Fundsache
denn ich muss gestehen, schon
einiges in meinem Leben verloren zu haben. Allerdings, habe ich, dem
Heiligen Antonius sei Dank, im Laufe der Zeit auch vieles gefunden. Der
außergewöhnlichste Fund war hierbei sicher ähnlich den Ausgrabungen des
Oberschenkelknochens eines Brachiosaurus zu bewerten - eine
unvergleichliche Schwiegermutter.
Mit dem Verlieren und manchmal auch
Wiederfinden, immer mit aufwändigen Suchaktionen verbunden, wurde ich
schon in der frühen Kindheit konfrontiert.
Meistens handelte es sich um
Schmuck, wenige Stunden getragen und natürlich ohne Verschulden
meinerseits verschwunden.
Manches Der Gedanke, dass sich
gleich viele Leser angesprochen fühlen beruhigt mich, fand ich Dank des
siebten Sinnes meiner Mutter an den ungewöhnlichsten Orten wieder. Meine
goldene Uhr, ein Geschenk zur Kommunion, um nur ein Beispiel zu nennen,
landete im Staubsauger. Verschmutzt, aber unversehrt zierte sie kurz
darauf wieder mein Handgelenk.
Schmuckstücke, die auf nimmer
Wiedersehen verschwanden, wie ein Silberarmband, ein goldener Ansteckvogel
mit bunten Steinen besetzt, ein Silberring oder eine Halskette wurden
mittels leichter Erpressung von meiner Schwester ersetzt. Der Protest
ihrerseits hielt sich in Grenzen, - denn mein Glück war ihr wichtiger,
als der materielle Schnickschnack.
Ins Schwitzen geriet ich, als ich
abfahrbereit zum Einkaufsbummel meinen wunderschönen Fünfzigmarkschein
suchte und er sogar nach dreimaliger Anrufung des Heiligen Antonius nicht
wieder auftauchte.
Mein Zimmer sah nach der Suchaktion
taifungeschädigt aus und auch in diesem Falle hatte ich es nur dem
magischen Auge meiner Mutter zu verdanken, dass die Aktion „Fünfziger“
erfolgreich beendet werden konnte. „Sieh doch mal im Papierkorb nach,
“ hieß der letzte und auch abwegigste Vorschlag unseres Hausorakels. -
Und siehe da, was lag dort zwischen Bananenschalen, Joghurtbechern,
zerrissenen Liebesbriefen - umschwirrt von einigen aufgestöberten
Fruchtfliegen? Mein sechsmal zusammengefalteter Geldschein.
Die Freude war riesig. Liebevoll
faltete ich ihn auf Normalgröße auseinander, um nachzusehen, ob in der
Zwischenzeit nichts wertminderndes mit ihm geschehen war.
So hatte ich während meiner
Kindheit jede Menge zu tun.
Im Lauf der Jahre wurde es dann
immer besser. Außer ein paar Freunden, einigen
Lebensabschnittsgefährten, einem Scheck und meinem Fiat 127 Sport im
Parkhaus, verlor ich nicht mehr allzu viel was der Erinnerung Wert gewesen
wäre.
Vor wenigen Stunden aber fand ich
etwas. Nicht, dass ich noch nie etwas gefunden hätte, nein, schließlich
fand ich einen großartigen Ehemann, eine seltene Schwiegermutterspezies,
liebevolle Freunde, einen Igel namens Paul und einige Tiere, die nicht
gefunden werden wollten.- Allerdings bestand ich darauf.
Auch mein Auto im Parkhaus fand ich
wieder.
Als ich jedoch wenige Stunden vor
Jahresende 2002, die Jahreszahl ist hierbei sehr wichtig, in die Taschen
meines Blazers griff, den ich nun nach jahrelangem Eingesperrtsein im
dunklen Kleiderschrank verschenken wollte, dachte ich zuerst voll Neugier
an einen vergessenen Brief. Ich liebe alte Briefe und manchmal verstecke
ich einen, nur um ihn irgendwann zu finden und ihn dann mit einer Mischung
aus Neugier und Aufregung zu lesen.
Dieses Papier fühlte sich sofort
anders an und als ich es zu Tage förderte waren es fünf Geldscheine,
Hunderter, zusammengerollt und in meinen vor Schreck geweiteten Augen
natürlich völlig wertlose fünfhundert Mark.
Mein Adrenalinspiegel wahrscheinlich
nicht messbar, die Hände feucht, mein Herz laut klopfend, starrte ich den
Fund an.
Mein erster Impuls- vernichten; den
Beweis meiner Vergesslichkeit zu kleinen Schnipseln im Mülleimer
verschwinden zu lassen. Von den Vorwürfen, die ich mir anhören müsste
ganz zu schweigen. Tausend Gedanken flogen in meinem gestressten Hirn hin
und her. Wohin mit den blauen Scheinen, die vorwurfsvoll in meiner Hand
lagen? Weit weg und doch beharrlich flüsternd, hörte ich die Worte eines
Bekannten in meinem willigen Ohr. DM - Aktion lautete die genaue
Formulierung. Was ein richtiger Geschäftsmann ist, der lässt die
Kundschaft auch noch mal mit dem alten Zahlungsmittel die Restposten
aufkaufen. Mit zittrigen Fingern wählte ich die Nummer des Geschäfts
"Messer und Scheren für jeden Anlass".
Aufgeregt erzählte ich der Dame am
anderen Ende der Leitung, der Chef war außer Haus, von meinem
vermeintlichen Unglück.
Die darauf folgende Woche solle ich
unbedingt vorbeikommen. Sicher hätte sie auch für die kompletten
fünfhundert DM einen kompletten Messersatz, versicherte mir die
geschäftstüchtige Mitarbeiterin.
Allzu schwer würde es, das wusste
ich, nicht sein, das Geld dort auszugeben.
Langsam legte sich meine Nervosität
und auch der leicht vorwurfsvolle Blick der weltbesten Schwiegermutter -
wie kann man nur soviel Geld in eine Jacke stecken und dann vergessen -
konnte die Freude über den unerwarteten Fund nicht mehr trüben.
Mein hocherfreuter Ehemann
allerdings hielt nichts von der Idee das schöne Geld für Messer
auszugeben. Ganz praktisch, wie er nun mal veranlagt ist, will er damit
zur Landeszentralbank, um die alten Hunderter in neue Euroscheine
umtauschen zu lassen.
In meiner Aufregung hatte ich diese
Möglichkeit gar nicht in Betacht gezogen.
Für manche ist diese Story sicher
ein gefundenes Fressen.