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Alle Rechte vorbehalten © All rights reserved by Klaus-Dieter Regenbrecht 1998 - 20
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Das gemeinsame Projekt
der Schreibwerkstatt "Kreatives Schreiben"
(VHS Koblenz, Herbst 2002),
Kursleitung und Internet-Realisation:
Klaus-Dieter Regenbrecht

Anthologie 2, Beitrag von Frank Becher

Das Butterbrot. 

Die Butter war hart. Außerdem befand sich in der Butterdose nur noch ein Rest. Butterdose … aus Plastik! Ralph fiel ein: Sie hasste Plastik.

Aber eine Butterdose aus Glas, Porzellan oder Keramik würde nicht in das Fach der Kühlschranktür passen, außerdem gab es keine, deren Form so genau auf ein Stück Deutscher Markenbutter abgestimmt war. Na ja, Julia würde nicht mitbekommen, dass er eine Plastikdose herausgeholt hatte, sie war ja noch oben im Bad. Schon seit vierzig Minuten. Sie hatte ihn böse angefaucht, als Ralph die Vermutung geäußert hatte, sie müsste doch langsam fertig sein mit dem Schminken. Und so war er nach unten in die Küche gegangen, er wollte ihr ein Butterbrot für das Büro bereiten, sie vertrug das Kantinenessen mit Geschmacksverstärker – Nr. 3 – so schlecht,

Er öffnete die Kühlschranktür erneut, und nahm ein noch verpacktes neues Stück Butter, eine Packung mit Käse (der milde – Julia mochte Wurst und Schinken nicht), und einen weiteren Beutel mit Mehrkornbrot heraus. Von Aldi – Julia liebte Aldi.

Ralph entnahm zwei Brotscheiben - das war wohl nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig – und steckte sie in den Toaster. Verpacktes Brot war ohne Toasten feucht und weich und ließ sich deshalb schlecht streichen.

Er holte aus dem Küchen-Oberschrank zwei Teller; den kleineren schob er unter die Schneidemaschine, griff sich das Stück Käse aus dem Beutel und legte es in die Maschine. Vorsichtig stellte er das Rundmesser auf die richte Stärke ein und bewegte den Schlitten hin und her, so dass die Käsescheiben auf den Teller fielen. Er hatte von der flachen zur breiten Seite geschnitten, so dass nun längliche Streifen auf dem Teller lagen. Er begann, die Rinde von den Streifen abzuschneiden, mit dem letzten Küchenmesser, das er noch in der Schublade gefunden hatte, ebenso wie das Speisemesser, das er zum Streichen des Brotes verwenden wollte,

Ralph hörte das Knacken des Toasters und sah, wie die Brotscheiben hochsprangen. Sie mussten noch ein wenig auskühlen.

Ralph fiel auf, dass er die Brotscheiben kaum nebeneinander auf dem großen Teller streichen konnte – dann wären sie durch die Wölbung des Tellers krumm geworden – und so griff er noch einmal in den geöffneten Hochschrank. Klappernd fielen ein paar Frühstücksbrettchen auf den Boden. Es gelang Ralph, das große Schneidbrett in der Luft zu fangen – gute Reaktion, so früh am Morgen, dachte er.

Die anderen Bretter hob er mühsam auf – er hatte einen leichten Hexenschuss – und schob sie zurück in den Schrank. Er legte die Brotscheiben – sie waren noch warm – auf das Brett und fing an, die Butter in feine Flocken zu schneiden, die sich leichter streichen ließen. Er verteilte sie auf die Brotscheiben – es reichte nicht. Das hatte er vermutet. Ralph fingerte die Alufolie von dem neuen Stück Butter und schnitt weitere Flocken, die er ebenfalls auf die Brotscheiben legte. Er versuchte, sie mit dem Speisemesser zu verstreichen. Es gelang ihm nicht so richtig, die Butter war noch zu hart, und einzelne Flocken glitschten zur Seite. Daneben wurde erkennbar, dass das warme Brot die Unterseite der Flocken geschmolzen hatte, das Brot glänzte fettig.

