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Das
Butterbrot.
Die
Butter war hart. Außerdem befand sich in der Butterdose nur noch ein
Rest. Butterdose … aus Plastik! Ralph fiel ein: Sie hasste Plastik.
Aber eine
Butterdose aus Glas, Porzellan oder Keramik würde nicht in das Fach der Kühlschranktür
passen, außerdem gab es keine, deren Form so genau auf ein Stück
Deutscher Markenbutter abgestimmt war. Na ja, Julia würde nicht
mitbekommen, dass er eine Plastikdose herausgeholt hatte, sie war ja noch
oben im Bad. Schon seit vierzig Minuten. Sie hatte ihn böse angefaucht,
als Ralph die Vermutung geäußert hatte, sie müsste doch langsam fertig
sein mit dem Schminken. Und so war er nach unten in die Küche gegangen,
er wollte ihr ein Butterbrot für das Büro bereiten, sie vertrug das
Kantinenessen mit Geschmacksverstärker – Nr. 3 – so schlecht,
Er öffnete
die Kühlschranktür erneut, und nahm ein noch verpacktes neues Stück
Butter, eine Packung mit Käse (der milde – Julia mochte Wurst und
Schinken nicht), und einen weiteren Beutel mit Mehrkornbrot heraus. Von
Aldi – Julia liebte Aldi.
Ralph
entnahm zwei Brotscheiben - das war wohl nicht zu viel, aber auch nicht zu
wenig – und steckte sie in den Toaster. Verpacktes Brot war ohne Toasten
feucht und weich und ließ sich deshalb schlecht streichen.
Er holte
aus dem Küchen-Oberschrank zwei Teller; den kleineren schob er unter die
Schneidemaschine, griff sich das Stück Käse aus dem Beutel und legte es
in die Maschine. Vorsichtig stellte er das Rundmesser auf die richte Stärke
ein und bewegte den Schlitten hin und her, so dass die Käsescheiben auf
den Teller fielen. Er hatte von der flachen zur breiten Seite geschnitten,
so dass nun längliche Streifen auf dem Teller lagen. Er begann, die Rinde
von den Streifen abzuschneiden, mit dem letzten Küchenmesser, das er noch
in der Schublade gefunden hatte, ebenso wie das Speisemesser, das er zum
Streichen des Brotes verwenden wollte,
Ralph hörte
das Knacken des Toasters und sah, wie die Brotscheiben hochsprangen. Sie
mussten noch ein wenig auskühlen.
Ralph
fiel auf, dass er die Brotscheiben kaum nebeneinander auf dem großen
Teller streichen konnte – dann wären sie durch die Wölbung des Tellers
krumm geworden – und so griff er noch einmal in den geöffneten
Hochschrank. Klappernd fielen ein paar Frühstücksbrettchen auf den
Boden. Es gelang Ralph, das große Schneidbrett in der Luft zu fangen –
gute Reaktion, so früh am Morgen, dachte er.
Die
anderen Bretter hob er mühsam auf – er hatte einen leichten Hexenschuss
– und schob sie zurück in den Schrank. Er legte die Brotscheiben –
sie waren noch warm – auf das Brett und fing an, die Butter in feine
Flocken zu schneiden, die sich leichter streichen ließen. Er verteilte
sie auf die Brotscheiben – es reichte nicht. Das hatte er vermutet.
Ralph fingerte die Alufolie von dem neuen Stück Butter und schnitt
weitere Flocken, die er ebenfalls auf die Brotscheiben legte. Er
versuchte, sie mit dem Speisemesser zu verstreichen. Es gelang ihm nicht
so richtig, die Butter war noch zu hart, und einzelne Flocken glitschten
zur Seite. Daneben wurde erkennbar, dass das warme Brot die Unterseite der
Flocken geschmolzen hatte, das Brot glänzte fettig.
Ralph
beschloss, den harten Butterflöckchen noch etwas Zeit zu Weichwerden zu
geben. Am besten, er packte inzwischen die frische Butter in eine neue
Butterdose. Aber er hatte keine komplette Dose mehr – die zweite war im
Geschirrspüler – er fand nur ein Relikt, ein Unterteil aus Edelstrahl.
