|
Die Reisen
des Johannes
Erzählung
Leseprobe
aus der Mitte der Erzählung:
Die Nächte waren kurz, wir waren etwa so weit nördlich wie Kiel oder Lübeck,
und es gab ein Nachtleben, ja. Nach Sopot waren es nur zwanzig Kilometer
und da sollte das richtige Nachtleben abgehen, aber mir reichte es, Abends
in einem Straßencafé zu sitzen, alleine oder mit dem ein oder der
anderen aus der Reisegruppe. Heute war ich alleine, hatte gut gegessen und
wollte einfach nur die Füße ausstrecken, das Stadtleben, manchmal mochte
ich es wirklich, konnte darin untertauchen und ließ das Leben warm,
dunkel und vielsprachig an mir vorbeiplätschern, ohne hinzuhören, ohne
mich auf etwas zu konzentrieren. T-Shirts und Push-Ups, Tanks und Tops, kündeten
hier wie überall auf der Welt von den Fixierungen ihrer Träger. Man
sollte mal eine Kultur- und Motivgeschichte des T-Shirts schreiben. Ich
glaube, es gab kein Phänomen der menschlichen Betätigung, das nicht auf
der Brust oder dem Rücken dieses Kleidungsstückes dokumentiert worden
war. Wahrscheinlich gab es auch keine Sprache dieser Erde, die nicht auf
einem Hemdchen zu lesen war.
Verstand
auf Tauchstation, Wahrnehmung mal wieder verwässert, ich hätte gewarnt
sein müssen. Und dann noch Fish-Bone auf der Brust. Sie setzte sich
irgend wann zu mir. Und als sie da hockte und mich anlächelte, wurde mir
bewusst, dass ich die ganze Zeit mit ihr, wenn auch ein wenig
gedankenverloren, geflirtet hatte. Es war nicht so ganz offensichtlich,
aber die Vermutung lag nahe, dass sie Prostituierte war; sie sprach mich
Polnisch an. Das heißt, ob es Polnisch oder Russisch oder Chinesisch
war, hätte ich ernsthaft nicht unterscheiden können. Ich lud sie auf
einen Drink ein und redete Englisch mit ihr. Merkwürdigerweise hatte ihr
Englisch einen eher deutschen Akzent, womöglich von deutschen Touristen
übernommen.
Es
ist nicht meine Art, mich mit Prostituierten zu amüsieren. Mir war immer
wichtig, die Menschen auch zu kennen, mit denen ich sexuell verkehrte. Ich
musste sie kennen und mögen. Ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, so
etwas Krankhaftes wie Speed-Dating oder Online-Chat mitzumachen. Das war
kulturlos, barbarische Beischlafanbahnung, billige Begattungseinleitung,
widerlich.
Es gibt den Umschlag hier!
und eine zweite Leseprobe, den Anfang.
©
2008,
Klaus-Dieter Regenbrecht
|