Ralph beschloss, den harten Butterflöckchen noch etwas Zeit zu Weichwerden zu geben. Am besten, er packte inzwischen die frische Butter in eine neue Butterdose. Aber er hatte keine komplette Dose mehr – die zweite war im Geschirrspüler – er fand nur ein Relikt, ein Unterteil aus Edelstrahl. Das transparente Oberteil (aus Plastik) war weg, wahrscheinlich von Julia weggeworfen.

Es musste auch so gehen, ohne Abdeckung, und so stellte er die Butter in die Kühlschranktür und die inzwischen leere zweite Dose in den Geschirrspüler.

Er versuchte erneut, die Butterflocken zu verstreichen. Diesmal klappte es, und er sorgte dafür, dass nirgendwo Butter fehlte, aber auch nicht zu dick aufgetragen war.

Nun verteilte er die Käsescheiben auf die zwei Brotschnitten – es passte fast, ein übrig gebliebenes Stück schon er sich noch in den Mund

Ihm fiel ein, dass sie erwähnt hatte, sie hätte gern etwas Frisches bei ihren Broten.

„Aber ohne Remoulade“, hatte sie auf seine Nachfrage gesagt. Er erinnerte sich daran, dass sie vorgestern eine Gurke gekauft hatten. Mochte sie Gurke mit oder ohne Schale? Ersteres erschien ihm wahrscheinlicher, sie war ein Freund des Naturbelassenen. So schnitt er die Gurke kurz vor einem Ende durch und teilte möglichst feine Scheiben ab. Sorgfältig brachte er sie auf die Käsebrote auf, so dass sie ganz bedeckt waren. Salz? Nein, Julia liebte nicht so viel Salz.

Nun legte er die zweite Schnitte auf die erste, vorsichtig, damit der Käse nicht herunterfiel, ein richtiges Butterbrot mit Käse lag jetzt vor ihm. Er überlegte, dass sich so eine Schnitte nicht gut essen ließ, wenn man abbeißen musste – besonders, weil dann die Gurkenscheiben durch den Druck der Zähne hinausglitschen konnten.

Deshalb zerteilte er die Schnitte vorsichtig – die Gurkenscheiben sollten ja drin bleiben und nicht hinausrutschen – in vier längliche Scheiben, die man mit der Schmalseite in den Mund führen konnte.

Allerdings: Diese Streifen würden so nicht zusammenhalten. Er musste sie einzeln einwickeln, am besten mit Alufolie, das gab den Stücken auch eine gewisse Festigkeit. Er schnitt und riss vier Streifen von einer Alurolle ab, gar nicht einfach – eine Hand hielt die Rolle, die andere zog an der Folie – aber mit welcher sollte er die Folie abschneiden oder teilen?

Schließlich hatte er alle vier Brotstreifen sorgfältig eingewickelt, und betrachtete sein Werk zufrieden. Jetzt mussten die Streifen nur noch zusammen transportfähig gemacht werden, Julia konnte sie ja so nicht in ihren Handtaschen-Rucksack stecken. Sollte er eine Plastiktüte nehmen?

Er fand im Schrank eine Plastikdose –mit etwas schlechtem Gewissen und dummem Gefühl, von wegen Plastik – in die die Brote genau hineinpassten, luftdicht verschlossen, geschützt vor Schlag, Stoss und Quetschung.

Ralph hasste gequetschte Stullen.

Damit sie sich besser tragen ließ, steckte er die Dose doch in eine Plastiktüte und hängte sie an den Griff der Haustür – sie sollte ja keinesfalls vergessen werden. Und er malte sich aus, wie sie sich über seinen Liebesdienst, seine kleine Mühe freuen würde - dass er ihr das Brot bereitet hatte, damit es ihr gut ginge, bei ihrer anstrengenden Arbeit im Büro.

