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Klaus-Dieter Regenbrecht


Heike Fröhling:
Blaues Integral
Erzählung, 96 Seiten
ISBN 3-923532-81-4 KAFF-2

Was haben Malerei und Mathematik miteinander zu tun? Sehr viel, wenn sich eine Mathematikstudentin akribisch und mit den Methoden der Mathematik der Malerei zuwenden will, weil sie sich in einen Kunstprofessor verliebt hat. Aber lassen sich Malerei und Liebe, Schönheit und Gefühl mit mathematischen Formeln erfassen? „Blaues Integral" bietet sicher keinen mathematisch eleganten Lösungsweg.

Dinah Schmidt schreibt in der Rhein-Zeitung am 12.3.99
"Da kann man sich noch so drehen und winden, diese kleine Liebesgeschichte lässt einfach nicht mehr los. Einmal angefangen, will sie zu Ende gelesen werden. Und erfüllt damit das wichtigste Kriterium für eine gelungene Lektüre. Sie fesselt."

„Ich versuchte ihm zu erklären, dass es sich bei der Zuordnung, mich und ihn betreffend, um eine Funktion handeln müsse." Geht es wirklich so einfach? „Je ein Element der Menge A bekam ein Element der Menge B zugeordnet."

Aber die Liebe ist keine Mengenlehre. Die Protagonistin wird im Gegenteil mit Ungereimtheiten, mit reiner Logik nicht zu erfassenden Vorgängen, mit ihren Gefühlen konfrontiert. Liebe hat bekanntlich so viele unbekannte Größen, dass es keine Formel für den Lösungsweg gibt. Mit viel Liebe zum Detail und mit manchmal verzweifelt komischen Momenten debütiert Heike Fröhling mit dieser ungewöhnlichen Erzählung. Lesen Sie selbst, ob die Gleichung aufgeht.

Heike Fröhling: 1971 in Unna geboren, lebt seit zwölf Jahren in Koblenz. Studium der Germanistik und Musik. War eine  Zeit als Lehrerin tätig. Freiberufliche Schriftstellerin.

  • Leseprobe:

    Was passiert ist? Viel ist passiert: Nichts. Nichts ist mehr als alles andere in meinem Leben, das zu einer Aneinanderreihung von Nicht-Ereignissen geworden ist, von denen jedes einzelne einer Katastrophe gleichkommt.
    Wenn das Nichts eintritt, blinden die Hände, der Mund taubt, die Augen lahmen, das Gesicht stummt und die Knochen sehnen Haut. Das klingt wirr, aber die Nicht-Ereignisse kann man, glaube ich, nicht verstehen, denn auf sie treffen weder die Gesetze der Logik, noch der Stochastik zu. Man muss sie erfahren.
    Es ist wie regungsloses Liegen im Bett, unter der Decke, mit einem Kissen auf dem Kopf und Ohropax in den Ohren. Das ist ein Nicht-Ereignis. Und ich blicke auf lauter Nicht-Ereignisse.
    Aber ich fange besser von vorne an, damit, wie alles begann.
    Mit meiner Geburt? Das wäre zu spät, denn Nicht-Ereignisse gab es schon immer. Gott schuf, wenn er schuf, Mann und Frau. Es fehlte die Mannfrau. Das war vielleicht das erste bedeutsame Nicht-Ereignis. So früh möchte ich jedoch nicht beginnen.
    Es gab einen Tag, an dem ich etwas zu verspüren begann, das ich nie zuvor verspürt hatte. Ich hielt es für Hunger. Rasenden Hunger auf Schokolade. Wann dieser Tag war? 1996, Mitte oder Anfang Dezember. Damals erschien er mir belanglos, der Hunger. Erst später erkannte ich die Bedeutung der Nicht-Sättigung.
    Auch wenn ich nicht mehr genau weiß, wann es war, weiß ich, was an diesem Tag passierte. Im IC, der mit siebenminütiger Verspätung von M. abfuhr, lernte ich Formeln zur Kurvenuntersuchung. Hochpunkte, Tiefpunkte, Wendepunkte, Subtangenten und Subnormale. Polarkoordinaten.
    Ich stieg in K. aus, schloss mein Fahrrad vom Stoppschild ab und nahm den direkten Weg nach Hause, der an der Hauptfiliale der Sparkasse vorbeiführte. Dort erkannte ich seinen Wagen, der mit geöffnetem Kofferraum in zweiter Reihe geparkt war. Dann kam er selber aus der Sparkasse, ging zum Kofferraum und klemmte sich Bilder unter den Arm. Zwei Tage später wurde seine Ausstellung eröffnet.
    Ich winkte. Er winkte zurück. Ich fuhr vorbei. Er verschwand hinter der Glastür. Das war es. Wir küssten uns nicht, wir umarmten uns nicht, wir sprachen nicht.
    Zu Hause angekommen, ließ ich mich aufs Bett fallen. Es war, als verringerte sich beim Atmen der Durchmesser meiner Luftröhre. Mir war kalt. Beide Hände lagen gefaltet auf meinem Bauch. Ich wollte etwas essen und ging zum Kühlschrank: Spaghetti? Gebackenes Käsebrot? Nichts Warmes mehr. Schokolade!
    Auf dem Weg vom Küchenschrank in mein Zimmer riss ich die braunen Quader gleichzeitig aus Papier und Alufolie und ließ die Verpackung auf den Boden fallen. Ich aß zu schnell. Schmeckte nichts. Nach drei Tafeln war mir schlecht. Verdammt schlecht. Ich zweifelte an meinem Verstand. War ich noch normal?
    Obwohl ich befürchtete, mich jeden Moment zu übergeben, hatte ich noch immer Hunger. Rational sagte ich mir, dass ich keinen Hunger haben konnte. Aber ich hatte Hunger.
    Ich dachte nach: Wenn ich Hunger habe, A, esse ich, B. Wenn ich esse, B, werde ich satt, C. Wenn A, dann B, dann C. C trat nicht ein. Wenn die Folgerung C auf richtigen Gesetzen beruhte, was ich aufgrund meiner bisherigen Erfahrung annahm, dann musste die Annahme A falsch sein. Dann beruhte mein Essen nicht auf Hunger.
    Aber ich spürte Hunger.
    Oder lag in der Folgerungskette ein Fehler? Ich fand keinen.
    Es war keine logische Äquivalenz vorhanden. Nicht einmal eine logische Implikation. Alles, was nicht logisch war, verunsicherte mich.
    Ich fühlte mich leer und schlief ein.

© by Dietmar Fölbach Verlag 1999