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Alle Rechte vorbehalten © All rights reserved by Klaus-Dieter Regenbrecht 1998 - 20
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Zettelkasten, Zettel
Darmstadt, Präsident und Akademie

 Im März 2014 auf der Leipziger Buchmesse
mit einem ersten Platz
beim Landschreiber-Wettbewerb ausgezeichnet.

Die Mutter aller Menschen ist die Mutter aller Zungen, das, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, haben schon vor einiger Zeit Gen- und Sprachforscher herausgefunden. Lassen Sie mich mit einem Zitat aus dem ersten Band der Deutschen Literaturgeschichte von Ernst und Erika von Borries beginnen:

"Gegen Ende des 9.Jahrhunderts brach die deutschsprachige Überlieferung für rund 150 Jahre vollständig ab. Als sie um 1050/60 wieder einsetzte, repräsentierte die deutsche Literatur eine neue Sprachstufe, das Frühmittelhochdeutsche. Diese rapide Sprachentwicklung, in deren Verlauf die althochdeutschen Texte schon bald nicht mehr verstanden wurden, ist einer der Gründe für das lange Verstummen."

Weit Dramatischeres und Tiefergreifendes wird mit den Sprachen der Welt um die bevorstehende Jahrtausendwende geschehen. Es gibt nur ein einziges phonetisches System auf dieser Erde. Alle Sprachen haben sich aus einer einzigen entwickelt. Unsere Logo-Designer "Talkingtree & Sinningstone" werden Ihnen heute die erste erfolgreich verlaufene Virenproduktion für eine geplante und kontrollierte Evolution der lautlosen Lautverschiebung präsentieren können. Viren, mit denen es uns möglich sein wird, jedes gespeicherte, geschriebene oder gesprochene Wort von innen heraus zu manipulieren, so dass man glauben muss, die Buchstaben, Laute, Worte, Sätze und Texte selbst hätten ein Eigenleben angenommen, das sich von dem Sprecher, dem Schreiber, dem Textprogramm, der gesamten Sprache nicht nur emanzipiert, sondern eigendynamisch weiterentwickelt hat.

In der Eigenart von Viren liegt es, dass sie außerhalb von Zellen die Eigenschaften von unbelebter Materie besitzen, aber sind sie einmal in die Zellen eingedrungen, beginnen sie zu leben, beginnen sie die gesamte Organisationsstruktur der Zelle für sich und ihren Stoffwechsel, ihre eigene Fortpflanzung nutzbar machen. Diese von Designern geschaffenen "Sephogravi" (= semiotisch-phonetisch-graphische Viren) wirken außerhalb einer Textstruktur, einer Sprachsequenz weder wie Zeichen, noch wie Laute. Sie sind nicht Sprache, sie sind Schweigen. Sie sind rein ideell. Erst innerhalb einer Gastzelle, die aus jeder Sprache stammen kann, werden sie aktiv und übernehmen das Kommando mit dem Ziel der Zerstörung der Gastzelle und schließlich des gesamten Gastorganismus. Das heißt, diese Designer-Viren werden alle Sprachen auslöschen, sofern wir das wünschen. Und wir werden dann eine Form der Kommunikationstechnik anbieten und installieren können, die um so vieles intelligenter und effizienter sein wird wie es heute das Business-English gegenüber dem Gegröle eines hirnlosen Hooligans ist.

Sprache wird dann nicht mehr vom Sprecher gemacht, das allgemeine Sprachsystem wird also nicht mehr von einem Individuum realisiert und aktualisiert, sondern das Individuum realisiert das Programm der eingeschleusten, von uns gestalteten Viren. Wenn wir es wünschen, werden alle Menschen zur gleichen Zeit verstummen und sie werden alle zur gleichen Zeit die von uns ausgegebenen Parolen brüllen.

Sie werden es wissen, meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, es hat ein Vorgängervirus gegeben. Sie werden wissen, dass ich vom HIV spreche. Sie sollen aber auch wissen, dass wir sehr viel weiter gekommen sind. Die Kontamination ist jetzt nicht mehr von Zufällen abhängig. Wir werden sowohl den Zeitpunkt als auch den Umfang der Kontamination innerhalb der Bevölkerung oder bestimmter Bevölkerungskreise genau terminieren und konditionieren können. Wir sind heute soweit, einen ersten Feldversuch zu starten. Es bietet sich für diesen ersten Test an, eine kleine Ethnie auszusuchen, die möglichst isoliert lebt, deren Sprache und Lebensumstände sich in den letzten Jahrtausenden nur unwesentlich verändert haben.
Aus der Historie ist uns ein Vorgang, ein Phänomen bekannt, das unter dem Begriff "Pfingsterlebnis" seinen Platz in der religiösen Überlieferung bewahrt hat. Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass es sich dabei um ein kurzfristiges, zufälliges Auftreten eines Vorgängers desjenigen Virus handelt, für dessen kontrollierte Produktion wir heute Grundsteinlegung feiern dürfen. Ich habe keine Zweifel daran, dass wir innerhalb kürzester Frist, einer Testphase von wenigen Jahrzehnten, Jahren vielleicht nur, in ein neues Zeitalter treten werden.