Er setzte Wasser auf und mahlte den Kaffee in der elektrischen Kaffeemühle. Er würde den Kaffee erst später fertig aufgießen, damit er frisch war, in der gläsernen Bodum-Cafetiere –Julia mochte Kaffeemaschinen nicht, seine auch nicht - und dann würde er die Milch mit dem Rührstab aufschäumen und in die Mikrowelle stellen, damit der Schaum schön fest wurde. Er würde den Filter der Cafetiere nach unten drücken, den Kaffee in die großen bunten Milchkaffee-Tassen gießen, die er ihr geschenkt hatte, darauf dann die Milch und den Milchschaum, und zum Schluss würde er noch den Kakao auf den Schaum streuen. Wie jeden Morgen.

Sie hatte mal gesagt, er bereite den genialsten Milchkaffee. Darauf war er ein bisschen stolz.

Das Bad war jetzt frei. Er konnte sich jetzt fertig machen.

Als Ralph wieder herunter kam, funkelte sie ihn an.

„Warum hast Du die Brote zusammengeklappt?“ fragte sie ihn böse.

„Wieso? Ist das denn nicht richtig?“ fragte er zurück.

„Ich esse nie zusammengeklappte Brote!“ fuhr sie ihn an.

„Das wusste ich nicht. Jeder isst doch zusammengeklappte Butterbrote, oder?

„Hast Du mich schon mal zusammengeklappte Brote essen sehen?

„ Nein, aber Butterbrote für unterwegs auch nicht.“

„Und warum fragst Du dann nicht?“

„Ich wusste nicht, dass ich Dich fragen muss, ich dachte, Du wolltest nur ein Butterbrot fürs Büro haben, und glaubte, ich mache es richtig; ich habe mir viel Mühe gemacht.“

 „Typisch, dass Du mich nicht fragst, Du bestimmst einfach.“

Ihm blieb die Spucke weg.

“ Du kannst das Brot doch wieder aufklappen, das ist doch nur für den Transport, “ besänftigte er verzweifelt.

„Und dann die Gurkenscheiben. Habe ich gesagt, dass Du die Gurke in Scheiben auf den Käse legen solltest?“ setzte sie nach.

„Nein, aber so macht doch jeder normale Mensch ein Sandwich.“

„ Jetzt wirst Du auch noch beleidigend! Ich esse lieber Gurkenstücke! Keine Scheiben! Und wozu hast Du überhaupt zwei Scheiben Brot genommen!“

„Aber zwei Scheiben, das ist doch nicht viel, es ist ein langer Tag.“

„Eine Scheibe reicht mir völlig!“

„Aber Du brauchst doch nicht alles zu essen“, verteidigte er sich.

Es half nichts.

„Und im Übrigen - wieso nimmst Du Alufolie – das ist doch Umweltverschmutzung!

„Aber es sind doch nur vier Alu-Streifen, seit Jahren das erste Mal!“

„Und wozu die Plastikdose? Es reicht doch, wenn die Stücke einmal eingewickelt sind, ich hätte sie auch so in der Tüte mitnehmen können!“

Verdattert stand er da. Er sagte nichts mehr. Schweigend bereitete er den Kaffee.

Nach zwei Minuten sagte sie:

„Ich weiß, was mit Dir los ist. Du bist overprotective. So gehst Du auch mit mir um: Du wickelst mich ein und steckst mich in eine Dose.“

In eine Dose?

In einem letzten Aufbäumen antwortete er: „Weißt Du, was ich getan hätte, wenn Du mir so ein Brot gemacht hättest? Ich hätte es ohne ein böses Wort mitgenommen und gegessen.“

Er bekam keine Antwort.

Bei der gemeinsamen Fahrt ins Büro meinte sie plötzlich: „Sagst Du jetzt, dass es Dir Leid tut, das mit vorhin?“

Er überlegte – tat es ihm leid? Hatte er etwas Falsches getan?

„Sagst Du es jetzt?“ insistierte sie.

 Nein, Leid tun, das wollte er doch nicht sagen, aber vielleicht: bedauern…

“Ich bedauere es, das mit vorhin“ brachte er mühsam heraus.

„Wenn Du es bedauerst, dann bedauere ich es auch.“ sagte sie. Und lächelte zufrieden.

© Frank Becher 2004