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Klaus-Dieter Regenbrecht


Siegfried Mundt:
Vom Verlust der Flügel
Erzählung, 120 Seiten
ISBN 3-923532-92-X
KAFF 4

 

KÄPTEN BLAUBÄR FÜR ERWACHSENE:

Im Hamburger Tropeninstitut blickt ein noch gar nicht so alter Seebär auf sein Leben zurück, seine Kindheit und Jugend in Hamburg, sein Leben auf hoher See und in fernen Ländern. Hier lernt er seine große Liebe kennen, seine Medea mit dem Zaubertrank, die er mit nach Hamburg nimmt. Dort gründen sie eine Familie und bauen sich ein Geschäft auf.
Warum jedoch schützt ihn der Zaubertrank nicht vor der tödlichen Immunschwäche, die ihn zusammen mit anderen Krankheiten schließlich ins Tropeninstitut bringt, wo er anfängt, sein Leben in Heften aufzuzeichnen.
Während er ein Heft nach dem anderen mit seinen Aufzeichnungen füllt, ist aber auch in der Gegenwart noch einiges zu erledigen, das nicht unerwähnt bleibt.
All das erzählt in der authentischen Sprache des alten Seebären.


Lassen Sie sich entführen: "Vom Verlust der Flügel" wird Ihrer Phantasie Flügel verleihen! 

 

Leseprobe:

Am Nachmittag zog es mich an die frische Luft. Das war zwei Tage bevor ich anfing, diesen Bericht zu schreiben. Es war sonnig und ich fühlte mich gut. Von Zeit zu Zeit habe ich heftige Malariaschübe, nach deren Abklingen andere Malaisen, die ich vorher hatte, unterdrückt werden. Dr. Barnekow begegnete mir in der Eingangshalle, er wollte gerade eilig das Institut verlassen. So viel Zeit hatte er aber, sich vor mir aufzubauen, um Verdächtigungen vorzubringen und mir Vorhaltungen zu machen.

Ich sagte ihm, was er rumtreiben nenne, sei ein Teil meines Lebens und verschlechtere meinen Zustand nicht. Ich sei nicht verpflichtet, ständig im Hause zu sein. Eigentlich wollte der Doc etwas anderes loswerden und das kam dann bissig aus ihm heraus: Wenn er mich jemals erwischte oder Hinweise bekäme, dass ich mich mit Frauen oder Mädchen abgäbe und sie in Gefahr brächte, würde er dafür sorgen, dass ich hier abserviert würde. Fertigmachen stand ebenfalls auf seinem Programm für mich. Fast zuviel der Ehre. Ich bin doch schon so fertig.
(...)
Manchmal holten Heizer oder Matrosen sich Mädchen an Bord, um sie tagelang während der Küstenfahrt in ihrer Kammer zu behalten. Die bekamen dann später die Bahnfahrt zu ihrem Heimathafen bezahlt und alles andere. Damit das gelang, mussten Zöllner und Wachleute bestochen werden, das konnte ich gut. Bei der Schiffsführung hätte es kein Verständnis gegeben, aber alle Beteiligten waren sehr diskret. Zwischen so vielen Häfen kam eben kein Kuttenneid auf. Die Mädchen waren einmalig in ihrer Leichtlebigkeit. Immer freundlich und willig. Und sehr schön. Meistens.

Nach der Ing-Schule suchte ich eine Heuer auf einem Schiff nach Brasilien. Ich musste zu einer weniger angesehenen Reederei wechseln, aber schließlich war ich nicht mit der HAPAG verheiratet. Der Wechsel erwies sich nicht als Verschlechterung, denn die Umgangsformen waren weniger steif. Ich wurde auch früher, als es bei meiner alten Reederei üblich war, zum Zweiten befördert.

© by Dietmar Fölbach Verlag 1999