Stellen Sie es sich nur vor: Die Schriftsteller werden Wunderwerke verfassen, die jeder verstehen kann und die von allen gleich verstanden werden. Es wird keine Missverständnisse mehr geben, keine Streitgespräche, keine Lügen, keine Manipulation von Information. Erkenntnisgewinnung wird, wie die Gewinnung anderer kostbarer und lebenswichtiger Ressourcen, in den Händen weniger Verantwortlicher liegen. Diese Verantwortlichen werden der Weltbevölkerung das an Quantität und Qualität der Erkenntnis zukommen lassen, was für uns alle von Vorteil ist. Und niemand wird etwas vermissen, alle werden sich übereinstimmend und lobender Weise äußern. Jeder wird das beglückende Gefühl haben, verstanden zu werden und alle und alles zu verstehen. Niemand wird von dem leisesten Zweifel geplagt sein. Denn wir alle wissen, nicht erst die individuelle Interpretation der Wahrnehmung empirischer Daten ist verantwortlich für Subjektivität.

Die individuell unterschiedliche Ausformung der Wahrnehmungsapparate, die unterschiedlichen Erfahrungen, Empfindungen und Erwartungen haben zur Folge gehabt, dass wir, obwohl wir alle in der gleichen Welt und Realität leben, ganz unterschiedliche Leben geführt haben. In Zukunft werden alle Menschen, wo immer sie leben, was immer sie erleben, stets das gleiche zum Ausdruck bringen. Die Welt wird also endlich für alle gleich sein.
Utopien werden wahr, alle Utopien werden dann wahr geworden sein. Aus Ländern ein Land! Vergangenheit die Klagen beispielsweise der Deutschen nach der Wiedervereinigung, sie sprächen nicht die gleiche Sprache. Die nur bei exaktester Betrachtung überhaupt feststellbaren Unterschiede infolge von vierzig Jahren nicht einmal vollständig separater Geschichte wurden zur unüberwindlichen Sprachbarriere für das gegenseitige Verständnis. Eine solche Situation wird in Zukunft überhaupt nicht mehr möglich sein. Sobald es notwendig erscheint, Verhaltensänderungen herbeizuführen, wird das über veränderte Kommunikationsinhalte hergestellt werden können. Oft genug wird es aber gar nicht notwendig sein, reale Veränderungen herbeizuführen.

Um Ihnen mit einigen eher putzigen Beispielen einen Eindruck zu vermitteln, wie leicht und doch nachhaltig schon die ersten Prototypen der Viren von "Talkingtree & Sinningstone" gewirkt haben: Die Braut haucht/ die Haut braucht, Rahmendaten/ Damenraten, sight seeing/seed sighing. Seufzender Samen, schon diese kruden Formen deuten eine durchaus poetische Kompetenz an. Natürlich, natürlich. Niemanden von uns durfte es verwundern, dass wir von führenden Köpfen der harten Wissenschaften milde belächelt wurden ob solcher läppischer Spielereien. Aber siehe da, die Herren und Damen Naturwissenschaftler forschten und forschten und gewannen Erkenntnisse um Erkenntnisse und vollbrachten Fortschritt um Fottschrift und waren eines Tages in der Lage, den perfekten Menschen zu schaffen. Nur, leider, leider, die unvollkommenen Menschen wollten den perfekten Menschen nicht. Sie schrieen Zeter und Mordio. Den gottgleichen Wissenschaftlern war alles gelungen außer der Kleinigkeit, die Menschen davon zu überzeugen, dass das, was sie zu schaffen nun in der Lage waren, auch wünschenswert war. Sie konnten sich nicht mitteilen, sie konnten sich und ihren Standpunkt nicht vermitteln, da halfen die raffiniertesten und aufwendigsten PR-Kampagnen nichts. Und zu dem Zeitpunkt brachten wir uns ins Spiel. Und siehe da, die Götter erkannten, dass sie eine Platte, früher Stein- , heute Festplatten, und ein paar Zeichen brauchten, um ihre neuen göttlichen Gesetze wirksam zu verkünden.

Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, Sie alle wissen, dass wir die Pioniertat lautloser Lautverschiebung im Bereich "Dichtung und Sprache" nur in engster Zusammenarbeit mit Gentechnikern, Pharmazeuten, Ethnologen und vielen anderen Naturwissenschaftlern vollbringen konnten. Die Nähe zu nicht nur wissenschaftlichen, sondern auch höchst potenten finanziellen Quellen, hat uns eine fast unglaublich rasche Problemlösung ermöglicht. Ich will auch nicht versäumen, auf die Unterstützung einiger namhafter Chirurgen während der Frühphase unserer Forschungen hinzuweisen. Sie haben uns vorgemacht, wie einschneidende Ergebnisse zu erzielen sind. Alleine, das wissen Sie, wären wir auch nie in der Lage gewesen, ein riesiges Areal Regenwaldes zu kaufen und dieses den Eingeborenen zu überlassen.

Alleine hätten wir vielleicht herausgefunden, wie wir unsere "Sephogravi" zu designen hätten, aber eine Produktion nennenswerten Umfanges wäre von uns in absehbarer Zukunft nicht zu leisten gewesen. Aber wir schätzen uns glücklich, eine ausreichende Anzahl von Viren zu besitzen, die wir während des Feldversuches im Regenwald Borneos einer ersten großen Bewährungsprobe unterziehen. Die Mutter aller Menschen ist die Mutter aller Zungen, sagte ich eingangs. Der Herr aller Zungen ist der Herr aller Menschen, mit dieser Zuversicht möchte ich schließen. Wünschen wir unseren Kosmissionauten der Neuzeit eine gute Reise und viel Erfolg. Mögen Sie bald mit kostbaren Gütern, Erfahrungen und Erkenntnissen sicher in den heimatlichen Hafen zurückkehren. Denken Sie stets daran, Sie sind die Pioniere eines neuen Zeitalters. Gute Fahrt!

Aus: Stellas Promotion © by Klaus-Dieter Regenbrecht,  1993, zurück zum Zum Zettelkasten Stellas Promotion

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