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Das vollständige Kapitel
Lena und Marc, 2003 - 2005
(aus dem Roman "Im Goldpfad 10")


Dass Lena und Marc sich wiedersehen würden, war weder wahrscheinlich noch unmöglich, Koblenz war mit einhunderttausend Einwohnern nicht so klein, dass man sich irgendwann über den Weg laufen musste, aber auch nicht so groß, dass eine zufällige Begegnung etwas Sensationelles an sich gehabt hätte. Auch dass sie sich nach fünfzehn Jahren wieder erkannten, war nicht sonderlich bemerkenswert, immerhin veränderten sich die meisten Menschen von Dreißig bis Mitte Vierzig äußerlich nicht mehr so gravierend wie von Zehn bis Fünfundzwanzig beispielsweise.

Lena stand in der Sparkasse vor der Schautafel mit den Immobilien, ihr Vater war vor zwei Jahren gestorben, Walter und Lena hatten sich daran gewöhnt, Erben zu sein und die Alleinverantwortung zu übernehmen. Im Internet hatte sie gelegentlich aus reiner Neugier, sie wollte einfach wissen, wie der Markt aussah, was ihr Häuschen wohl wert war, auf den Immobilienseiten recherchiert. Weder sie noch Walter hatten ein Interesse daran zu verkaufen, sie wollten das Haus zumindest so lange halten, wie sie in Koblenz leben würden. Walter hatte sich beim BRD sogar in eine Festanstellung manövriert, und sie wollte mit Jessica und Jan jetzt auch nicht umziehen; Jessica stand kurz vor dem Abitur und wollte danach studieren; was, wusste sie im Gegensatz zu ihrer großen Schwester noch nicht. Das Haus kostete sie, bei allen Unterhaltungskosten, die vor allem durch immer wieder fällige Renovierungsarbeiten nicht unerheblich waren, weniger Geld als zwei Wohnungen; eine für Walter und eine für Lena mit bald nur noch mit Jan zusammen. Jan war jetzt vierzehn Jahre alt. Aus dem stillen, etwas verträumten Jungen war ein verschlossener, geradezu wütend vor sich hin pubertierender Kerl geworden, der mit der Baseball-Cap auf dem Kopf und dem Skateboard unter dem Arm oder unter den Füßen immer häufiger die Schule schwänzte. Lena hätte mit dem Klammerbeutel gepudert sein müssen, wenn sie sich unter diesen Umständen  auch noch Hausverkauf und Wohnungssuche aufgehalst hätte.

Aber Interesse halber mal schauen, das musste sein.
„Du willst doch nicht verkaufen? Oder hast du Interesse an einer weiteren Immobilie, Lena?“

Es war Marc, der in der Immobilienabteilung der Sparkasse arbeitete. Kennengelernt hatte sie ihn auf ihrem dreißigsten Geburtstag und später waren sie sich gelegentlich in der Stadt über den Weg gelaufen.
„Walter hat sich das letztens auch sehr interessiert angesehen.“
„Was soll man schon groß machen, wenn man in der Zweigstelle in Arzberg darauf wartet, beim Geldautomaten an die Reihe zu kommen.“
„Ich würde mich freuen, wenn wir ins Geschäft kommen könnten.“
Das Haus mochte alt sein und renovierungsbedürftig, aber Arzberg hatte eine bevorzugte Stadtrandlange, und das für heutige Verhältnisse große Grundstück von achthundert Quadratmetern war Gold wert.

„Welches Objekt würde dir denn am meisten zusagen, dich ansprechen?“
Lena sah sich alle Angebote der Reihe nach durch. Wichtig war ihr dabei die Lage, sie hätte immer ein freistehendes Haus mit Garten drum herum gewollt – wie sie eins im Goldpfad besaß. Während sie also die Fotos und die kurz gehaltene Legende darunter studierte, spürte sie Marcs Blick auf sich. Sie sah ihn an. Die Fotos der Häuser hatten eine ganze Reihe von Assoziationen bei ihr ausgelöst, ein Konglomerat von Erinnerungen und Entwürfen. Marcs Blick löste eine völlig andere Assoziation aus, die Lena für einen Moment konfus machte; sie war sich, so wie man bei kaltem Wetter einen Handschuh wohlig auf den Fingern spürte, ihrer Unterwäsche bewusst, deren Auswahl sie an diesem Morgen besonders viel Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Sie trug einen schwarzen Slip und BH, beides mit Spitzen und perfekter Passform.

