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Wendezeit
Herr Z.
der Änderungsschneider besaß ein schmales Ladenlokal gleich um die Ecke.
Der niedrige Raum war stets verraucht und in der Kleidung hing ein kräftiger
Tabakgeruch. Dies störte seine Kunden nicht, denn sie ließen sich gerne
von ihm beraten. Oft kamen sie in gedrückter Stimmung, unsicher ihre Wünsche
vortragend. Er änderte ihre neuen Kleider, die nicht passten und ihre
alten, die wieder passen sollten. Wenn er von seiner Nähmaschine
aufschaute, begannen sie vertrauensvoll zu lächeln.
Herr Z.
liebte die Menschen und war ein sensibler Beobachter .Niemals erwähnte er
ihre Figurprobleme .Seine Kunden wollten sich verändern und er half ihnen
dabei .Und er wusste, der Stoff, der sie umgab war ihre Äußerlichkeit.
Er nahm Maß und probierte, bis es für jeden tragbar war. Wenn sie sich
bei der Anprobe vor den Spiegel stellten waren sie wie verwandelt. Diese
Momente machten Herrn Z. sehr glücklich.
Herr Z.
hatte neben sich ein kleines schwarzes Buch mit einem geflochtenen
Lesezeichen aus bunter Seide liegen. Hier trug er ein, was ihn bewegte,
Seine Gedanken waren wie die Fäden, die er vernähte und er wollte weiter
spinnen, um sie nicht zu verlieren. Dazu nahm er sich Zeit.
Er
schrieb Worte, die nur ihm gehörten, die morgen schon blass sein konnten
wie das verwaschene Kleid, das niemand mehr abholte.
Als es
keine leeren Seiten mehr in seinem Büchlein gab, ahnte Herr Z. dass das
Schreiben ihn verändert hatte. In der Morgendämmerung kam ihm der
Gedanke, heute sein Geschäft nicht zu öffnen. Als der Tag sich aufrollte
dachte er nach. Die Erde dreht sich während ich arbeite. Meine Haare
wachsen, meine Zellen erneuern sich, alte sterben ab. Ich bin nicht
derselbe wie vor einer Stunde, Minute, Sekunde.
Mit jedem
seiner Atemzüge kamen neue Gedankenströme wie die Wolken, die an seinem
Fenster vorbeizogen. Er wünschte sich nur noch zu schreiben und seine
Ideen zu Papier zu bringen, die ganz Besitz von ihm ergriffen hatten .Er
schrieb alles auf und vergaß
darüber seine Schneiderarbeit.
Nach
einiger Zeit spürte er, dass die Menschen ihm fehlten, die ihm das gaben
worüber er schreiben konnte Er vermisste ihre Eitelkeit, ihre
Mitteilsamkeit und auch ihr Lächeln.
Herr Z.
kaufte sich ein neues kleines schwarzes
Buch legte sein geflochtenes Lesezeichen aus bunter Seide hinein und änderte
die Kleidung der Menschen.
Renates
Hemmschuh
Sie
standen zwischen den anderen Schuhpaaren – schwarz, glanzlos und
hochgeschlossen. Renate fand sie praktisch. Sie gaben ihr einen guten Halt
und wenn es hätte sein müssen, Schutz vor Schlangenbiss Noch nie war sie
damit ausgerutscht oder gestolpert. Sie trug dieses Paar, wenn
beschwerliche Wege vor ihr lagen oder an Tagen, an denen sie sicher gehen
wollte.
Die
Schuhe machten Renates Beine hässlich und plump, verdeckten ihre
schlanken Knöchel. Auch jetzt hatte sie sie mitgenommen, in den
Sommerurlaub am Meer.
Heute
ging sie wieder durch die Dünen zum Strand. Der Tag war sehr warm und
ihre Füße brannten Keiner, dem sie begegnete trug Schuhe. Sie krempelte
ihre Hosenbeine hoch und zog die Schuhe aus und stellte sie ordentlich
nebeneinander da, wo der Sand schon feucht war. Ebenso ordentlich legte
sie ihre Strümpfe hinein. Sie betrachtete ihre weißen Füße und ging
ins Wasser. Die Flut hatte begonnen. Sie schaute zurück und sah ihr
Schuhpaar wie zwei dunkle Boote dastehen. Renate nahm sie in die Hand. Sie
wogen schwer. Nur ein paar Schritte und sie war wieder in der Brandung. Da
ließ sie die Schuhe langsam ins Wasser gleiten. Mit der nächsten Welle
wurden sie fortgespült. Noch einmal wippten sie auf einem Wellenkamm und
versanken.
Eine Möwe
kreiste neugierig darüber. Renate ohne Schuhe. Der Wind zerrte an ihren
Haaren und sie fühlte sich so leicht, als könne er sie davontragen. Sie
ging weiter durch den Salzschaum, spürte die kleinen Muscheln und den
Seetang. Der Sand klebte an ihren Füßen und wurde rau und trocken. Sie
ließ es zu. Rückwärts schauend sah sie ihren Fußspuren nach, verließ
sie, tanzte und drehte sich. Nichts war mehr zwischen ihrer Sohle und dem
Boden. Sie lief vom Strand zurück in den Garten durch das Gras, wo sie
das Kitzeln der Halme spürte. Atemlos ließ sie sich auf den Gartenstuhl
fallen, dessen kalte Eisenstäbe sie mit den Zehen umklammerte. Renate lächelte,
es war schön so. Jeden Tag wurden ihre Füße brauner. Die Nägel färbte
sie mit leuchtendem Lack. Selbst an Regentagen machte sie lange
Wanderungen am Strand. Sie blieb barfuß. Erst als das Wetter schlechter
wurde, kaufte sie sich weiche biegsame Schuhe aus rotem Leder.
Ihr Gang
blieb leichtfüßig, auch als sie wieder zu Hause war. Sie fuhr nicht mehr
mit dem Aufzug, lief die Stufen zu ihrer Wohnung hinauf. Herr Breuer aus
dem dritten Stock schaute erstaunt:“ So flott habe ich Sie aber noch nie
gesehen. Waren Sie verreist ?“ „ Ja, sagte lachend Renate, „ich war
am Meer und habe Schiffe versenkt“ und ließ Herrn Breuer kopfschüttelnd
stehen.
© Hilde
Engels 2004
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