlich. Sein ständiger Hunger
nach Entdeckungen trieb ihn zu der Ausrede, dass er später nachkommen würde.
Für ihn war es geradezu eine Einladung, die Gunst der Stunde zu nutzen,
um seine Pläne auszuführen. Im Geheimen lockte ihn das nahe gelegene
Meer. Auf dem Rücken bepackt mit einer Seemannsmütze in der Hand folgte
er seiner eigenen Spur und suchte sich eine beschauliche Bucht. Er blickte
auf die grenzenlose Weite des Meeres, das sich am Horizont mit dem Himmel
vereinte und schmeckte die salzige Luft auf seiner Zunge. Das flirrende
Licht zog ihn in seinen Bann. Till liebte das Meer, er versank in seine Träume.
Die
Zeit floss dahin. Unermüdlich drängten sich die Wellen in Richtung Land.
Als die goldene Sonne ihr Haupt senkte und ihre Farbe sich ins Rötliche
veränderte, reichte die Flut bis an die Hafenmauer.
Im
Landheim hatte sich zwischenzeitlich herumgesprochen, dass es einen Ausreißer
gab. Es herrschte Aufregung. Wie konnte das geschehen, wo steckte er nur?
Ein Suchtrupp begann mit dem Durchstreifen der Gegend. Ihr Rufen tönte in
alle Richtungen. Till war wie vom Erdboden verschluckt. Die Anspannung
wuchs und die Gruppe war überzeugt davon, dass Till nichts von den
Gezeiten an diesem Ort wusste. Ein naiver Bengel, der hier im Wasser baden
würde, wäre verloren, denn er würde in die Tiefe gezogen werden. Diese
einhellige Meinung der herbeigeeilten Helfer versetzte die Chorknaben in
Angst und Schrecken. Allmählich gaben die Wellen Stück für Stück das
eroberte Land wieder frei. Mit dem Fernglas wurde ein treibendes Bündel
entdeckt. Es ließ sich nicht erkennen, um was es sich handelte. Man fand
keine Spur, kein Lebenszeichen von Till Schäfer. Ich wurde
benachrichtigt, noch ehe die Nacht endgültig ihren Schleier über das
Land gelegt hatte.
Zerzaust
und auf leisen Sohlen schlich sich Till im Morgengrauen an das
hellerleuchtete Landheim heran. Sein Gewissen plagte ihn. Er war
eingeschlafen am grünen Gestade. Bei seiner Extratour wollte er in aller
Ruhe Ebbe und Flut erforschen, deshalb hatte er eine Puppe aus Decken
gebastelt, seinen Dummy, den künstlichen Körper mit Steinen beschwert
und mit Spannung vom Ufer aus beobachtet, wann er weggespült würde. Till
war weit hinausgelaufen, um den Weg seiner Attrappe in dem wogenden Meer
zu beobachten. Schließlich überwältigte ihn die Müdigkeit und er
wollte sich ein wenig ausruhen.
Er
sammelte seinen ganzen Mut zusammen, um ins Haus zu gehen. Sein Herz
pochte heftig, als wollte es zerspringen. Er konnte sich denken, was jetzt
auf ihn zukommen würde und ahnte, dass sein Urlaub nach diesem einen Tag
beendet sein würde. Als er die Türe öffnete, erklangen Seufzer der
Erleichterung und sein Schutzengel wurde gepriesen.
Es
gibt Bilder, die hartnäckig im Gedächtnis verweilen. Sie werden
begleitet von einem mulmigen Gefühl. Till fährt wieder in die Ferien,
schwingt seinen Rucksack auf den Rücken und ruft, tschüüüs.
©
Beate Probst 2005
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