„Welches Objekt, Lena?“
Sie zeigte auf einen etwa fünfzig Jahre alten Bungalow auf der Karthause, mit schönem altem Baumbestand und tollem Blick auf das Rheintal. Die Alt-Karthause war seit jeder neben dem Oberwerth schon immer eine der bevorzugten Villengegenden der Stadt.
„Ja, das ist ein Schnäppchen, wir können uns das Haus anschauen, wenn du willst.“
Es war kurz vor Mittag, Jessica und Jan waren ebenso wie Walter in der Schule, Lena hatte keine Termine, keine Verpflichtungen, den Einkauf konnte sie später erledigen. Also stiegen sie in seinen Wagen und fuhren los.
„Erzähl mir ein bisschen was über das Haus, Marc.“
„Ja, Lena, Häuser haben immer ihre Geschichte, die der Immobilie die vierte Dimension verpasst, gewissermaßen.“
„Länge, Breite, Höhe und Zeit.“
„So ist es Lena. Euroboden, eine Münchner Immobilienfirma, spricht von der ‚kulturellen Zusammenkunft von Ort, Raum, Geist und Zeit‘.“
„Naja, das ist doch Werbegeschwurbel im Premium-Segment, Marc.“
„Mag sein, Lena, dieses Haus hat jedenfalls eine ganz besondere Geschichte. Wie du auf den Fotos gesehen hast, wurde es in den Sechzigern gebaut, Bungalowstil, zwei leicht gegeneinander versetzte Gebäudeteile, die eine wunderbare Terrasse mit offenem Kamin ermöglichen, nach Süden gelegen, diese Seite fast komplett verglast, teilweise mit Sprossenfenstern und Sprossentüren, sehr hell, der Rasen leicht abschüssig mit genialem Blick auf das Rheintal, die Stadt und den gegenüberliegenden Westerwald. Das ganze Grundstück ist rund herum so bepflanzt, dass man von außen praktisch keinen Einblick hat. Ich glaube, man kann mit einem Fernglas sogar euer Häuschen auf der gegenüber liegenden Rheinseite erkennen. Einfach ein wunderschönes Objekt, Lena.“
„Und die Geschichte?“
„Ja, die Geschichte der Bewohner. Also, gebaut hat das ein Professor der damaligen Pädagogischen Hochschule auf dem Oberwerth, aus der ja dann die Erziehungswissenschaftliche Hochschule und schließlich die Uni Koblenz-Landau wurde. Der Professor lebte hier mit seiner Familie, er hatte einen Sohn und eine Tochter, bis zu seiner Pensionierung. Die Familie hatte ein Ferienhäuschen an der Nordsee und dorthin hat er dann seinen ständigen Wohnsitz verlegt. Das Haus wurde vermietet, weil die Kinder, ich weiß nicht wo, irgendwo in Deutschland wohnten und arbeiteten. Die Frau stirbt, der Vater später auch. Wie es so geht, die Kinder haben kein Interesse am Haus, also wurde es vor zehn Jahren verkauft an einen schnell zu Geld gekommenen Kneipier, der aber bald pleiteging und wieder verkaufen musste. Das Haus blieb ein paar Jahre unbewohnt, bis sich, und das ist jetzt etwas pikant, Lena, bis sich dat Nettche hier in ihrem wohlverdienten Ruhestand niederließ.“
„Nettche. Wer ist dat Nettche?“
„Nettche, Jeanette, die bekannte Koblenzer Prostituierte. Hast du noch nie von der gehört?“
„Nö. Wie kommst du darauf, dass ich Koblenzer Prostituierte kenne?“
„Dat Nettche ist, war, ein Koblenzer Original. Es gibt sogar einen Song in Kowelenzer Platt über sie. Du hast wirklich noch nichts etwas von ihr gehört?“
„Nö.“
„Unglaublich. Jedenfalls hat die sich mit ihrem Zuhälter, ich glaube, der war zwanzig Jahre jünger, hierhin zurückgezogen, als sie schon über Fünfzig war. Aber das ging nicht lange gut, und der Kerl machte sich auf und davon und zwar mit allem, was Nettche sich in ihrem harten Arbeitsleben beiseitegelegt hatte. Futsch, alles futsch. Sie hat dann wieder gearbeitet, bis sie vor ein paar Jahren starb und mit großem Pomp im Beisein der Koblenzer Prominenz beerdigt wurde.“