Das transparente Oberteil (aus Plastik) war weg, wahrscheinlich von Julia
weggeworfen.
Es musste
auch so gehen, ohne Abdeckung, und so stellte er die Butter in die Kühlschranktür
und die inzwischen leere zweite Dose in den Geschirrspüler.
Er
versuchte erneut, die Butterflocken zu verstreichen. Diesmal klappte es,
und er sorgte dafür, dass nirgendwo Butter fehlte, aber auch nicht zu
dick aufgetragen war.
Nun
verteilte er die Käsescheiben auf die zwei Brotschnitten – es passte
fast, ein übrig gebliebenes Stück schon er sich noch in den Mund
Ihm fiel
ein, dass sie erwähnt hatte, sie hätte gern etwas Frisches bei ihren
Broten.
„Aber
ohne Remoulade“, hatte sie auf seine Nachfrage gesagt. Er erinnerte sich
daran, dass sie vorgestern eine Gurke gekauft hatten. Mochte sie Gurke mit
oder ohne Schale? Ersteres erschien ihm wahrscheinlicher, sie war ein
Freund des Naturbelassenen. So schnitt er die Gurke kurz vor einem Ende
durch und teilte möglichst feine Scheiben ab. Sorgfältig brachte er sie
auf die Käsebrote auf, so dass sie ganz bedeckt waren. Salz? Nein, Julia
liebte nicht so viel Salz.
Nun legte
er die zweite Schnitte auf die erste, vorsichtig, damit der Käse nicht
herunterfiel, ein richtiges Butterbrot mit Käse lag jetzt vor ihm. Er überlegte,
dass sich so eine Schnitte nicht gut essen ließ, wenn man abbeißen
musste – besonders, weil dann die Gurkenscheiben durch den Druck der Zähne
hinausglitschen konnten.
Deshalb
zerteilte er die Schnitte vorsichtig – die Gurkenscheiben sollten ja
drin bleiben und nicht hinausrutschen – in vier längliche Scheiben, die
man mit der Schmalseite in den Mund führen konnte.
Allerdings:
Diese Streifen würden so nicht zusammenhalten. Er musste sie einzeln
einwickeln, am besten mit Alufolie, das gab den Stücken auch eine gewisse
Festigkeit. Er schnitt und riss vier Streifen von einer Alurolle ab, gar
nicht einfach – eine Hand hielt die Rolle, die andere zog an der Folie
– aber mit welcher sollte er die Folie abschneiden oder teilen?
Schließlich
hatte er alle vier Brotstreifen sorgfältig eingewickelt, und betrachtete
sein Werk zufrieden. Jetzt mussten die Streifen nur noch zusammen
transportfähig gemacht werden, Julia konnte sie ja so nicht in ihren
Handtaschen-Rucksack stecken. Sollte er eine Plastiktüte nehmen?
Er fand
im Schrank eine Plastikdose –mit etwas schlechtem Gewissen und dummem
Gefühl, von wegen Plastik – in die die Brote genau hineinpassten,
luftdicht verschlossen, geschützt vor Schlag, Stoss und Quetschung.
Ralph
hasste gequetschte Stullen.
Damit sie
sich besser tragen ließ, steckte er die Dose doch in eine Plastiktüte
und hängte sie an den Griff der Haustür – sie sollte ja keinesfalls
vergessen werden. Und er malte sich aus, wie sie sich über seinen
Liebesdienst, seine kleine Mühe freuen würde - dass er ihr das Brot
bereitet hatte, damit es ihr gut ginge, bei ihrer anstrengenden Arbeit im
Büro.
