Das Mädchenhaus -
Fortsetzung I
Bei der nächsten Gelegenheit sprach
ich Rebecca darauf an.
„Wir wollen uns ein Haus kaufen, und
hundert Mark haben wir schon gespart.“
„Wozu braucht ihr denn ein Haus?“
„Na, zum Spielen, so ein
Gewächshaus!“
„ Aber ist nicht ein Gartenhaus viel
praktischer? Es geht nicht so leicht kaputt, und es wird auch nicht so heiss
drinnen, wenn die Sonne scheint.“
„ Ja, das ist uns eigentlich egal,
wir hätten nur gern ein Haus.“
„Und wo wollt ihr es aufstellen?“
„Darüber haben wir noch nicht
nachgedacht.“
Es vergingen wenige Tage, da rief
Julia an.
„Rebecca möchte dich was fragen“,
sagte sie.
„Nur zu, “ meinte ich, „lass sie
mal ans Telefon.“
„Ja, aber sie traut sich nicht.“
„Kein Problem, sie kann ruhig mit
mir sprechen.“
Nach ein paar Sekunden Getuschel war
Rebecca am Telefon.
„Ralf“, sagte sie. „Kann ich
dich was fragen?“
„Aber klar, frag nur.“
„Können wir unser Haus in Deinem
Garten aufstellen?“
Mein Gott, so ein Monstrum in meinem
Garten - aber nun ja, wenn zarte Mädchenstimmen einen Herzenswunsch haben -
„Pass mal auf, “ sagte ich, „wir
reden darüber, wenn Du wieder mal bei mir bist, vielleicht findet sich eine
Lösung.“
Julia meinte, ich könnte doch die
Fläche nehmen, hinten am Zaun neben meinem eigenen Gartenhaus, die sie
eigentlich für ihr Beet haben wollte.
In der Nacht schlief ich etwas
unruhig. Mein ganzer Garten war im Traum voller Gartenhäuser, und es war
gar kein Platz mehr für Bäume, die paar Blumen und Pflanzen, vom Rasen
ganz zu schweigen. Auch mein geliebter Springbrunnen sah wie ein Gartenhaus
aus. Alles schön und gut, und ich freue mich, wenn kleine Mädchen im
Garten spielen. Aber was ist, wenn sie älter werden? Wie gross ist das
Interesse von Teenagern an Gartenhäusern? Will you still need me? Wer
kümmert sich dann um das zweite Gartenhaus, wenn sie 15 oder 20 Jahre sind
- wer entsorgt es, und wie, wenn es nicht mehr gebraucht wird?
Und dann kam die Erleuchtung.
Ich rief Rebecca an und fragte: „Wie
wäre es, wenn wir mein Gartenhaus ausräumen, in der Garage ist noch Platz
für die Geräte, und ihr könnt es euch einrichten und spielen so viel Ihr
wollt, und ihr könnt auch Euer Geld sparen“.
Es verging ein kurzer Augenblick, dann
meinte Rebecca:
„Das ist nicht schlecht, ich spreche
mit meiner Freundin, und wir kommen mal und sagen dir Bescheid.“
Ein paar Tage später klingelten sie,
und das Gartenhaus wurde besichtigt und fand ihre Billigung. Ein erwachsener
Mann kann darin zwar nicht drin stehen, aber für zwei Mädchen, eine 130
cm, die andere 145 cm war es o. K. Auf jeden Fall machten sie schon mal -
zwischen den Geräten - eine Liegeprobe, und auch dafür war Platz genug.
„Wann wollen wir denn dann mal die
Geräte in die Garage schaffen - Ihr helft mir doch dabei, nicht wahr?“
Und in der Tat, nach wieder ein paar
Tagen kamen sie, und wir trugen die Spaten, Schaufeln, Harken, Rechen, die
Sense - das habe ich lieber selbst gemacht - und manches andere um das Haus
herum durch den schmalen Gartenweg in die Garage. Den Häcksler und den
Rasenmäher luden wir auf die Schubkarre, und gemeinsam schoben wir sie
über einige Absätze und Treppenstufen, wobei ich die Karre nahm und die
Mädchen das Gerät festhielten, alles ganz vorsichtig, damit nichts
passierte. Nach einer guten Stunde war das Gartenhaus leer, und die beiden
baten um einen Besen, um auszufegen.
„Wir wollen es noch anstreichen und
auch noch Teppichboden reinlegen“ sagten sie.
Anstreichen? In den folgenden Tagen
informierte ich mich im Baumarkt über einen zweckmässigen Anstrich - auf
Holz - der kräftige Farben haben und möglichst schadstofffrei und gut
haftend sein sollte, ganz besonders sollte er keine giftigen Lösungsmittel
ausdünsten. Das war gar nicht so einfach.
Und es war überflüssig.
Als ich an einem der nächsten
Sonnen-Nachmittage von der Arbeit kam, sah ich die beiden Mädchen und Julia
vergnügt am Gartenhaus sitzen - und alle hatten sie rote Farbe auf den
gottseidank alten Kleidern, den Händen und etwas auch im Gesicht. Sie
hatten natürlich Acrylfarbe genommen, mit besonders giftigem
Lösungsmittel. Eine Wand, die mit dem kleinen Fenster, war ochsenblutfarbig
gestrichen wie der Sitzungssaal im Amtsgericht Herzberg, wo ich meine erste
Referendarstation gemacht habe, und stank ganz fürchterlich. Auf dem
Holzfussboden lag ein alter Teppichboden, ein alter Sessel stand da, und die
Stirnwand war mit einem blassen Weiß gestrichen, darauf grosse schwarze
unregelmässige Flecken mit Rundungen und Einbuchtungen.
„Was ist denn das“? fragte ich.
„Das sind Kuhflecken“, sagten die
beiden stolz.
„Was sind Kuhflecken?“
„Nun, die schwarzen Flecken auf den
Kühen!“ belehrte man mich mit nachsichtigem Unterton.
Ausserdem war ein Bild einer
Löwenmutter mit neun Jungen - wohl aus einer Zeitschrift - mit Reisszwecken
befestigt, und ein Bild von zwei Delphinen, unter Wasser.
Rechts aber prangte ein grosses Poster
von Lara Croft, und ich erinnerte mich, dass sich die beiden den Film mit
ihrem schmalen Taschengeld dreimal angeschaut hatten.
„Ihr seht ja lustig aus“, sagte
ich.
„Ja, das ist nur etwas Farbe - sie
geht aber nicht ab mit Wasser.“
„Kein Problem“, sagte ich stolz,
„ich habe Nitroverdünnung im Haus.“
Ich holte die Dose, und Hautcreme, und
einige Lappen. Und so wischte ich vorsichtig mit dem über den Finger
gestülpten Lappen und etwas Lösungsmittel über die zarten Mädchenwangen,
bis fast alle Farbe weg war - der Rest musste mit Waschen abgehen, und mit
etwas mehr Lösungsmittel wurden die Hände abgewischt und dann gleich gut
abgespült und eingecremt.
Damit war alles in Ordnung, Nach einer
Weile schlossen wir das Gartenhaus ab, sie durften das selbst machen, zur
Probe, und wir vereinbarten, wo wir den Schlüssel verstecken wollten, damit
sie jederzeit in ihr Haus konnten; die Kombination vom Vorhängeschloss am
Gartentor kannten sie ja.
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zu Teil 3
© Frank Becher 2003