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Klaus-Dieter Regenbrecht


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Die Reisen des Johannes
Erzählung

Leseprobe aus der Mitte der Erzählung:

Die Nächte waren kurz, wir waren etwa so weit nördlich wie Kiel oder Lübeck, und es gab ein Nachtleben, ja. Nach Sopot waren es nur zwanzig Kilometer und da sollte das richtige Nachtleben abgehen, aber mir reichte es, Abends in einem Straßencafé zu sitzen, alleine oder mit dem ein oder der anderen aus der Reisegruppe. Heute war ich alleine, hatte gut gegessen und wollte einfach nur die Füße ausstrecken, das Stadtleben, manchmal mochte ich es wirklich, konnte darin untertauchen und ließ das Leben warm, dunkel und vielsprachig an mir vorbeiplätschern, ohne hinzuhören, ohne mich auf etwas zu konzentrieren. T-Shirts und Push-Ups, Tanks und Tops, kündeten hier wie überall auf der Welt von den Fixierungen ihrer Träger. Man sollte mal eine Kultur- und Motivgeschichte des T-Shirts schreiben. Ich glaube, es gab kein Phänomen der menschlichen Betätigung, das nicht auf der Brust oder dem Rücken dieses Kleidungsstückes dokumentiert worden war. Wahrscheinlich gab es auch keine Sprache dieser Erde, die nicht auf einem Hemdchen zu lesen war.

Verstand auf Tauchstation, Wahrnehmung mal wieder verwässert, ich hätte gewarnt sein müssen. Und dann noch Fish-Bone auf der Brust. Sie setzte sich irgend wann zu mir. Und als sie da hockte und mich anlächelte, wurde mir bewusst, dass ich die ganze Zeit mit ihr, wenn auch ein wenig gedankenverloren, geflirtet hatte. Es war nicht so ganz offensichtlich, aber die Vermutung lag nahe, dass sie Prostituierte war; sie sprach mich Polnisch an. Das heißt, ob es Polnisch oder Rus­sisch oder Chinesisch war, hätte ich ernsthaft nicht un­terscheiden können. Ich lud sie auf einen Drink ein und redete Englisch mit ihr. Merkwürdigerweise hatte ihr Englisch einen eher deutschen Akzent, womöglich von deutschen Touristen übernommen.

Es ist nicht meine Art, mich mit Prostituierten zu amüsieren. Mir war immer wichtig, die Menschen auch zu kennen, mit denen ich sexuell verkehrte. Ich musste sie kennen und mögen. Ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, so etwas Krankhaftes wie Speed-Dating oder Online-Chat mitzumachen. Das war kulturlos, barbarische Beischlafanbahnung, billige Begattungseinleitung, widerlich.

Es gibt den Umschlag hier! und eine zweite Leseprobe, den Anfang.

© 2008, Klaus-Dieter Regenbrecht