Nun glaubte Lena sich doch daran zu erinnern, davon in der Zeitung gelesen zu haben. Mein Gott, dachte sie, wie mochte es in dem Haus aussehen? Lebensgroße Gipsleoparden und schwarze Diener in Livree, Plüsch, Leder und Lack, eine rote Lasterhöhle als Schlafzimmer mit verspiegelter Decke, womöglich eine Folterkammer für Sado-Maso-Spiele? Aber wahrscheinlich war das Haus ja völlig leer. Von außen sah das Gebäude aus, als sei es gerade erst gebaut worden, der Anstrich war neu, die Fenster waren doppelt verglast, hatten weiße Kunststoffsprossen, keine Rollläden sondern seitliche Fensterläden.
„Das Haus ist komplett von dem Kneipier saniert worden, von außen und von innen. Das heißt wärmegedämmt, neue Elektroinstallation, neue Wasserleitungen, neue Heizung. Das sind die Dinge, die ein Haus kostbar machen, nicht die emotionale Bindung der Besitzer, ihre Erinnerungen. Der Kneipier hatte sich allerdings finanziell überhoben, zu teuer gekauft, aufwendig renoviert und eine Inneneinrichtung vom Feinsten, dann lief die Kneipe schlecht. Naja. Dat Nettche kam deshalb relativ günstig an das Haus.“

Auch drinnen schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Einrichtung war von einer schlichten Eleganz geprägt, die Lena als zeitlos empfand. Möbel, die schon vor fünfzig Jahren hier gestanden haben könnten und die auch in fünfzig Jahren nicht geschmacklos wirken würden. Viel helles Holz, dezente Muster auf den Polstermöbeln.
„Was sind das für Möbel, Marc?“
„Jeanettes. Sie hatte einen Inneneinrichter zu Rate gezogen, der sich strikt an die vorhandene Architektur hielt. Passt gut, Lena, oder?“
„Unbedingt. Mich wundert nur, dass noch alles da ist.“
„Die musste von einem Tag auf den anderen, Hals über Kopf raus. Dann stand das Haus eine Zeitlang leer und jetzt bieten wir es mit der Möblierung an. Erst gestern war noch der Kunde hier, der mit großer Sicherheit kaufen wird. Ich wollte vorhin das ‚Verkauft‘-Etikett in der Schautafel anbringen. Hab ich jetzt ganz vergessen.“
„Tut mir Leid, Marc.“

Vor dem Rundgang durchs Haus führte Marc Lena nach draußen auf die Terrasse, wo auch die passenden Gartenmöbel nicht fehlten. Sie setzten sich. Es war ein ruhiger Septembernachmittag, die Sonne schien warm aber nicht heiß, vom Straßenlärm war hier hinter dem Haus nichts zu ahnen, Bienen und Wespen summten und sammelten den letzten Nektar des Sommers, von Vögeln war kaum etwas zu hören, die Nester leer und verlassen, der Nachwuchs längst flügge, die meisten Zugvögel schon auf ihrem Flug nach Süden, nur eine Amsel zeterte laut durch die Stille.
„Ich habe Durst, Marc. Hast du mal ein Glas Wasser?“
Marc stand auf und kam mit zwei Sektkelchen zurück.
„Prosecco Spumante gefällig?“
„Jetzt aber.“
„Lena, den hatte ich gekauft, um auf den Abschluss gestern anzustoßen, aber der Kunde war wohl Antialkoholiker. Prost, Lena, auf alle schönen Häuser.“
„Und deren Bewohner, Prost.“

