Das Mädchenhaus -
Schluss
Nach einer Woche – es stank nicht mehr so
im Gartenhaus nach Farbe, wie ich festgestellt hatte – rief Rebecca an.
„Ralf“, sagte sie – Pause.
„Ja bitte?“
„Ra - alf“, das A langgedehnt, mit einem
Halbton-Tremolo – „dürfen wir in dem Gartenhaus übernachten? Wir haben
doch Ferien!!“
„Ja, warum nicht...“ - blitzschnell ging
mir durch den Kopf – waren sie denn sicher? Aber nein, hier sah sie
keiner, und wir leben in einer ruhigen Gegend.
„Wann wollt Ihr denn kommen?“
„Wir haben uns überlegt, vielleicht
morgen, das Wetter ist ja so schön.“
„Na gut, aber denkt daran, das es nachts
ganz schön kalt ist, und nehmt genug Decken und Pullover mit.“
Am Freitag kamen sie dann, und brachten die
kleine Hannah mit, die achtjährige Schwester von Laura, die ganz besonders
mit ihren blauen Augen strahlte, weil sie dabei sein durfte.
Und im Gefolge waren auch alle weiblichen
Sorgeberechtigten mit Matratzen, einem Stuhl und Decken. Später stiess auch
der Vater von Laura und Hannah dazu, und alle begutachteten die Lagerstätten.
Rebecca fragte, ob sie denn Strom haben könnten, für den CD-Player und den
Puppenherd, und so nahm ich die Kabeltrommel, verlegte das Kabel zum Haus,
nach den kundigen Anweisungen von Rebecca, und schloss es an.
„Ich zeige Euch noch eben, wie ihr nachts
aufs Klo könnt, wenn es nötig ist, und lasse am Haus da Licht brennen.“
Glücklicherweise stand die Einliegerwohnung
leer, und über die Gartentüre konnte sie dort hinein – und auch zu
meiner Wohnung, wenn irgendwas war.
„Meldet euch, wenn ihr irgendwas braucht,
ich bin dann gleich bei Euch“
„Ja, wir können das schon, Du brauchst Dich nicht um uns zu
kümmern.“
„Braucht ihr noch was zu trinken?“
„Nein, wir haben auch Limo dabei.“
Und so entfernten sich die Erwachsenen, und
ich auch ging in Haus. Ab und zu schaute ich durchs Fenster, ob alles in
Ordnung war. Die Dämmerung kam, und ich hörte die leise Musik und Mädchengespräche.
Als ich später zu Bett ging, drang durchs offene Fenster aus dem Garten
leises Gegicker und Getuschel hinüber, und ich schlief beruhigt ein.
Um halb drei Uhr nachts – ich lag in
tiefem Schlummer - klingelte es Sturm.
Ich schoss aus dem Bett und raste die Treppe
hinunter. Mein Gott, war etwas passiert – Verletzung, Krankheit, Überfall?
Ich riss die Wohnungstür auf, und da
standen sie alle drei, vorn Hannah, dahinter Rebecca und Lara, in ihren
bunten Schlafanzügen und schauten mich mit aufgerissenen Augen an. „Ist
was passiert?“ fragte ich aufgeregt. „Es ist da so unheimlich!“ rief
Rebecca, „Da sind Tiere, das raschelt so, und da sind auch Spinnen,
igitt.“
„Hm“, meinte ich, und mir fiel ein Stein
vom Herzen, „das ist nichts besonderes, es ist nun mal kein richtiges
Haus, und ein paar Ritzen sind immer da, durch das die Spinnen kriechen können.
Deshalb braucht ihr aber keine Angst zu haben, auch wenn da ein paar Mäuse
oder Siebenschläfer rumlaufen, das ist normal, und die sind harmlos.“
„Aber wir fürchten uns doch so!“
jammerten sie. Wenn sich kleine Mädchen fürchten, gibt es kein Argument
mehr.
„Ja, und was nun? Soll ich Eure Eltern
anrufen, dass sie euch abholen, oder soll ich Euch hinfahren?“
Sie zuckten unschlüssig mit den Achseln.
„Es gibt noch eine andere Möglichkeit“,
sagte ich. „Ihr könnt in meinem Gästezimmer im Keller neben dem
Schwimmbad übernachten – das ist sauber, da sind keine Spinnen, und das
Sofa kann ich in ein Doppelbett verwandeln, das müsse für Euch reichen.“
“Dürfen wir das mal sehen?“ fragte Laura.
Und so gingen wir die Kellertreppe hinunter,
ich klappte das Bett aus, und holte die Decken und Kissen.
„Ja, da gefällt uns,“ sagte Laura mit tiefem Seufzer der
Erleichterung.
Wir zogen noch mal im Geleitzug zum
Gartenhaus, holten noch ein paar Decken und die Limo. Sie huschten in das
Bett, die kleine Hannah in der Mitte, und zogen die Bettdecke hoch. Ich
zeigte ihnen, wo sie das Licht an- und ausmachen konnten, und verlies das
Zimmer, liess aber die Türe angelehnt, falls doch etwas passieren sollte.
Am nächsten Morgen musste ich früh
aufstehen; ich rief Julia an, dass sie die Kinder später abholen konnte.
Bevor ich zur Arbeit fuhr, schaute ich noch
mal nach ihnen, Sie schliefen alle drei ganz fest und sahen so aus, wie
kleine Mädchen aussehen, wenn sie glücklich und fest schlafen. Sie sind
dann auch, wie ich später erfuhr, erst ganz spät aufgestanden, und waren
lange fort, als ich zurückkam.
Das alles ist viele Monate her, und wie es
so geht, hat eine Trennung eine andere nach sich gezogen, und ich habe
Rebecca und die anderen schon lange nicht mehr gesehen. Sie sind jetzt auch
schon dreizehn und vierzehn, und da interessieren sich Mädchen nicht mehr
so für innen bunt bemalte Gartenhäuser.
Mein
Gartenhaus dient wieder als Aufbewahrungsort für die Geräte, aber wenn ich
den Rasenmäher heraushole - bald ist es wieder so weit, der Frühling kommt
- sehe ich die Bemalung. die Bilder und den Puppenherd auf dem Regal, und
merke, wie sich ein wehmütiges Lächeln
auf meine Lippen legt.
© Frank Becher 2003