Er setzte
Wasser auf und mahlte den Kaffee in der elektrischen Kaffeemühle. Er würde
den Kaffee erst später fertig aufgießen, damit er frisch war, in der gläsernen
Bodum-Cafetiere –Julia mochte Kaffeemaschinen nicht, seine auch nicht -
und dann würde er die Milch mit dem Rührstab aufschäumen und in die
Mikrowelle stellen, damit der Schaum schön fest wurde. Er würde den
Filter der Cafetiere nach unten drücken, den Kaffee in die großen bunten
Milchkaffee-Tassen gießen, die er ihr geschenkt hatte, darauf dann die
Milch und den Milchschaum, und zum Schluss würde er noch den Kakao auf
den Schaum streuen. Wie jeden Morgen.
Sie hatte
mal gesagt, er bereite den genialsten Milchkaffee. Darauf war er ein
bisschen stolz.
Das Bad
war jetzt frei. Er konnte sich jetzt fertig machen.
Als Ralph
wieder herunter kam, funkelte sie ihn an.
„Warum
hast Du die Brote zusammengeklappt?“ fragte sie ihn böse.
„Wieso?
Ist das denn nicht richtig?“ fragte er zurück.
„Ich
esse nie zusammengeklappte Brote!“ fuhr sie ihn an.
„Das
wusste ich nicht. Jeder isst doch zusammengeklappte Butterbrote, oder?
„Hast
Du mich schon mal zusammengeklappte Brote essen sehen?
„ Nein,
aber Butterbrote für unterwegs auch nicht.“
„Und
warum fragst Du dann nicht?“
„Ich
wusste nicht, dass ich Dich fragen muss, ich dachte, Du wolltest nur ein
Butterbrot fürs Büro haben, und glaubte, ich mache es richtig; ich habe
mir viel Mühe gemacht.“
„Typisch,
dass Du mich nicht fragst, Du bestimmst einfach.“
Ihm blieb
die Spucke weg.
“ Du
kannst das Brot doch wieder aufklappen, das ist doch nur für den
Transport, “ besänftigte er verzweifelt.
„Und
dann die Gurkenscheiben. Habe ich gesagt, dass Du die Gurke in Scheiben
auf den Käse legen solltest?“ setzte sie nach.
„Nein,
aber so macht doch jeder normale Mensch ein Sandwich.“
„ Jetzt
wirst Du auch noch beleidigend! Ich esse lieber Gurkenstücke! Keine
Scheiben! Und wozu hast Du überhaupt zwei Scheiben Brot genommen!“
„Aber
zwei Scheiben, das ist doch nicht viel, es ist ein langer Tag.“
„Eine
Scheibe reicht mir völlig!“
„Aber
Du brauchst doch nicht alles zu essen“, verteidigte er sich.
Es half
nichts.
„Und im
Übrigen - wieso nimmst Du Alufolie – das ist doch Umweltverschmutzung!
„Aber
es sind doch nur vier Alu-Streifen, seit Jahren das erste Mal!“
„Und
wozu die Plastikdose? Es reicht doch, wenn die Stücke einmal eingewickelt
sind, ich hätte sie auch so in der Tüte mitnehmen können!“
Verdattert
stand er da. Er sagte nichts mehr. Schweigend bereitete er den Kaffee.
Nach zwei
Minuten sagte sie:
„Ich
weiß, was mit Dir los ist. Du bist overprotective. So gehst Du auch mit
mir um: Du wickelst mich ein und steckst mich in eine Dose.“
In eine
Dose?
In einem
letzten Aufbäumen antwortete er: „Weißt Du, was ich getan hätte, wenn
Du mir so ein Brot gemacht hättest? Ich hätte es ohne ein böses Wort
mitgenommen und gegessen.“
Er bekam
keine Antwort.
Bei der
gemeinsamen Fahrt ins Büro meinte sie plötzlich: „Sagst Du jetzt, dass
es Dir Leid tut, das mit vorhin?“
Er überlegte
– tat es ihm leid? Hatte er etwas Falsches getan?
„Sagst
Du es jetzt?“ insistierte sie.
Nein,
Leid tun, das wollte er doch nicht sagen, aber vielleicht: bedauern…
“Ich
bedauere es, das mit vorhin“ brachte er mühsam heraus.
„Wenn
Du es bedauerst, dann bedauere ich es auch.“ sagte sie. Und lächelte
zufrieden.
©
Frank
Becher 2004
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