Sie genoss den Prosecco und die Sonne. Es war fast wie im eigenen Garten.
„Wenn man sich vorstellt, was so ein Haus alles erlebt hat, wie die Menschen sich hier heimisch gefühlt haben, was sie empfunden haben, als sie das Haus verlassen mussten …“
„Kannst du dir das vorstellen, Lena?“
„Ja, sehr gut sogar.“
„Dann lass uns das doch mal durchspielen.“
„Wie durchspielen, was spielen?“
Einen Moment schwieg Marc, kippte dann den Prosecco mit einem Schluck hinunter und räusperte sich.
„Das ist kein Spiel, du Schlampe. Was denkst du dir eigentlich, schau doch mal in den Spiegel, wer will denn von dir noch etwas?“
„Jetzt aber, Marc! Spinnst du?!“
„Ich heiße Fred, du Schlampe, Fred mit gaaanz langem Eeeeee. Nettche, mit dir will doch schon lang keiner mehr ins Bettche.“
„Achja, Marcfred. Du gibst den Zuhälter mit Boss-Anzug und Seidenkrawatte, das passt.“
Sie lachte erleichtert.

Er stand auf, zog das Jackett aus, nahm die Krawatte ab, öffnete die vier obersten Knöpfe seines blütenweißen Hemdes, so dass seine Brustbehaarung zu sehen war. Er flegelte sich in den Gartensessel, vergrub beide Hände in den Hosentaschen, hielt die Hände aber nicht still.
„Na gut.“
Auch Lena stand jetzt auf, legte ihre Jacke ab, zog den Pullover über den Kopf, ließ die Jeans fallen und fragte triumphierend „sieht so eine alte Schlampe aus?“
Die Hände in die Hüften gestemmt, Beine gespreizt, stand da eine Frau von Mitte Vierzig, deren Figur nicht besser zur Geltung gebracht werden konnte als durch die schwarze Unterwäsche und die sanften Sonnenstrahlen. Lena gehörte, wie die meisten Wismans weder groß noch sonderlich kräftig, zum athletischen Konstitutionstyp, charakterlich erregbar, explosiv. Ihr Sternzeichen war Schütze, woher ihre Genussfreudigkeit und Selbständigkeit rühren mochte; das Rationale des Steinbocks war, da sie nur drei Tage vor dem Beginn dieses Sternzeichens geboren war, nicht fern. Das Rollenspiel von Nettche und Fred war so plötzlich zu Ende wie es angefangen hatte, in die Arme fielen sich nun Lena und Marc, die gar nicht wussten, wie ihnen geschah. Aus dem ganzen, ungeheuer erotischen Arsenal, dem überwältigenden sexuellen Potential hatte sich ein Verlauf ergeben, der wie der Fluss im Mittelrheintal seine Zeit gebraucht hatte, dann jedoch ein perfektes Landschaftsliebesleben darbot. Sie blieben nackt auf der Terrasse liegen, sonnten sich im postkoitalen Glück eines grandiosen Spätsommers. Es gab nicht nur ein Nachspiel im Schlafzimmer, ohne jede Deckenverspiegelung, es gab unendlich viele Nachspiele in unzähligen Immobilien, die Marc und Lena auf diese Art und Weise emotional aufluden, damit die erotische Energie einen erfolgreichen Abschluss begünstigen konnte und den neuen Bewohnern Glück brachte.

Marc brachte Lena zurück nach Arzberg, unterwegs kaufte sie drei Döner Kebab, über die sich Jessica und Jan freuten; die längere Abwesenheit der Mutter war ihnen gar nicht aufgefallen. Sie waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass ihnen entging, wie verändert ihre Mutter war, denn intensiven Sex sieht man Menschen noch eine gewisse Zeit danach an, ähnlich wie Sportlern nach einer erfolgreichen Leistung; Glanz in den Augen, Rot auf den Wangen, emotionale Erschöpfung in der Stimme, ein Grinsen um die Mundwinkel.
Lena wusste nicht genau, was angefangen hatte, aber dass diese so unerwartete wie aufwühlende Begegnung ihr Leben verändern würde, war ihr klar.

Immobilien wurden zu ihrem Movens, zur Triebfeder für die längst überfällige Veränderung. Es gab kaum einen stichhaltigeren Grund, sich und sein Leben zu ändern, als der Sex mit und die Liebe zu einem Menschen, der ja das eigene Leben und den persönlichen Erfahrungsschatz um eine ganze, neue Welt bereicherte und damit auch komplizierte.

