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Alle Rechte vorbehalten © All rights reserved by Klaus-Dieter Regenbrecht 1998 - 20
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Das gemeinsame Projekt
der Schreibwerkstatt "Kreatives Schreiben"
(VHS Koblenz, Herbst 2003),
Kursleitung und Internet-Realisation:
Klaus-Dieter Regenbrecht

Anthologie 3, Beitrag von Hilde Engels

Wendezeit 

Herr Z. der Änderungsschneider besaß ein schmales Ladenlokal gleich um die Ecke. Der niedrige Raum war stets verraucht und in der Kleidung hing ein kräftiger Tabakgeruch. Dies störte seine Kunden nicht, denn sie ließen sich gerne von ihm beraten. Oft kamen sie in gedrückter Stimmung, unsicher ihre Wünsche vortragend. Er änderte ihre neuen Kleider, die nicht passten und ihre alten, die wieder passen sollten. Wenn er von seiner Nähmaschine aufschaute, begannen sie vertrauensvoll zu lächeln.

Herr Z. liebte die Menschen und war ein sensibler Beobachter .Niemals erwähnte er ihre Figurprobleme .Seine Kunden wollten sich verändern und er half ihnen dabei .Und er wusste, der Stoff, der sie umgab war ihre Äußerlichkeit. Er nahm Maß und probierte, bis es für jeden tragbar war. Wenn sie sich bei der Anprobe vor den Spiegel stellten waren sie wie verwandelt. Diese Momente machten Herrn Z. sehr glücklich.

Herr Z. hatte neben sich ein kleines schwarzes Buch mit einem geflochtenen Lesezeichen aus bunter Seide liegen. Hier trug er ein, was ihn bewegte, Seine Gedanken waren wie die Fäden, die er vernähte und er wollte weiter spinnen, um sie nicht zu verlieren. Dazu nahm er sich Zeit.

Er schrieb Worte, die nur ihm gehörten, die morgen schon blass sein konnten wie das verwaschene Kleid, das niemand mehr abholte.

Als es keine leeren Seiten mehr in seinem Büchlein gab, ahnte Herr Z. dass das Schreiben ihn verändert hatte. In der Morgendämmerung kam ihm der Gedanke, heute sein Geschäft nicht zu öffnen. Als der Tag sich aufrollte dachte er nach. Die Erde dreht sich während ich arbeite. Meine Haare wachsen, meine Zellen erneuern sich, alte sterben ab. Ich bin nicht derselbe wie vor einer Stunde, Minute, Sekunde.

Mit jedem seiner Atemzüge kamen neue Gedankenströme wie die Wolken, die an seinem Fenster vorbeizogen. Er wünschte sich nur noch zu schreiben und seine Ideen zu Papier zu bringen, die ganz Besitz von ihm ergriffen hatten .Er schrieb alles auf  und vergaß darüber seine Schneiderarbeit.

Nach einiger Zeit spürte er, dass die Menschen ihm fehlten, die ihm das gaben worüber er schreiben konnte Er vermisste ihre Eitelkeit, ihre Mitteilsamkeit und auch ihr Lächeln.

Herr Z. kaufte sich ein neues kleines  schwarzes Buch legte sein geflochtenes Lesezeichen aus bunter Seide hinein und änderte die Kleidung der Menschen.

 

Renates  Hemmschuh

Sie standen zwischen den anderen Schuhpaaren – schwarz, glanzlos und hochgeschlossen. Renate fand sie praktisch. Sie gaben ihr einen guten Halt und wenn es hätte sein müssen, Schutz vor Schlangenbiss Noch nie war sie damit ausgerutscht oder gestolpert. Sie trug dieses Paar, wenn beschwerliche Wege vor ihr lagen oder an Tagen, an denen sie sicher gehen wollte.

Die Schuhe machten Renates Beine hässlich und plump, verdeckten ihre schlanken Knöchel. Auch jetzt hatte sie sie mitgenommen, in den Sommerurlaub am Meer.

Heute ging sie wieder durch die Dünen zum Strand. Der Tag war sehr warm und ihre Füße brannten Keiner, dem sie begegnete trug Schuhe. Sie krempelte ihre Hosenbeine hoch und zog die Schuhe aus und stellte sie ordentlich nebeneinander da, wo der Sand schon feucht war. Ebenso ordentlich legte sie ihre Strümpfe hinein. Sie betrachtete ihre weißen Füße und ging ins Wasser. Die Flut hatte begonnen. Sie schaute zurück und sah ihr Schuhpaar wie zwei dunkle Boote dastehen. Renate nahm sie in die Hand. Sie wogen schwer. Nur ein paar Schritte und sie war wieder in der Brandung. Da ließ sie die Schuhe langsam ins Wasser gleiten. Mit der nächsten Welle wurden sie fortgespült. Noch einmal wippten sie auf einem Wellenkamm und versanken.

Eine Möwe kreiste neugierig darüber. Renate ohne Schuhe. Der Wind zerrte an ihren Haaren und sie fühlte sich so leicht, als könne er sie davontragen. Sie ging weiter durch den Salzschaum, spürte die kleinen Muscheln und den Seetang. Der Sand klebte an ihren Füßen und wurde rau und trocken. Sie ließ es zu. Rückwärts schauend sah sie ihren Fußspuren nach, verließ sie, tanzte und drehte sich. Nichts war mehr zwischen ihrer Sohle und dem Boden. Sie lief vom Strand zurück in den Garten durch das Gras, wo sie das Kitzeln der Halme spürte. Atemlos ließ sie sich auf den Gartenstuhl fallen, dessen kalte Eisenstäbe sie mit den Zehen umklammerte. Renate lächelte, es war schön so. Jeden Tag wurden ihre Füße brauner. Die Nägel färbte sie mit leuchtendem Lack. Selbst an Regentagen machte sie lange Wanderungen am Strand. Sie blieb barfuß. Erst als das Wetter schlechter wurde, kaufte sie sich weiche biegsame Schuhe aus rotem Leder.

Ihr Gang blieb leichtfüßig, auch als sie wieder zu Hause war. Sie fuhr nicht mehr mit dem Aufzug, lief die Stufen zu ihrer Wohnung hinauf. Herr Breuer aus dem dritten Stock schaute erstaunt:“ So flott habe ich Sie aber noch nie gesehen. Waren Sie verreist ?“ „ Ja, sagte lachend Renate, „ich war am Meer und habe Schiffe versenkt“ und ließ Herrn Breuer kopfschüttelnd stehen.

© Hilde Engels 2004