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Alle Rechte vorbehalten © All rights reserved by Klaus-Dieter Regenbrecht 1998 - 20
11

 

Das gemeinsame Projekt
der Schreibwerkstatt "Kreatives Schreiben"
(VHS Koblenz, Herbst 2002),
Kursleitung und Internet-Realisation:
Klaus-Dieter Regenbrecht

Anthologie 2, Beitrag von Frank Becher

Das Mädchenhaus - Schluss

Nach einer Woche – es stank nicht mehr so im Gartenhaus nach Farbe, wie ich festgestellt hatte – rief Rebecca an.

„Ralf“, sagte sie – Pause.

„Ja bitte?“

„Ra - alf“, das A langgedehnt, mit einem Halbton-Tremolo – „dürfen wir in dem Gartenhaus übernachten? Wir haben doch Ferien!!“

„Ja, warum nicht...“ - blitzschnell ging mir durch den Kopf – waren sie denn sicher? Aber nein, hier sah sie keiner, und wir leben in einer ruhigen Gegend.

„Wann wollt Ihr denn kommen?“

„Wir haben uns überlegt, vielleicht morgen, das Wetter ist ja so schön.“

„Na gut, aber denkt daran, das es nachts ganz schön kalt ist, und nehmt genug Decken und Pullover mit.“

Am Freitag kamen sie dann, und brachten die kleine Hannah mit, die achtjährige Schwester von Laura, die ganz besonders mit ihren blauen Augen strahlte, weil sie dabei sein durfte.

Und im Gefolge waren auch alle weiblichen Sorgeberechtigten mit Matratzen, einem Stuhl und Decken. Später stiess auch der Vater von Laura und Hannah dazu, und alle begutachteten die Lagerstätten. Rebecca fragte, ob sie denn Strom haben könnten, für den CD-Player und den Puppenherd, und so nahm ich die Kabeltrommel, verlegte das Kabel zum Haus, nach den kundigen Anweisungen von Rebecca, und schloss es an.

„Ich zeige Euch noch eben, wie ihr nachts aufs Klo könnt, wenn es nötig ist, und lasse am Haus da Licht brennen.“

Glücklicherweise stand die Einliegerwohnung leer, und über die Gartentüre konnte sie dort hinein – und auch zu meiner Wohnung, wenn irgendwas war.

„Meldet euch, wenn ihr irgendwas braucht, ich bin dann gleich bei Euch“

 „Ja, wir können das schon, Du brauchst Dich nicht um uns zu kümmern.“

„Braucht ihr noch was zu trinken?“

 „Nein, wir haben auch Limo dabei.“

Und so entfernten sich die Erwachsenen, und ich auch ging in Haus. Ab und zu schaute ich durchs Fenster, ob alles in Ordnung war. Die Dämmerung kam, und ich hörte die leise Musik und Mädchengespräche. Als ich später zu Bett ging, drang durchs offene Fenster aus dem Garten leises Gegicker und Getuschel hinüber, und ich schlief beruhigt ein.

Um halb drei Uhr nachts – ich lag in tiefem Schlummer - klingelte es Sturm.

Ich schoss aus dem Bett und raste die Treppe hinunter. Mein Gott, war etwas passiert – Verletzung, Krankheit, Überfall?

Ich riss die Wohnungstür auf, und da standen sie alle drei, vorn Hannah, dahinter Rebecca und Lara, in ihren bunten Schlafanzügen und schauten mich mit aufgerissenen Augen an. „Ist was passiert?“ fragte ich aufgeregt. „Es ist da so unheimlich!“ rief Rebecca, „Da sind Tiere, das raschelt so, und da sind auch Spinnen, igitt.“

„Hm“, meinte ich, und mir fiel ein Stein vom Herzen, „das ist nichts besonderes, es ist nun mal kein richtiges Haus, und ein paar Ritzen sind immer da, durch das die Spinnen kriechen können. Deshalb braucht ihr aber keine Angst zu haben, auch wenn da ein paar Mäuse oder Siebenschläfer rumlaufen, das ist normal, und die sind harmlos.“

„Aber wir fürchten uns doch so!“ jammerten sie. Wenn sich kleine Mädchen fürchten, gibt es kein Argument mehr.

„Ja, und was nun? Soll ich Eure Eltern anrufen, dass sie euch abholen, oder soll ich Euch hinfahren?“

Sie zuckten unschlüssig mit den Achseln.

„Es gibt noch eine andere Möglichkeit“, sagte ich. „Ihr könnt in meinem Gästezimmer im Keller neben dem Schwimmbad übernachten – das ist sauber, da sind keine Spinnen, und das Sofa kann ich in ein Doppelbett verwandeln, das müsse für Euch reichen.“

 “Dürfen wir das mal sehen?“ fragte Laura.

Und so gingen wir die Kellertreppe hinunter, ich klappte das Bett aus, und holte die Decken und Kissen.

 „Ja, da gefällt uns,“ sagte Laura mit tiefem Seufzer der Erleichterung.

Wir zogen noch mal im Geleitzug zum Gartenhaus, holten noch ein paar Decken und die Limo. Sie huschten in das Bett, die kleine Hannah in der Mitte, und zogen die Bettdecke hoch. Ich zeigte ihnen, wo sie das Licht an- und ausmachen konnten, und verlies das Zimmer, liess aber die Türe angelehnt, falls doch etwas passieren sollte.

Am nächsten Morgen musste ich früh aufstehen; ich rief Julia an, dass sie die Kinder später abholen konnte.

Bevor ich zur Arbeit fuhr, schaute ich noch mal nach ihnen, Sie schliefen alle drei ganz fest und sahen so aus, wie kleine Mädchen aussehen, wenn sie glücklich und fest schlafen. Sie sind dann auch, wie ich später erfuhr, erst ganz spät aufgestanden, und waren lange fort, als ich zurückkam.

Das alles ist viele Monate her, und wie es so geht, hat eine Trennung eine andere nach sich gezogen, und ich habe Rebecca und die anderen schon lange nicht mehr gesehen. Sie sind jetzt auch schon dreizehn und vierzehn, und da interessieren sich Mädchen nicht mehr so für innen bunt bemalte Gartenhäuser.

Mein Gartenhaus dient wieder als Aufbewahrungsort für die Geräte, aber wenn ich den Rasenmäher heraushole - bald ist es wieder so weit, der Frühling kommt - sehe ich die Bemalung. die Bilder und den Puppenherd auf dem Regal, und merke, wie sich ein wehmütiges Lächeln auf meine Lippen legt.

© Frank Becher 2003