Marc führte Lena in die Welt der Immobilien ein. Stadt- und Reihenhäuser, verlassene, denkmalgeschützte Gehöfte in der Eifel, Auto-Werkstätten mit Anliegerwohnung, Ateliers und Apartments, mit und ohne Aufzug, barrierefrei, mit Balkon und großzügigem Bad, Fußbodenheizung. Sie liebten sich als Makler und Maklerin, komplett durch alle Immobilien und Rollenspiele als Verkäufer und Käuferin, als Zwangsvollstrecker und Vollstreckte, als Polizist und Hausbesetzerin, als Ehemann und Ehefrau in der letzten Stunde in ihrem Eigenheim, als Hausfrau und Briefträger, als Nachhilfeschüler und Lehrerin. Sie studierten Unterlagen über Hypotheken, Tilgung, Darlehen, Kaution und Kataster. All die Ländereien, Parzellen, Anwesen, Besitztümer, der Grund und Boden, Feld und Flur, Liegenschaften, all die Liebschaften und Schicksale um Erbstreitigkeiten, Pleiten, Konkurse und Zwangsversteigerungen von halbfertigen Objekten. Abschreibung, Rendite und Bausparverträge, Eigenleistung und Eigenheimzulage, ein Haus war nicht nur ein Haus. Jedes Haus war ein Kosmos, war eine Geschichte. Feuchte Altbauten voller Schimmel aber mit toller Aussicht. Lofts, Luft- und Lustschlösser, missbraucht als Römerbad, Saunaclub, Edelbordell, Orte von Orgien, Dienstbarkeit, Prostitution und Provision.

Lena träumte von Doppelgaragen und Einbauküchen, sie dachte in Kategorien wie Baujahr und nutzbarer Wohnraum, sie reflektierte über Sanierungskosten und Zuschüsse für Wärmedämmung, füllte Anträge für Solaranlagen aus. Nach drei Monaten und unzähligen Geschlechtsakten überließ Marc ihr das erste Objekt, eine Eigentumswohnung in Bendorf, die zuletzt von einer Prosituierten, „Chantal mit gr. OW, OV + BV“, genutzt worden war. Die Wohnung war leer und besenrein, als Marc und Lena sie besichtigten und Lena Marc damit überraschte, dass sie die Bedeutung aller Abkürzungen kannte. „Im Internet recherchiert“; das lud nicht nur zu Rollenspielen sondern auch zu Wortspielen ein, „Ab-Kür-Zungen in Gewerbeobjekten“.

Nach weiteren drei Monaten waren sie nicht nur offiziell ein Paar und Geschäftspartner, eigentlich Kollegen, er Angestellter der Sparkasse, sie selbständige Immobilienagentin im Auftrag der Sparkasse, sondern stellten Überlegungen an zusammenzuziehen, denn Marc suchte eine neue Wohnung, „sollen wir uns nicht zusammen etwas suchen, Lena?“
Früher oder später musste diese Frage kommen, und eigentlich war der Zeitpunkt gar nicht so schlecht, sie kannten sich jetzt immerhin schon ein halbes Jahr und sie verstanden sich sehr gut, nicht nur sexuell und beruflich, sondern gewissermaßen auch privat, also in allen Bereichen, die nichts mit Sex und Geschäft zu tun hatten. Jessica war kein Problem, die hatte sich an der Uni in Mainz eingeschrieben für Deutsch und Englisch, Walter würde alleine zurechtkommen, wenn Lena sich weiterhin finanziell an der Erhaltung des Hauses beteiligte. Was bedeuten konnte, dass sie einen Teil vermieteten. Das Problem war natürlich Jan. Wenn sie ihn fragte, bekam sie Antworten wie „ist mir egal“ oder „du machst doch sowie so, was du willst“ oder „ich geh euch doch völlig am Arsch vorbei.“ Es war schwer, damit umzugehen, denn auf Diskussionen ließ sich der Junge nicht ein, weder durch inständige Bitten, noch durch alternative Angebote.

