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Alle Rechte vorbehalten © All rights reserved by Klaus-Dieter Regenbrecht 1998 - 20
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Das gemeinsame Projekt
der Schreibwerkstatt "Kreatives Schreiben"
(VHS Koblenz, Herbst 2002),
Kursleitung und Internet-Realisation:
Klaus-Dieter Regenbrecht

Anthologie 2, Beitrag von Birgit Geissler

Fundsache

denn ich muss gestehen, schon einiges in meinem Leben verloren zu haben. Allerdings, habe ich, dem Heiligen Antonius sei Dank, im Laufe der Zeit auch vieles gefunden. Der außergewöhnlichste Fund war hierbei sicher ähnlich den Ausgrabungen des Oberschenkelknochens eines Brachiosaurus zu bewerten - eine unvergleichliche Schwiegermutter.

Mit dem Verlieren und manchmal auch Wiederfinden, immer mit aufwändigen Suchaktionen verbunden, wurde ich schon in der frühen Kindheit konfrontiert.

Meistens handelte es sich um Schmuck, wenige Stunden getragen und natürlich ohne Verschulden meinerseits verschwunden.

Manches Der Gedanke, dass sich gleich viele Leser angesprochen fühlen beruhigt mich, fand ich Dank des siebten Sinnes meiner Mutter an den ungewöhnlichsten Orten wieder. Meine goldene Uhr, ein Geschenk zur Kommunion, um nur ein Beispiel zu nennen, landete im Staubsauger. Verschmutzt, aber unversehrt zierte sie kurz darauf wieder mein Handgelenk.

Schmuckstücke, die auf nimmer Wiedersehen verschwanden, wie ein Silberarmband, ein goldener Ansteckvogel mit bunten Steinen besetzt, ein Silberring oder eine Halskette wurden mittels leichter Erpressung von meiner Schwester ersetzt. Der Protest ihrerseits hielt sich in Grenzen, - denn mein Glück war ihr wichtiger, als der materielle Schnickschnack.

Ins Schwitzen geriet ich, als ich abfahrbereit zum Einkaufsbummel meinen wunderschönen Fünfzigmarkschein suchte und er sogar nach dreimaliger Anrufung des Heiligen Antonius nicht wieder auftauchte.

Mein Zimmer sah nach der Suchaktion taifungeschädigt aus und auch in diesem Falle hatte ich es nur dem magischen Auge meiner Mutter zu verdanken, dass die Aktion „Fünfziger“ erfolgreich beendet werden konnte. „Sieh doch mal im Papierkorb nach, “ hieß der letzte und auch abwegigste Vorschlag unseres Hausorakels. - Und siehe da, was lag dort zwischen Bananenschalen, Joghurtbechern, zerrissenen Liebesbriefen - umschwirrt von einigen aufgestöberten Fruchtfliegen? Mein sechsmal zusammengefalteter Geldschein.

Die Freude war riesig. Liebevoll faltete ich ihn auf Normalgröße auseinander, um nachzusehen, ob in der Zwischenzeit nichts wertminderndes mit ihm geschehen war.

So hatte ich während meiner Kindheit jede Menge zu tun.

Im Lauf der Jahre wurde es dann immer besser. Außer ein paar Freunden, einigen Lebensabschnittsgefährten, einem Scheck und meinem Fiat 127 Sport im Parkhaus, verlor ich nicht mehr allzu viel was der Erinnerung Wert gewesen wäre.

Vor wenigen Stunden aber fand ich etwas. Nicht, dass ich noch nie etwas gefunden hätte, nein, schließlich fand ich einen großartigen Ehemann, eine seltene Schwiegermutterspezies, liebevolle Freunde, einen Igel namens Paul und einige Tiere, die nicht gefunden werden wollten.- Allerdings bestand ich darauf.

Auch mein Auto im Parkhaus fand ich wieder.

Als ich jedoch wenige Stunden vor Jahresende 2002, die Jahreszahl ist hierbei sehr wichtig, in die Taschen meines Blazers griff, den ich nun nach jahrelangem Eingesperrtsein im dunklen Kleiderschrank verschenken wollte, dachte ich zuerst voll Neugier an einen vergessenen Brief. Ich liebe alte Briefe und manchmal verstecke ich einen, nur um ihn irgendwann zu finden und ihn dann mit einer Mischung aus Neugier und Aufregung zu lesen.

Dieses Papier fühlte sich sofort anders an und als ich es zu Tage förderte waren es fünf Geldscheine, Hunderter, zusammengerollt und in meinen vor Schreck geweiteten Augen natürlich völlig wertlose fünfhundert Mark.

Mein Adrenalinspiegel wahrscheinlich nicht messbar, die Hände feucht, mein Herz laut klopfend, starrte ich den Fund an.

Mein erster Impuls- vernichten; den Beweis meiner Vergesslichkeit zu kleinen Schnipseln im Mülleimer verschwinden zu lassen. Von den Vorwürfen, die ich mir anhören müsste ganz zu schweigen. Tausend Gedanken flogen in meinem gestressten Hirn hin und her. Wohin mit den blauen Scheinen, die vorwurfsvoll in meiner Hand lagen? Weit weg und doch beharrlich flüsternd, hörte ich die Worte eines Bekannten in meinem willigen Ohr. DM - Aktion lautete die genaue Formulierung. Was ein richtiger Geschäftsmann ist, der lässt die Kundschaft auch noch mal mit dem alten Zahlungsmittel die Restposten aufkaufen. Mit zittrigen Fingern wählte ich die Nummer des Geschäfts "Messer und Scheren für jeden Anlass".

Aufgeregt erzählte ich der Dame am anderen Ende der Leitung, der Chef war außer Haus, von meinem vermeintlichen Unglück.

Die darauf folgende Woche solle ich unbedingt vorbeikommen. Sicher hätte sie auch für die kompletten fünfhundert DM einen kompletten Messersatz, versicherte mir die geschäftstüchtige Mitarbeiterin.

Allzu schwer würde es, das wusste ich, nicht sein, das Geld dort auszugeben.

Langsam legte sich meine Nervosität und auch der leicht vorwurfsvolle Blick der weltbesten Schwiegermutter - wie kann man nur soviel Geld in eine Jacke stecken und dann vergessen - konnte die Freude über den unerwarteten Fund nicht mehr trüben.

Mein hocherfreuter Ehemann allerdings hielt nichts von der Idee das schöne Geld für Messer auszugeben. Ganz praktisch, wie er nun mal veranlagt ist, will er damit zur Landeszentralbank, um die alten Hunderter in neue Euroscheine umtauschen zu lassen.

In meiner Aufregung hatte ich diese Möglichkeit gar nicht in Betacht gezogen.

Für manche ist diese Story sicher ein gefundenes Fressen.

© Birgit Geissler 2003