Three male role models, habe der Junge, meinte Walter, drei männliche Vorbilder, drei alternative Angebote, als Mann erwachsen zu werden; laut Lena womöglich eine contradictio per se, wenn sie sich die drei Angebote ansah. Marc war von den Dreien sicher noch der konventionellste, bürgerlichste. Nach der Mittleren Reife hatte er bei der Sparkasse angefangen und seine Ausbildung bravourös absolviert. Er hatte Karriere gemacht im Laufe der nun rund dreißig Jahre Zugehörigkeit zum dem Geldinstitut. Er verdiente gut, hatte sich schon vor fünfzehn Jahren die erste Eigentumswohnung gekauft, ein paar Jahre später eine Immobilie, die er nicht selber nutzte, sondern seitdem vermietete. Bis Anfang Dreißig hatte er bei den Eltern gelebt, war Einzelkind, nie verheiratet, hatte aber immer Beziehungen gehabt, denn er war gesellig, ein kommunikativer Mensch, und kam durch seine Arbeit in Stadt und Land herum. Walter und Jens waren nicht so ganz gerade durchs Leben gekommen, aber beide waren als nun über Fünfzigjährige durchaus nicht im Leben gescheitert, jeder hatte für sich seinen Weg gefunden. Und beide waren lebenslustige Optimisten, die ihre dunklen Seiten und Phasen mit zunehmendem Alter besser beherrschten, so dass Lena hoffte, auch ihr Sohn würde eines Tages zu sich finden. Und deswegen hatte sie auch nichts dagegen, wenn er zwischen den drei Männern hin und her pendelte. Erster Wohnsitz war natürlich bei Lena und Marc, in dessen großzügiger Stadtwohnung. Sein Zimmer im Goldpfad durfte Jan behalten. Seinen Vater sah er mindestens einmal im Monat in Köln, meist ein ganzes Wochenende. Das war okay für Lena. Sie wollte einfach nur, dass er seine Möglichkeiten ausschöpfte, er musste nicht unbedingt Abi machen wie seine Schwestern. Er war ja nicht dumm, sein Problem waren die Fehltage.

„Es ist aber doch Dummheit, wenn man so oft fehlt“, war Walters Vorwurf an Jan. Sobald es Probleme gab, schwierig wurde, wich Jan aus, verschwand, blieb weg. Er gehörte nicht zu denen, die laut wurden oder aggressiv. Seine provokante Verschlossenheit hatte schon immer eher andere dazu gereizt, laut zu werden. Für Lena war Jan so etwas wie ein wandelnder Vorwurf, eine wandelnde Anklage, ohne dass sie gewusst hätte, was er ihr vorwarf. Dass sie mit einem anderen Mann die Küche und das Schlafzimmer teilte? Jesus und Maria, Jens war vor mehr als zehn Jahren weggezogen und Jan dürfte mitbekommen haben, mit wie vielen Weibern sein Vater seitdem das Bett geteilt hatte.

Lena ging langsam auf die Fünfzig zu, ihre zweiten Wechseljahre, wenn sie nicht schon begonnen hatten, waren sicher nicht mehr fern. Frauen mussten im Gegensatz zu Männern diesen Prozess ja zweimal durchmachen, rein in die Geschlechtsreife in der Jugend, raus aus der Geschlechtsreife mit Fünfzig, Sechzig, je nachdem. Schon bevor sie mit Marc zusammengekommen war, hatte sie nach jahrelangem Aussetzen wieder die Pille genommen; und die tat ihr gut, bis jetzt jedenfalls.
Das neue Leben war einfach anders und das neue Leben war äußerst kompliziert. Ihr Sex- und Erwerbsleben war prima, das Privatleben, soweit es sie und Marc betraf, auch, das Familienleben mit Marc und Jan war eine Katastrophe von Anfang an. Und wenn Lena nicht riskieren wollte, dass alle Aspekte ihrer Beziehung mit Marc den Bach runter gingen, musste sie handeln. Da Jan nicht ganz zu seinem Vater nach Köln ziehen wollte, ging sie mit Jan zurück in den Goldpfad, so konnte sie wenigstens Marcs Geliebte und Geschäftspartnerin bleiben.

© 2012, Klaus-Dieter Regenbrecht

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